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Kultur

Leidenschaftliche Streiter um Gottesfrieden

Von Michael Wruss   26. September 2016

Leidenschaftliche Streiter um Gottesfrieden
Die Feinheit des Geflechts aus einzelnen Stimmen war bis ins letzte Detail zu vernehmen.

Im Brucknerhaus musizierten das Wiener Jeunesse Orchester, der Linzer Jeunessechor und der Mozartchor.

Großen Jubel gab es am Freitag am Ende des Brucknerfest-Konzerts für das Wiener Jeunesse Orchester, den Linzer Jeunessechor, den Mozartchor des Musikgymnasiums Linz und für Bruckners große f-Moll-Messe. Und das nicht zu Unrecht.

Einerseits hat Herbert Böck für dieses sich ständig selbst übertrumpfende Glaubensbekenntnis Bruckners ideale Tempi gefunden, die alle sechs Teile in einem Guss erscheinen ließen und dadurch jegliche pathetische Frömmigkeit durch beinahe überbordende Musizierfreude bewusst umsteuerte. Kein grübelnd sinnierendes Schwelgen, sondern tief überzeugtes Kämpfen für die Wahrheit des Glaubens, für das Heil durch den Frieden stiftenden Gott.

Stimmlich an die Grenzen

Zwar waren speziell in den Streichern nicht immer alle Figuren derart zielstrebig ausgeführt, wie es die Holzbläser und Blechbläser vorlebten, trotzdem darf dem jugendlichen Klangkörper Respekt gezollt werden. Den verdient auch Wolfgang Mayrhofer, der seine beiden Chöre – den Linzer Jeunessechor und den Mozartchor des Musikgymnasiums Linz – mehr als nur bewundernswert studierte.

Denn gerade bei dieser Messe läuft man Gefahr, den sich immer stärker massierenden Klangtürmen hinzugeben und auch stimmlich an die Grenzen des Machbaren zu gehen. Und das üblicherweise mit Verlusten, was die Klangfarbe, die Textdeutlichkeit und die Durchhörbarkeit einhergeht. Ganz im Gegenteil an diesem Abend. Nicht nur, dass die Klanglichkeit der Stimmen hervorragend in Szene gesetzt wurde, sondern auch die Feinheit des Geflechts aus einzelnen Stimmen war bis ins letzte Detail zu vernehmen. Und trotz dieser Qualitäten gelang es dem glasklar intonierenden jungen Stimmen, genügend Kraftreserven zu bewahren, um Bruckners Leidenschaftsausbrüche in aller Gewalt massiv zu unterstreichen. Die Solisten, die bei Bruckner – bis auf das Benedictus – eher undankbare Aufgaben zu erfüllen haben, waren mit Ursula Langmayr, Christa Ratzenböck, Alexander Kaimbacher und Martin Achrainer optimal besetzt.

Fragwürdige Interpretation

Der erste Teil des Konzerts überzeugte hingegen weniger. Mendelssohns 5. Symphonie hat beinahe unbarmherzig zugeschlagen und ihre Probleme deutlich offengelegt. Nämlich das Pendeln zwischen kontrapunktischer Meisterschaft, religiös-politischer Aussage, die tief in diese Struktur hineinreicht, und dem plakativen Festwerk für die 300-Jahr-Feier der Augsburger Konfession. Dass Mendelssohn selbst nicht zufrieden war, zeigt, dass dieses 1829/30 als zweite Symphonie komponierte Werk zunächst gar nicht aufgeführt werden konnte, dann 1832 kaum Eindruck hinterließ und erst posthum 1868 gedruckt wurde.

Dennoch hat es etwas, das sich nicht immer erschließt, und so blieb auch an diesem Abend in der Interpretation durch Herbert Böck so manches fragwürdig und die Struktur nur wenig erhellend. Das Orchester hat sich tapfer geschlagen und schien die Energie für die Uraufführung des Abends zu sparen. Diese galt dem Stück "Gefallen ist Babylon" von Jakob Gruchmann, dem mit 25 Jahren wohl jüngsten Kompositionsprofessor Österreichs (Konservatorium Klagenfurt). Über die Inspiration zu diesem Werk ist weder im Programmheft noch auf der Homepage des Komponisten etwas zu lesen und auch einführende Worte ersparte man sich.

Effektvolle Klangwiederholung

So bleibt die gehörte Faktur, die sich aus effektvoll geschichteten Klangwiederholungen aufbaut, die dann ein wildes – eben babylonisches – Sprachengewirr evozieren, in dem viel Material, unterschiedlichste Techniken und Artikulationen einander überlagern und beinahe zum Überquellen der Partitur führen. Ein aufbrausend gestikulierendes Ringen um Klarheit und Verständlichkeit, das Gruchmann am Ende des Stückes durchaus erzielt, aber sich mit den Choralvariationen – aus Mendelssohns Symphonie abgeleitet – zu sehr in der Trickkiste des Pathos vergriffen hat. Der Fall Babylons hat in Wirklichkeit keine derartige Erlösung gebracht, dass ein friedvoll strahlender Durklang das Ende dieses Prozesses bedeuten dürfte. Vom Wiener Jeunesse Orchester mit viel Eifer und Präzision wiedergegeben und von Herbert Böck mit großer ernsthaftiger Leidenschaft dirigiert, erzielte das Werk viel Beachtung vonseiten des Publikums.

Brucknerhaus: Konzert mit dem Wiener Jeunesse Orchester, dem Linzer Jeunessechor und dem Mozartchor des Musikgymnasiums Linz, 23. 9.

OÖN Bewertung:

 

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