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Kultur

Lese-Experte Falschlehner im Interview: Familien brauchen Lesekultur

Von Bernhard Lichtenberger   20. Dezember 2010 00:04 Uhr

Abenteuerleser

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Bild 1/8 Bildergalerie: OÖN fragten nach: Und was liest du?

Eine Leseschwäche gab es schon immer, sagt Gerhard Falschlehner (54), Lese-Experte und Geschäftsführer des Buchklubs der Jugend. Mit moderner Lesepädagogik und Eltern als Lesevorbild müsse gegengesteuert werden.

OÖN: Ist die Leseschwäche erst jetzt dramatisch oder gab es sie schon immer, wurde aber nicht gemessen?

Falschlehner: Man hat es nicht gemessen, und in der Lebenswirklichkeit ist es auch nicht so evident geworden, weil es früher viele Berufe gegeben hat, für die Lesen und Schreiben nicht Voraussetzung war, während man heute praktisch in jedem Beruf mit E-Mail, SMS, Gebrauchsanweisungen und Formularen kämpfen muss. Die Leseanforderungen unserer Gesellschaft sind gestiegen, aber es hat immer einen manifesten Anteil an der Bevölkerung gegeben, der kaum lesen und schreiben konnte.

OÖN: Jugendliche bewegen sich in Social Networks, pflegen die SMS-Kommunikation – ist das eine andere Qualität des Lesens?

Falschlehner: Das sind durchaus andere Qualitäten. Es ist eine Form des Lesens, die heute sehr wichtig ist. Das konzentrierte Lesen eines Buches ist eine ganz andere Sache. Die eine Form beherrschen viele Kinder und Jugendliche sehr gut, das Problem ist, dass das konzentrierte Lesen längerer Texte langsam schwindet. Dort muss man gegensteuern, da das Lesen komplexer Inhalte wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung ist.

OÖN: Kann die Schule gegensteuern? Ist sie auf dem falschen Pfad?

Falschlehner: Wir erleben seit zehn Jahren Diskussionen über die Schulreform, wobei aber nichts weitergeht, was sich auf die Stimmung von Eltern, Lehrern und Kindern negativ niederschlägt. Natürlich müsste an vielen Ecken und Enden verbessert und reformiert werden. Aber man weiß heute, dass man viel früher ansetzen muss. Es geht darum, in den Familien, bei den Eltern wieder so etwas wie eine Lesekultur zu erzeugen. Wenn die Kinder mit Sprachdefiziten in die Volksschule kommen, tut sich die Lehrerin schwer. Die Unterschiede in der Sprachentwicklung von Taferlklasslern machen heute drei bis vier Jahre aus.

OÖN: Was wäre eine vorbildliche Lesekultur?

Falschlehner: Das eine ist regelmäßiges Vorlesen, möglichst ab der Geburt, weil es eine stark emotionale Komponente hat und den Wortschatz und die Sprachentwicklung fördert. Das andere ist das Lesevorbild der Eltern. Wenn Kinder ihre Eltern lesen sehen, ist der Anreiz größer, es selber zu versuchen. Es gibt Untersuchungen, die einen Zusammenhang zwischen dem Buchbesitz der Familie und der Lesekompetenz der Kinder herstellen.

OÖN: Hat fehlende Lesekultur mit der sozialen Schicht zu tun?

Falschlehner: Bildungsferne Schichten, sozial benachteiligte Familien haben in der Regel wenig Lesekultur. Der Großteil der Kinder mit Leseproblemen kommt aus solchen Familien, wobei es völlig egal ist, welche Muttersprache das Kind hat.

OÖN: Was müssten die Schulen machen?

Falschlehner: Leider ist es in Österreich ein bisschen ein Glücksprinzip, in welche Schule ein Kind kommt. Es gibt ganz ausgezeichnete Schulen mit moderner Lesepädagogik, es gibt aber auch Lehrer, die ihre Unterrichtsmethodik irgendwo in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts haben. Das heißt, es gibt immer noch Defizite in der Lehrer-Aus- und -Fortbildung.

OÖN: Welche Methodik passiert da noch?

Falschlehner: Das Horrorbeispiel ist das klassische Reihumlesen, alle Kinder haben denselben Text, ein Kind liest laut vor und stört die anderen, die leise mitlesen oder schlafen. Es gibt keinerlei Differenzierung, weder bei der Auswahl der Literatur noch bei der Kompetenz des Kindes. Moderner Unterricht geht sowohl vom Können als auch vom Interesse her auf die Kinder ein. Es wird eher die Regel sein, dass jedes Kind etwas anderes liest und auch anders mit den Texten arbeitet. Das ist nicht nur Schuld der Lehrer, sondern teilweise auch eine Frage der Ressourcen: Dort, wo es eine gute Schulbibliothek mit ausreichend Büchern und Platz gibt, tut sich der Lehrer leichter.

OÖN: Was würden Sie lesen lassen?

Falschlehner: Das, was die Kinder interessiert. Bisher wurde immer der Sachbuchbereich vernachlässigt. Wir wissen, dass es vor allem Burschen gibt, die nicht gerne Belletristik lesen und als Lesemuffel gelten, aber durchaus bereit wären, in Büchern oder im Internet Sachinformationen zu lesen. Gäbe man ihnen das frühzeitig, könnte man sie durchaus zu Lesern machen. Es muss ja nicht jeder sein Leben lang täglich Thomas Bernhard und Handke lesen.

OÖN: Warum lesen Mädchen mehr als Burschen?

Falschlehner: Da gibt es viele Theorien. Einer der Ansätze ist, weil Lesen in unserer Gesellschaft weiblich konnotiert ist. Zuhause ist es zu 90 Prozent die Mutter, die vorliest, dann erfährt das Kind die Kindergartenpädagogin und die Volksschullehrerin. Den Burschen fehlt sehr oft das männliche Lesevorbild.

OÖN: Sehen Sie auch Feinde des Lesens?

Falschlehner: Bis zu einem gewissen Grad die Fülle der Medien, wobei ich dem Fernseher oder Computer keine Schuld zuweisen möchte – das sind gesellschaftliche Phänomene, und Kinder, die nichts zu lesen haben, flüchten sich halt in elektronische Medien.

OÖN: Gratis- und Billigzeitungen mit ihrem verknappenden Stil finden den Weg zu Schülern. Ist Lesen gleich Lesen?

Falschlehner: Alles, was sie lesen, ist besser, als wenn sie nicht lesen. Dünkel gegenüber solchen Zeitungen, Comics oder Mangas sind überholt. Wenn Kinder über diesen Weg zum Lesen finden, ist das zuerst einmal gut, erst in einem nächsten Schritt wird man schauen, dass man den Kindern auch Anspruchsvolleres vorlegt.

OÖN: Der Handel verkauft nicht weniger Bücher. Wird das Gekaufte auch gelesen?

Falschlehner: Das bezweifle ich. Harry Potter ist unheimlich dekorativ in einer Bücherwand und eignet sich gut als Geschenk. Ich glaube, ein hoher Prozentsatz sind Geschenkbücher, die nicht gelesen werden. Das ist aber noch nichts Böses, wenn ich denke, wie viele Bücher ungelesen in meiner Bücherwand stehen.

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