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Kultur

Buchtipp: Von der Utopie zu einem schlechten Trip

23. Februar 2019 00:04 Uhr

Von der Utopie zu einem schlechten Trip
Kultautor T.C. Boyle

Kultautor T.C. Boyle schildert in seinem jüngsten Roman, "wie die Kultur der Beatniks langsam in die Hippie-Szene kippte und wie LSD dabei als Schmieröl diente".

In den 1960er-Jahren hatte US-Psychologe und LSD-Guru Timothy Leary in einer Art Kommune "Gruppensessions" veranstaltet. Durch die Einnahme von psychedelischen Drogen sollten seine Gefolgsleute "eine neue Welt" betreten, wie es T.C. Boyle in seinem soeben auf Deutsch erschienenen Roman "Das Licht" formuliert.

Wie in vielen seiner Romane (etwa "Dr. Sex" oder "Willkommen in Wellville"), bedient sich Boyle historischer Gestalten und gewohnt penibel recherchierter Begebenheiten. Darin eingebettet erzählt er mit sachlicher Nüchternheit – und dadurch umso eindringlicherer Wirkung – die fiktive, aber plausible Geschichte des Psychologie-Doktoranden Fitz und dessen Frau Joannie, die in den "inneren Kreis" des umstrittenen Dozenten Leary aufgenommen werden. Die Einnahme von halluzinogenen Stoffen soll das Bewusstsein erweitern und "tiefste interpersonelle Harmonie" fördern.

Schon im "Vorspiel" seines Buchs schildert Boyle das Geschehen, in diesem Fall das erste Selbstexperiment und das erste High des LSD-Entdeckers Albert Hofmann in Basel 1943, aus der Sicht einer Nebenfigur, der Sekretärin des Chemikers. Der Leser soll zwar die Hintergründe kennen, aber bei "Das Licht" geht es nicht vordergründig um die Prominenten Hofmann und Leary, deren Biografien ausreichend vorhanden sind. Ken Kesey und Mary Pranksters, die in San Francisco legendäre Drogen-Happenings, sogenannte Acid Tests, veranstalteten und zu den wichtigsten Proponenten der Hippie-Kultur zählen, tauchen folgerichtig nur als Randnotiz auf.

"Das Licht" veranschaulicht die Wirkung Learys auf andere und die Begeisterung und Unreflektiertheit, mit der diese ihrem Guru folgen. Auch Fitz und Joannie verfallen ihm und den Verheißungen, die das damals noch nicht verbotene, aber bereits umstrittene LSD bietet. Begeistert von freier Liebe, Sinneserweiterung und Gruppendynamik nimmt das Paar an "Samstagssessions" an Learys Uni teil, dann folgen sie dem Guru und seiner Schar nach Mexiko und schließlich nach New York, wo man in einem Gemeinschaftshaus die Auflösung der gesellschaftlichen Strukturen probt – letztendlich aber bloß den nächsten Trip herbeisehnt; im Fall von Fitz längst unfähig, mit der Realität klarzukommen.

Der drogenerfahrene Tom Coraghessan Boyle erhebt in "Das Licht" nie den moralischen Zeigefinger. Es ist dem Leser überlassen, Schlüsse zu ziehen. Der Blickwinkel springt von Fitz zu Joannie und von ihr wieder zu Fitz. Beide erliegen zunächst der Verheißung von Spiritualität, Transzendenz und ausgelebter Sexualität ohne Besitzanspruch. Ihre Empfindungen sind nachvollziehbar, zu verlockend sind die Versprechen einer utopischen Lebensweise, die bloß von "Spießern" abgelehnt wird. Beide erleben den Trip auf unterschiedliche Art: Joannie wacht ernüchtert auf und kehrt in die konventionelle Welt zurück, Fitz verliert sich in Egomanie, seine Sucht kennt kein Zurück. Die Gegenkultur ist nicht nur an reaktionären Gegenströmungen, sondern auch an sich selbst gescheitert.

Boyles "Das Licht" ist ein später Beatnik-Roman, aber auf alle Fälle eine essenzielle Ergänzung – und unterhaltsam sowieso. (wh)

Von der Utopie zu einem schlechten Trip

Tom Coraghessan Boyle: "Das Licht", Carl Hanser Verlag, 384 Seiten, 25,70 Euro

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