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Kultur

Wie Menschen zwei Mal Opfer werden

Von Christoph Kotanko   01. September 2015 00:04 Uhr

Flüchtlinge: Was gezeigt wird und was nicht, ist eine Gewissensentscheidung

Wahrscheinlich durch Rechtsbruch kam die „Krone“ zum Foto toter Flüchtlinge. Sie ist wieder ein Fall für den Presserat.

170 Anzeigen gegen die "Krone" landeten bis Montagmittag auf dem Schreibtisch von Alexander Warzilek, Geschäftsführer des Österreichischen Presserates. So viele Beschwerden gab es noch nie.

Bei allen ging es um das Foto toter, zusammengepresster Körper auf der Ladefläche des Flüchtlings-Lkws in Parndorf. Das Boulevardblatt hatte es am Freitag ohne Rücksicht auf den Opferschutz abgedruckt – wodurch die Toten zum zweiten Mal Opfer wurden.

Die "Krone" versuchte ihre abstoßende Verfehlung zu rechtfertigen: Das Foto zeige "die Dramatik des Todeskampfes von Männern und Frauen ohne Sauerstoff".

Lust an der Sensation

Presserats-Mitglied Andreas Koller dagegen nannte die Veröffentlichung "unentschuldbar. Es ist inakzeptabel, Flüchtlinge nach ihrem grausamen Tod aus purer Lust an der Sensation im Zeitungsboulevard zur Schau zu stellen."

Heute wird der zuständige Senat des Presserates ein Verfahren einleiten. Das ist bei der "Krone" nicht selten. Im Vorjahr wurden bei heimischen Medien insgesamt 35 Verstöße gegen den Ehrenkodex der Presse festgestellt – 16 Mal betraf es die "Krone", elf Mal "Österreich" und fünf Mal "Heute."

Die Hauptübeltäter sind ausgerechnet jene drei Blätter, die von der öffentlichen Hand (Regierung, staatsnahe Betriebe) mit Abstand die meisten Inserate bekommen.

Matthias Karmasin, Universitätsprofessor und Fachmann für Medienethik, verweist auf drei Punkte, die das "Krone"-Bild so skandalös machen. "Erstens: Wie ist man zum Foto gekommen? Der Beschaffungsvorgang dürfte problematisch sein."

Laut Polizei wurde das Bild von einem Beamten gemacht und möglicherweise von einem anderen weitergegeben. Das Bundesamt für Korruptionsbekämpfung wird nun versuchen, den "Krone"-Komplizen zu enttarnen.

Karmasin weiter: "Bei der Veröffentlichung muss man das mögliche Interesse des Publikums und die Menschenwürde abwägen. Die Flüchtlinge wurden ermordet – da hat der Opferschutz Vorrang."

Schockbilder sind möglich

Auf Facebook und Twitter wird nun debattiert, ob man in schrecklichen Zeiten nicht auch schreckliche Bilder zeigen müsse. ORF-Korrespondent Karim El-Gawhary etwa meint, die im Netz kursierenden Fotos von Kindern, die auf der Flucht im Meer ertranken, seien "pietät- und geschmacklos, aber unsere Zeiten sind es auch". Es habe doch "etwas Unehrliches, die Politik nicht zu ändern, die zu diesen Tragödien führt".

Ja, ein Medium kann Schockbilder zeigen, wenn es ein Aufklärungsinteresse hat und legal zu ihnen kam. Die "Krone", bekannt für reißerische Aufmachung, kam durch Rechtsbruch zum Foto.

Besonders absurd: Das Firmenlogo auf dem Lkw wurde verpixelt – die Toten wurden gezeigt.

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