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Kultur

Klaus Eberhartinger: „Ich trete für mein Leben gerne auf“

Von Reinhold Gruber   23. November 2012 00:04 Uhr

„Ich trete für mein Leben gerne auf“
Die begründete Bösartigkeit gehört zur Ersten Allgemeinen Verunsicherung.

Ohne die Erste Allgemeine Verunsicherung wäre die österreichische Musikszene ein Stück ärmer. Ohne Frontmann Klaus Eberhartinger wäre Österreich etwas humorloser.

Zusammen mit Thomas Spitzer ist Eberhartinger das Herzstück der EAV und das schon seit mehr als drei Jahrzehnten. Am 28. November teilt sich die Band mit Rainhard Fendrich und Die Seer die Bühne der Tips-Arena in Linz. „Best Of Austria“ lautet das Motto des Konzertes. „was ist los?“ hat mit dem 62-jährigen Eberhartinger nicht nur über Musik gesprochen.

Die EAV ist Kult. Ist sie das?
Eberhartinger: Das weiß ich nicht. Kult klingt irgendwie schon ein bisserl nach Tod (lacht). Nein, es stimmt schon, aber trotzdem musst du es bringen, und wir bringen auch immer neue Sachen. Natürlich wollen die Leute die alten Hadern hören, das ist der „Fluch“ und ein Jammern auf hohem Niveau.

Die Leute folgen euch noch?
Wenn du etwas zu sagen hast und das mit einer Bösartigkeit tust, die begründet ist, dann kommt das gut an. Die Live-Konzerte sind großartig. Ich trete für mein Leben gerne auf.

Die EAV ist legendär. Wie geht es einem dabei, diesen Ruf zu haben?
An das denkt man nicht. Ich lebe im Jetzt, schaue nicht zurück. Ich freue mich, wenn mich die Leute freundlich grüßen, aber es überrascht mich immer noch, wie bekannt ich in manchen Gegenden bin. Ich brauche mich nicht vorzustellen.

Ist die Popularität Fluch oder Segen?
Es ist beides. Du kannst natürlich kaum unbemerkt etwas machen. Wenn ich schlimm bin, schauen mir sicher ein paar Leute dabei zu. Die Konsequenz daraus ist, nicht schlimm zu sein. Oder noch geschickter im Verstecken zu sein.

Das ist deine kleine Meisterschaft ...
Ich bin darin schon ganz gut.

„Best of“ nennt sich das Konzert, das auch in Linz zu sehen sein wird. Wie geht es dir mit Superlativen?
Ich kann mit so etwas gar nichts anfangen. Das Ultimative, das Beste, das Größte – das sind bei mir Sachen, die müssen erst kommen. Ich weiß auch nicht, ob sie kommen. Ganz sicher kommt das Letzte, nämlich ganz zum Schluss.

Lebst du in diesem Wissen bewusster, je älter du wirst?
Ja natürlich. In der Beobachtung ist man genauer und man kennt auch schon viele Sachen. Wenn es um den Lebensstil geht, lasse ich viele Sachen aus. Nicht, weil ich braver geworden oder möglichst alt werden will, sondern weil ich die Zeit der Regeneration nicht mehr habe. Die Zeit dafür will ich mir nicht mehr nehmen, bis sich die Zellen nach einer anstrengenden Nacht so weit regeneriert haben, dass das grüne Lichterl wieder leuchtet. Die eine oder andere Grenzüberschreitung ist aber schon wichtig. Ein bisschen sündigen ist schon toll, wobei es im Auge des Betrachters liegt, was eine Sünde ist.

Das hat bei dir weniger mit dem klassischen Begriff Sünde zu tun, nehme ich an.
Ich sage nur: Komme mir nicht mit dem Vatikan (lacht). Die sind in der Fremdbeurteilung gut, in der Eigenbeurteilung aber ziemlich schlecht.

Ihr seid die Meister der satirischen Betrachtung des Lebens. Sind die Aktivisten des politischen Alltags heute nicht schon die besseren Satiriker, wenn man sich ansieht, was alles auffliegt?
Sie sind nicht die größeren Kabarettisten, es sind eigentlich ganz traurige Figuren. Und zu den Machenschaften: Die hat es immer gegeben, aber jetzt fliegen sie auf.

