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Kultur

"Werther" ist keine Person, sondern eine Diagnose

Von Lukas Luger   14. Mai 2016 00:04 Uhr

"Werther" ist keine Person, sondern eine Diagnose
Felix Rank, auf den Knien vor Katharina von Harsdorf

Uraufführung: Das Drama "Werther lieben" des Schlierbacher Theater-Jungstars Thomas Arzt begeisterte restlos im Phönix.

Gleich vorweg: "Werther lieben" aus der Feder des Schlierbacher Autoren-Jungstars Thomas Arzt ist keine postmoderne Neudeutung der berühmten Dreiecksgeschichte, keine zwanghafte Aufmaschelung des Klassikers für das Heute. Sondern ein absolut eigenständiges Theatererlebnis, das die Seelenverwandtschaft zu Goethe nur subtil zelebriert, wie die beeindruckende Uraufführung am Donnerstag im Linzer Theater Phönix demonstrierte.

Charlotte (so zerbrechlich und doch so stark: Phönix-Gast Katharina von Harsdorf) und Max (gewohnt souverän: Markus Hamele) stehen kurz vor der Hochzeit – und den Trümmern ihrer Beziehung. Er kontrolliert nicht nur Karriere und Gefühle, sondern auch das Leben seiner Partnerin. Sie misstraut der Zukunft, und fragt sich, ob Einfamilienhaus, Vermählung und Kinder wirklich Erfüllung verheißen. Die befreundeten Betty (schrill: Isabella Szendzielorz) und Götz (David Fuchs, fein zwischen Spaßvogel und trauriger Gestalt pendelnd) sind viel zu sehr in ihre eigenen Probleme verstrickt, um helfen zu können – oder zu wollen. Das Pflaster, das die Beziehungswunde von Charlotte und Max überdeckt, reißt Ulrich (Felix Rank), der neue Nachbar, herunter. Er ist unkonventionell, ein In-Den-Tag-Hinein-Lebender. Ist er Charlottes Ausweg aus den "Wänden, zwischen denen man gefangen sitzt", wie Goethe formulierte?

Die Angst vor dem Absturz

Auf der von Georg Lindorfer als leicht grindige Provinzidylle gestalteten Bühne, entspinnt sich ein Drama in fünf Szenarien. Die Hochzeitsszene dient dabei als Bindeglied für dieses "Was wäre wenn ..."-Ringelreia. Zart mit Dialekt gefärbt, seziert Thomas Arzt grandios eine Generation, die aus Angst vor dem beruflichen Absturz vergisst zu leben. "Werther" ist hier keine Person, sondern Diagnose. Querverweise auf Goethe setzt Arzt behutsam, etwa als Max von einem Prostituierten-Erlebnis in Zürich erzählt. Eine Szene, die von den "Briefen aus der Schweiz" inspiriert ist, die der Dichterfürst als Kommentar zu "Werther" verfasste.

Mit sicherer Hand leitet Regisseur Johannes Maile die Figuren durch das Geschehen. Die Übergänge zwischen den mehr als 30 Szenen sind beeindruckend geschmeidig, Video-Sequenzen bieten Einblicke in Dusche und Bett des Pärchens. Als "Rausschmeißer" läuft Billy Joels "We Didn’t Start The Fire". Perfekt. Wir haben nichts erfunden, singt der "Piano Man", weder die Angst, die Liebe, noch die Verzweiflung. Darum sind die Themen, die Goethe verhandelte, auch bis heute derart eindringlich. Besonders in den Händen von Thomas Arzt.

Uraufführung: "Werther lieben" von Thomas Arzt, Regie: J. Maile, Theater Phönix, 12. 5.

OÖN Bewertung:

 

Zur Person

Der 1983 in Schlierbach geborene Dramatiker Thomas Arzt hat sich längst einen ausgezeichneten Namen in der Theaterlandschaft erschrieben. Sein Stück „Totes Gebirge“ wurde erst im Jänner an der Josefstadt uraufgeführt. Auf sein 2011 am Schauspielhaus Wien uraufgeführtes Debüt „Grillenparz“ ließ er „Alpenvorland“, „In den Westen“ (jeweils 2013) und „Johnny Breitwieser“ (2014) folgen. Er lebt als freier Autor mit seiner Frau in Wien und Flensburg.

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