Lade Inhalte...
  • NEWSLETTER
  • ABO / EPAPER
  • Lade Login-Box ...
    Anmeldung
    Bitte E-Mail-Adresse eingeben
    Bitte geben Sie Ihre E-Mail-Adresse oder Ihren nachrichten.at Benutzernamen ein.

gemerkt
merken
teilen

„Und unsere Seelen trocknen aus!“

Von Von Ludwig Heinrich aus Berlin, 09. Dezember 2008, 00:00 Uhr
Posing vor dem Filmplakat: Philippe Claudel Bild: epa

15 Jahre lang hatte Juliette (Kristin Scott Thomas) keinen Kontakt zu ihrer Familie. Denn Juliette war im Gefängnis. Philippe Claudels am Freitag bei uns anlaufende Film beginnt am Tag ihrer Entlassung. „So viele Jahre liebe ich dich“ ist der erste Filmregieversuch des französischen Top-Autors.

OÖN: Schon die Verfilmung Ihres Romans „Die grauen Seelen“ war ein großer Kinoerfolg. Was hat Sie gereizt, selbst einmal auf dem Regiesessel zu sitzen?

Claudel: Ob beim Erzählen mit Worten, als Maler oder durch die Kamera: Die Bildsprache stand bei mir immer im Vordergrund. Auch verbindet mich mit dem Kino eine alte Liebe. Bereits als Student in Nancy, in den frühen achtziger Jahren, habe ich mehrere Kurzfilme gedreht.

OÖN: Was ist der wesentliche Unterschied zwischen Kino und Schreiben?

Claudel: Dreharbeiten sind ungleich kräftezehrender. Wenn ich einen Roman schreibe, kann ich mir Ort und Zeit einteilen. Aber ist die Filmmaschinerie einmal in Gang gesetzt, kann sie nichts mehr stoppen.

OÖN: Das Drehbuch zu „So viele Jahre liebe ich dich“ haben Sie in Lappland geschrieben. Wie das?

Claudel: Vor drei Jahren, als meine Tochter sieben war, wollte ich ihr die Heimat des Weihnachtsmannes zeigen. Wir waren zwei Wochen dort, für uns war das wie ein Traum. Wir waren in den Wäldern und haben den „wirklichen“ Weihnachtsmann getroffen.

Die Nächte dort sind, wie man weiß, sehr, sehr lang. Ich habe gemerkt, dass ich tief in meine Gedankenwelt eindringen und das ganze Universum rund um mich vergessen konnte. Also fiel mir der Entschluss nicht schwer, mich für das Drehbuchschreiben dorthin zurückzuziehen. Die Arbeit ging dann sehr leicht von der Hand.

OÖN: Ihre Heldin ist eine Frau, die aus dem Gefängnis kommt?

Claudel: Es ist eine Geschichte über das Eingesperrtsein. Über unser aller Eingesperrtsein. Aber es ist auch ein Film über die Stärke der Frauen, über ihre Fähigkeit, zu strahlen, sich neu zu erfinden, neu aufzuleben.

OÖN: Sie haben einschlägige Erfahrungen, weil Sie elf Jahre lang die Inhaftierten im Gefängnis von Nancy unterrichteten?

Claudel: Ich habe im Jahr 2000 aufgehört, aber die Jahre dort zählen zu den wichtigsten Momenten meines Lebens. Ich war drei, vier Tage pro Woche dort, war sehr deprimiert, weil das ein so spezielles Universum ist.

Ich begann, einen Roman über diese Jahre zu schreiben, fand auch einen Produzenten, der einen Film daraus machen wollte. Ich merkte aber bald, dass diese Geschichte nicht funktionierte. „So viele Jahre liebe ich dich“, wo auch die Geschichte zweier Schwestern erzählt wird, war dann ein neuer Anlauf.

OÖN: Was halten Sie von Gefängnissen?

Claudel: Vielleicht sind sie notwendig. Trotzdem glaube ich: Wenn wir immer neue Gefängnisse bauen, sind wir auf einem falschen Weg. Wir sollten die alten Gefängnisse zerstören und uns neue Strafen ausdenken.

Meine Filmheldin musste 15 Jahre absitzen. Doch ich wollte zeigen: Sie ist kein Monster, nur eine Frau mit sehr dramatischen Ereignissen in ihrem Leben.

OÖN: In Ihrem wunderbaren, preisgekrönten Roman „Die grauen Seelen“ schildern Sie ein hoffnungsloses Universum?

Claudel: Aber nicht, ohne auf unser wichtigstes Ziel hinzuweisen – die Unschuld. Kinder könnten uns da eine Menge lehren. Wir haben die Fähigkeit des Vergebens verloren, die Großzügigkeit, unseren Mitmenschen eine zweite Chance zu geben. So trocknen unsere Seelen Schritt für Schritt aus. Ich denke, es ist eine große Aufgabe der Kunst, zu helfen, dass dieser wunderbare Fokus der Humanität wieder aufflammt.

mehr aus Kultur

Stilvoll durch die Festsaison

Von Freistadt über Linz bis Vöcklabruck: 8 Tipps fürs Sommerkino

Olympia vor 100 Jahren und ein jodelnder Tarzan

Büchner-Preis für den Südtiroler Autor Oswald Egger

Lädt

info Mit dem Klick auf das Icon fügen Sie das Schlagwort zu Ihren Themen hinzu.

info Mit dem Klick auf das Icon öffnen Sie Ihre "meine Themen" Seite. Sie haben von 15 Schlagworten gespeichert und müssten Schlagworte entfernen.

info Mit dem Klick auf das Icon entfernen Sie das Schlagwort aus Ihren Themen.

Fügen Sie das Thema zu Ihren Themen hinzu.

0  Kommentare
0  Kommentare
Die Kommentarfunktion steht von 22 bis 6 Uhr nicht zur Verfügung.
Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare geschrieben.
Neueste zuerst Älteste zuerst Beste Bewertung
Aktuelle Meldungen