Woran liegt das?
Durch die mediale Ausrüstung, die jeder hat, und durch das Internet bleibt nichts verborgen. Das ist zum einen gut, weil es wirklich gute politische Auswirkungen gibt, wie etwa in Nordafrika, wobei man dort schauen muss, ob der Frühling nicht ganz schnell wieder zur Eiszeit wird. Du kannst aber, wie etwa in China, einfach nicht mehr alles abdrehen. Auf der anderen Seite ist es ein Fluch, weil es fast keine Privatsphären mehr gibt. Jeder ist beinahe zum Paparazzi geworden – mit einer gewissen Freude. Das ist auch lästig, weil die Medien nur noch auf Quoten schauen. Das ist zwar verständlich, aber die Folge ist, wenn sich 1000 Fliegen auf Scheiße setzen, dann produzieren wir halt Scheiße. So schaut’s aus.

Was fällt dir da spontan ein?
Ich motze gerne über Sendungen wie „Saturday Night Live“ auf ATV, wo man Leute heroisiert, deren Verhalten nicht zum Vorbild-Verhalten gemacht werden sollte. Und die Politiker haben sich auch sehr geändert. Ich glaube nicht, dass mehr Lobbyismus passiert als früher. Ich glaube nur, dass die Schweinereien besser aufgedeckt werden. Auf der einen Seite hast du den Skandaljournalismus, der durch jedes Schlüsselloch schaut und den ich nicht so lustig finde. Auf der anderen Seite ist es gut, weil Sachen auffliegen. Es ist schon erstaunlich, was da hinter den Kulissen passiert, wie dort Politik gemacht wird. Politik ist nicht transparent. Bis heute ist der Eurofighter-Deal eine Geschichte, in der viele, die da beteiligt waren, zum Fingernägel-Beißen anfangen.

Und bei den Banken?
Bei den Banken ist es zu spät gewesen. Da hat man bis heute keinen Einblick. Es ist nichts verändert worden, und sie sind bis heute nicht an die Leine genommen worden. Das Ganze läuft unter dem Titel Neoliberalismus, aber dieses Monster gehört wieder eingesperrt. Die sozialen Netze gehören besser gespannt, die Umverteilung gehört überdacht. Es werden Leute entlassen, damit man die Profite gleich hoch halten kann. Keiner kommt auf die Idee, die Profite herunterzuschrauben. Das ist die nächste Revolution, auf die wir zusteuern. Leute arbeiten sich die Seele aus dem Leib für nichts und machen damit durch Billigproduktionen andere Märkte kaputt. Da sind wir auf einer „Road to Hell“ unterwegs, und da wird es krachen, krachen müssen. Wir machen unseren Planeten hin, machen unsere Leute hin und das alles für einen größeren Profit, damit ein paar Leute irrsinnig reich werden. Es ist eine Sauerei, dass sich immer mehr Geld in den Händen von immer weniger Menschen befindet. So geht es nicht.

Wie geht es dann?
Ganz einfach. Man muss die Gier ein wenig zurückschrauben. Zuerst waren wir beim Fernsehen, jetzt bei der Wirtschaft. Die Gier und die Dummheit sind die zwei großen Pandemien, mit denen wir zu kämpfen haben. Wir sind schlauer im Selbst-Hinrichten als die Dinosaurier, aber die hatten ein kleineres Hirn.

Hast du nie politische Ambitionen gehabt?
Ich habe Politikern zugeschaut, die irrsinnig ambitioniert begonnen haben und an der Realität des permanenten Kompromisse-schließen-Müssens gescheitert sind. Alleine kann man nicht, und man verheddert sich in sogenannten Sachzwängen wie in einem Spinnennetz. Dazu ist der Respekt vor den Politikern verloren gegangen. Es fehlen uns die Galionsfiguren, die sich mit dem System anlegen. Und was meine politischen Ambitionen anbelangt: Ich habe einmal dem Wiener Bürgermeister Häupl eine Stunde lang zugeschaut und mir gedacht, das tue ich mir nicht an.

Jeder schreibt seine Biografie. Wann schreibst du deine?
Ich habe ja eine, das ist meine Achillesferse. Ich habe 66 Stunden lang Interviews gegeben und dann war ich mit einem Buch konfrontiert, bei dem ich etliche Bedenken hatte. Es ist die Eitelkeit, die man bedient. Man gerät in Versuchung, dass man ein Buch geschrieben haben muss. Dabei hat man es eh nicht geschrieben, sondern nur erzählt (lacht).

Gibt es in drei Jahrzehnten EAV einen besonderen Moment, an den du dich gerne erinnerst?
Es hat viele schöne Momente gegeben. Es hat lustige Szenen gegeben, tolle Begegnungen mit Menschen und tolle Momente auf der Bühne. Wenn du den Aufstieg schaffst, musst du wie ein Bergsteiger den Abstieg eingeplant haben, damit du nicht fällst. So sind wir immer noch unterwegs, haben zwischen 1000 und 3000 Menschen in den Konzerten, und das ist toll. Da kann man noch reden mit den Leuten – und das tue ich gerne.

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