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Placido Domingo als brillanter Methusalem der Barockoper

Von Christoph Lindenbauer   11.August 2012

Palcido Domingo
Palcido Domingo

Vier Stunden Barockoper konzertant klingt erst einmal besorgniserregend. Noch dazu mit einer ungemein krausen Verschrobenheit von Libretto. Georg Friedrich Händels Geschichte des „Tamerlano“ über Liebe, Macht und Selbstmord muss schon im Entstehungsjahr 1724 wie eine Seifenoper gewirkt haben. Aber die Vorbehalte erwiesen sich als grundlos: Was Marc Minkowski und Les Musiciens du Louvre am Donnerstag geboten haben, gehört zum Kurzweiligsten (nicht nur) der heurigen Salzburger Festspiele. Das Premierenpublikum sah es genau so – Riesenjubel für alle Beteiligten.

Federnd, fetzig und rhythmisch sensationell pointiert packten die Gäste aus Frankreich ihren „Tamerlano“ am Schopf. Konsequent entromantisiert, mit einer Energie, die jeder Rockband zur Ehre gereichen würde, und nicht ohne dazwischen mit himmlischer Zärtlichkeit für Rührung und Entspannung zu begeistern. Getragen wurde dieser konzertante Erfolg entscheidend von den Continuo-Spielern an Cembalo, Cello, Bassgeige und Theorbe. Und natürlich von den Sängern, die Minkowski und die Festspiele diesmal ebenso mutig und klug wie unkonventionell und geschäftstüchtig ausgewählt haben.

Countertenor Bejun Mehta „groovte“ sich atemberaubend durch die halsbrecherisch schweren Koloraturen und unterstrich, dass er zu den gegenwärtig führenden Sängern seines Faches gehört. Dann die 22-jährige Julia Lezhneva aus Russland. Nicht zu fassen, mit welch glockenklarer Stimme dieses Mädchen alle Schwierigkeiten meisterte, dabei Vollgas gab und auf die lyrisch-innige Seite Händels trotzdem nicht vergaß. Michael Volle ist und bleibt ein seriöser Bassbariton, und Franco Fagioli brachte einen stark vibrierenden und überwiegend sehr guten Counter zu Gehör. Auch Sopranistin Marianne Crebassa ließ sich mitreißen.

Phänomenale Persönlichkeit

Placido Domingo soll hier ein eigener Absatz gewidmet werden. Nicht, weil er der beste Sänger auf der Bühne gewesen wäre, sondern weil er eine phänomenale Musikerpersönlichkeit ist, die zu ehren gut zu Gesicht steht. Und seine Stimme funktioniert noch immer. Klar, sie klingt wie immer ein wenig zu sehr nach geschmettertem Verdi, aber die Musikalität gepaart mit unendlich viel Erfahrung verfehlten ihre Wirkung nicht.

Minkowskis Koloraturen-Tempo kriegte Domingo leider nicht mehr hin, da hechelte und schliff er eher verzweifelt hinterher. Aber dann strahlten Töne heraus, dann hauchte er sein Leben aus in der berühmten Sterbeszene des „Bajazet“, und dann war und ist er einfach Placido Domingo. Nein, zum Aufhören muss dem Methusalem der Opernbühne nicht geraten werden.

 

Salzburger Festspiele: „Tamerlano“ von Georg Friedrich Händel, konzertante Aufführung, 9. August

OÖN Bewertung:

 

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19. Oktober 2021