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Kultur

"Streben nach Perfektion erstickt die Kreativität"

Von Karin Schütze   22. September 2017 11:55 Uhr

Kreativität statt Perfektion

Es ist ein besonderes Brucknerfest-Ereignis, wenn am 7. Oktober Nigel Kennedy und das OÖ. Jugendsinfonieorchester im Brucknerhaus Vivaldis "Vier Jahreszeiten" ganz neu spielen. Worauf sich der Geigenstar dabei besonders freut, hat er den OÖNachrichten verraten.

Mit seiner Punkfrisur gilt er als "Enfant terrible" der Klassikwelt. Ein Gespräch über Perfektionismus, Yehudi Menuhin und das Abenteuer Musik.

Ihre Aufnahme von Vivaldis "Vier Jahreszeiten" 1989 ist das meistverkaufte Album. In Linz spielen Sie das Werk auf Ihre spezielle Weise. Welche?

Die neuen "Vier Jahreszeiten" halten dem halbimprovisierten Geist des Originals die Treue. Es ist eine bildhafte Musik, die Jazz, Folk, Blues und mehr mischt. Es geht um Spontanität. Musikmachen ist immer ein Abenteuer, mit den Menschen auf der Bühne zu kommunizieren. Man muss die Musik stets neu entdecken, um das Publikum zu überraschen. Mit dem Ziel, ihr jedes Mal eine neue Einzigartigkeit einzuhauchen. Um ehrlich zu sein, denke ich mittlerweile über Vivaldis Musik, als wäre sie meine. Ich kenne sie in- und auswendig. Und ich freue mich riesig darauf, mit dem Oberösterreichischen Jugendsinfonieorchester zu spielen und mit diesen jungen Talenten zu arbeiten.

Was ist Ihnen dabei wichtig?

Ich möchte ihnen zeigen, dass klassische Musik immer neu ist, immer einen Bezug hat zu der Zeit, in der wir leben. Ich bin sicher, wir werden etwas Neues finden und das Publikum mit unserer Freude anstecken.

Sie werden auch Werke Ihres Albums "My World" spielen. Was bedeutet Musik für Sie?

Alles. Sich selbst herausfordern, dynamisch sein, ursprünglich und immer nach vorne blicken. Der erste Teil von "My World" ist Menuhin, Grappelli, Isaac Stern, Jarek Smietana und Mark O’Connor gewidmet. Der zweite ist für Tschechows "Drei Schwestern" geschrieben. Es war Zeit, Menschen Tribut zu zollen und danke zu sagen für das, was sie mir gegeben haben. Diese Stücke zu spielen, wird eine großartige Erfahrung für die jungen Musiker und für mich.

Mit Yehudi Menuhin und Stéphane Grappelli in Jazz-Improvisation hatten Sie zwei sehr verschiedene Lehrer. Wie sind Sie damit umgegangen?

Yehudi Menuhin hat mir ein Stipendium finanziert und mich zehn Jahre unterstützt. Ohne ihn wäre ich wahrscheinlich kein klassischer Musiker geworden. Er hat mir dieses Umfeld ermöglicht. Und er hat mir den direkten Weg zurück zur Musik Bachs geebnet. Sein Lehrer George Enescu hat Bachs Violinsonaten wiederentdeckt. Yehudi war ein ernsthafter Bach-Interpret. Und er war ein großer Melodiker. Obwohl er technisch nicht brillant war, waren zwei Klänge von ihm so viel wert wie tausend seiner Zeitgenossen. Stéphane zu begegnen, war unbezahlbar, weil sein Spiel bewiesen hat, dass ernste Musik nicht erhaben oder bedrückend sein muss. Wann immer er gespielt hat, hat sich eine frische Geschichte entfaltet. Seine Phrasierung war ein wundervolles Fließen. Er hat sein Instrument als Quelle seiner Lebensfreude genutzt. Dafür haben ihn die Menschen geliebt. Und vor allem er hat mich gelehrt, Musik immer auf meine Weise zu spielen. Das war die wichtigste Lektion.

Sie beklagen, dass Musikschulen Klone produzieren würden. Was vermissen Sie in der musikalischen Bildung?

Das Streben nach Perfektion erstickt Kreativität und Individualität. Jeder ist anders. Warum kann der Fokus statt auf Technik und Regeln nicht auf Kreativität und Individualität liegen? Jazz-Größen wie Coleman, Hawkins, Fats Waller und Louis Armstrong hatten keinen Unterricht. Sie haben aus der Erfahrung gelernt. Dadurch wurden sie einzigartig. Wenn Sie Aufnahmen von Fritz Kreisler, Jascha Heifetz und Isaac Stern vergleichen, haben Sie völlig andere Interpretationen. Das ist es, was zählt. Sie möchten ja auch nicht, dass Leonardo DiCaprio Shakespeare genau so spielt, wie Laurence Olivier ihn gespielt hat. Bei Schauspielern gibt es diese wunderbaren Unterschiede noch. Auch bei großen Pianisten wie Alfred Cortot, Arthur Rubinstein und Vladimir Horowitz hat das Klavier jeweils wie ein anderes Instrument mit anderen Klangfarben geklungen.

Heute ist oft die Rede vom überalterten Publikum. Sehen Sie eine Krise der klassischen Musik? Was wäre die Lösung?

Jede Krise in der klassischen Musik hängt von einem Mangel an Kreativität und Individualität ab. Mir fällt kaum ein junger klassischer Musiker mit individuellem Talent ein. Sie sind alle Teil einer Musikindustrie, von der sie sich befreien müssen. Die Herausforderung und Lösung liegt darin, Kreativität und Talente mit Ecken und Kanten zu fördern.

Wie geht es Ihnen mit dem Brexit?

Der Brexit hat polarisiert und wirbelt unterschwelligen Hass durch die Gesellschaft. Kein Musiker der Welt glaubt an so etwas wie eine Schutzwirkung durch den Brexit oder ist so selbstsüchtig, dass er jemandem, der weniger glücklich ist als er, nicht helfen wollte. Ich bin darüber extrem bestürzt und fassungslos.

*****

AUFTRITT BEIM BRUCKNERFEST

Am 7. Oktober spielt Nigel Kennedy gemeinsam mit dem Oberösterreichischen Jugendsinfonieorchester im Linzer Brucknerhaus. Großer Saal, 20 Uhr, Karten: 0732 / 77 52 30, www.brucknerhaus.at

ZUR PERSON

Der Brite Nigel Kennedy (61) stammt aus einer Musikerfamilie. Als Siebenjähriger erhielt er ein Stipendium der Yehudi-Menuhin-Schule. 1977 debütierte er unter Riccardo Muti. Zu seinem Repertoire zählen auch Peter Gabriel, Jimi Hendrix und The Doors.

1998 spielte Sony seine Arrangemente von Jimi Hendrix ein. 1999 trat er als erster westlicher Künstler nach dem Kosovo-Krieg in Belgrad auf, seit 2007 weigert er sich aus politischen Gründen in Israel aufzutreten. Kennedy ist mit einer Polin verheiratet und lebt in London, Malvern und Krakau.

 Mit „My World“ erschien 2016 sein erstes Solo-Albums mit eigenen Kompositionen. Ein Erfolg war auch „Kennedy plays Bach“ (2000). 2002 erschien zu seinem 25-jährigen Konzertjubiläum ein „Greatest Hits-Album“.

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