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Kultur

Reif für das Hafen-Woodstock

Von Von Lukas Luger und Bernhard Lichtenberger   06. Juli 2009 00:04 Uhr

Hafenfest Linz09

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Mehr Happening als Konzertabfolge, mehr Fest als Festival. Hubert von Goiserns „Linz Europa Hafenfest“ setzte als Finale seiner musikalischen Schiffsbegegnungen mit Ost und West ab Freitag einen Meilenstein im Sinne eines Hafen-Woodstocks.

Den Auftakt macht am Freitag der Gastgeber höchstpersönlich: Begleitet von exzellenten Musikern und drei stimmkräftigen Sängerinnen spannt Hubert von Goisern einen Bogen über sein Werk. Ein explosives Gemisch aus Volksmusik, Jazz, Dub und östlicher Folklore. Distanz unmöglich, man ist mittendrin, etwa bei „Herschaun“, für das er die Unterstützung des bulgarischen Gypsy-Brass-Ensembles „Karandila“ holt.

Sentimentaler Favorit

Auftritt Philipp Poisel: Mit seinen poetischen Alltagsgeschichten, vorgetragen in sparsam arrangierten Akustiksongs, gelingt es dem 25-jährigen Sänger/Songwriter aus der schwäbischen Provinz, die Besucher tief zu berühren. Leise, zurückhaltend und völlig unpeinlich singt er von der Sehnsucht nach Zweisamkeit, der Freude und der Unmöglichkeit der Liebe. Der sentimentale Favorit des ersten Festival-Tages.

Claudia Koreck ist das Kontrastprogramm zu den introspektiven Liedern Philipp Poisels. Wie ein quietschfideler bayerischer Gummiball hüpft die 22-jährige Traunsteinerin über die Bühne. Die Lieder sind eine Mischung aus Softrock, etwas Blues und Soul. Textlich schrammt Koreck manchmal allerdings nur haarscharf an Schlager-Plattitüden und Betroffenheitslyrik vorbei. Höhepunkt: Das Liebeslied „I mog die Dog“ widmet sie einem sichtlich verdutzten ORF-Kameramann.

Zwischen den Auftritten fungiert Gastgeber Hubert von Goisern als Conferencier und unterhält mit Anekdoten der mehrmonatigen Bootsfahrt als Linz09-Botschafter. Launig erzählt er von dem heftigen Unwetter, das kurz nach dem Ablegen beinahe die ganze Bühne auf dem Deck des Schiffes zerstörte. Seelenruhig schlafend „wie ein Ratz“ habe er es geschafft, trotz Windböen und turbulentem Seegang das allgemeine Chaos an Bord einfach zu ignorieren.

Eine muntermachende Kombination aus New-Orleans-Jazz, Funk und Roma-Hochzeitsmusik bieten „Karandila“. Das Blechbläser-Orchester verkörpert reine Lebensfreude. Dass nicht jeder Ton perfekt sitzt – geschenkt. Gypsy-Musik in vergnüglicher Schräglage.

Musik trifft Publikum

Mit dem Auftritt der 73-jährigen Jazzlegende Klaus Doldinger (er komponierte unter anderem die Titelmusik des Filmklassikers „Das Boot“) schließt ein Abend, an dem vor allem eines im Mittelpunkt stand: die Musik. Auf der Hafenbühne in Linz ist kein Platz für Egoisten, es geht einzig um das gemeinsame Musizieren und den Austausch mit dem Publikum. Die musikalischen Paarungen der Musiker aus ganz Europa sind manchmal überraschend, nicht immer gelungen, aber trotzdem in jedem Moment spannend.

Zwischen Disco-Pop, Gypsy-Rock und Karpaten-Dance bewegt sich Loredana Groza, die den schwülen Samstagnachmittag mit feuriger Präsenz auflädt. Daheim genießt sie den Titel „rumänische Madonna“, hier kleideten wir sie in das bodenständige „a wüde Federn“, die sich des Gitarristen schon einmal als Go-Go-Stange bedient.

Bloßfüßige Begegnungen

Wie eine Druckwelle dringt der geradlinige Ska-Rock der ukrainischen Kombo Haydamaky mit fetzigem Akkordeon, reschen Bläsern und den „Wir sind alle gleich“-Parolen des Sangesspringinkerls Sascha in die Körper der Hörerschaft und bringt sie in Bewegung.

Dann ist wieder der bloßfüßige Goiserer mit seiner Edel-Truppe an der Reihe, der Janis Joplins „Mercedes Benz“ in eine bluesige Dialektform gießt, mit „Haut & Haar“ die Lust an der Lust steigert oder seinen alten „Wildschütz-Rap“ ausgräbt. „Ja, singts eich ei“, begegnet er Wunschzurufen, „owa den Rhythmus gib i vor.“

Erneut nutzt er die Bühne für seine Kulturpaarungen mit Ost und West, lässt sich mit Loredana in ein schier endloses „I bi an“ treiben, mischt Wolfgang Niedeckens Kölsch mit herzhaftem Salzkammerguatlerisch und tobt sich mit Haydamaky aus. Hier wird kein Festival abgespult, sondern ein Fest gefeiert.

Der kritisch-ironische Charme der formidabel musizierenden Bayern-Jazz-World-Pop-Kapelle Haindling umgarnte das reife Fan-Volk und trieb es sogar in ein allgemeines Walzer-Schunkeln, weil ein Spaß muss auch sein, wenn er mit einem weltverbessernden „Leit, hoits zsamm“ verknüpft ist.

Die laue Nacht klingt mit den Kölsch-Rockern BAP aus, die Fußball, Leben, Dylan und Philosophie zu einem berauschenden Ganzen verknüpfen, das in ein herzhaftes „Für immer jung“-Duett von Wolfgang Niedecken und Hubert von Goisern mündet. Nimmt man die Inbrunst, die dazu Tausenden Kehlen entstieg, zum Maß, dann sprach dieses Stück einem wunderbaren Publikum aus der Seele, die noch immer den Geist von Woodstock birgt.

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