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Kultur

Jeder Mensch ist gut – und böse

Von OÖN   04. September 2018 00:04 Uhr

Jeder Mensch ist gut – und böse
Ob wir „böse“ werden, kommt immer auf unser Umfeld an.

Interview: Philip Zimbardo, einer der einflussreichsten Psychologen der Welt, erforscht seit Jahrzehnten das menschliche Verhalten. Gestern war der Wissenschafter in Wien zu Gast

Philip Zimbardo, emeritierter Professor der Psychologie an der Stanford University, hat 1971 mit seinem Stanford-Prison-Experiment zur Erforschung menschlichen Verhaltens unter den Bedingungen des "echten" Gefängnislebens Berühmtheit erlangt (siehe Stichwort). Im Rahmen einer Veranstaltung des Berufsverbandes Österreichischer PsychologInnen (BÖP) hielt er gestern einen Vortrag in Wien und gab der Austria Presseagentur (APA) ein Interview.

 

Herr Zimbardo, warum haben Sie 1971 das Stanford-Prison-Experiment initiiert? Woher kam die Idee?

Philip Zimbardo: Vor dem Experiment habe ich mich damit beschäftigt, wie soziale Situationen das individuelle Verhalten beeinflussen. Wir glauben alle gern, dass das, was wir tun, unsere freie Entscheidung ist, auf dem freien Willen basiert – wir tun, was wir wollen. Als Sozialpsychologe wollte ich zeigen, wie eine negative Situation gute Menschen dazu bringen kann, böse Dinge zu tun.

Wie haben Sie das angelegt?

Ich dachte mir, es ist relativ selten, dass dir jemand sagt, du sollst etwas Böses tun. An meiner Studie nahmen gescheite junge College-Studenten aus ganz Amerika teil, alle psychisch und körperlich gesund. Sie wussten, dass es ein Experiment war, kein echtes Gefängnis. Sie haben auch einen Vertrag unterzeichnet, dass sie jederzeit leicht aus dem Experiment aussteigen können, wenn ihnen der Stress zu viel wird.

Sie stoppten das Experiment bereits nach sechs Tagen, wie ging es Ihnen dabei?

Am fünften Abend wollte ich mit Christina Maslach, damals Absolventin, zu Abend essen. Sie kam in den Keller und sah die "Wächter", wie sie die "Gefangenen" beschimpften, ihnen Ketten anlegten und Kapuzen aufsetzten. Sie weinte und sagte: "Ich kann das nicht mitansehen, das ist schrecklich", und rannte hinaus. Sie schrie mich an: "Hör auf damit, das sind junge Studenten, die leiden, und du bist verantwortlich dafür! Du bist dir selbst deiner Situation nicht bewusst, du bist hier der böse Gefängnisdirektor." Ich dachte, oh Gott, sie hat recht. Am nächsten Tag brachen wir ab.

Glauben Sie eher an das Gute oder Böse im Menschen?

Wir alle haben das Potenzial, gut und böse zu sein. Es kommt wirklich immer auf die Bedingungen an, in denen wir aufwachsen, und auf das Umfeld, in dem wir leben. Es hängt vom sozialen Druck auf uns ab. Ob du in einem Kriegsgebiet oder unter großem wirtschaftlichem Druck aufwächst. Was du tust, um zu überleben – etwa stehlen oder lügen – ist nicht böse, es ist eine Überlebensstrategie. Wenn du aber bei einer wohlhabenden Familie in einem sicheren Land aufwächst, bewegst du dich genau in die andere Richtung. Wir müssen uns der negativen Faktoren einer Situation bewusst sein und versuchen, ihnen vorzubeugen oder sie zu ändern. Und, wenn wir Einfluss haben, positive Bedingungen schaffen.

Wo liegt der Fokus Ihrer aktuellen Arbeit?

Ich forsche zur Psychologie der Zeitwahrnehmung. Und fast 50 Jahre nach dem Gefängnis-Experiment mache ich es nun umgekehrt: Ich schaue mir an, was passiert, wenn man ganz gewöhnliche Menschen in positive Situationen bringt. Könnte man sie zu Helden machen? Es gab bis jetzt kaum psychologische Forschung zum Heldentum. Meine Vision ist, dass Menschen Mitgefühl in heroische Taten umsetzen. Das ist meine Mission.

 

Das Experiment

Philip Zimbardo, geboren 1933 in New York, ist emeritierter Professor der Psychologie an der Stanford University und Autor zahlreicher Bestseller. Berühmtheit erlangte er 1971 mit seinem umstrittenen Stanford-Prison-Experiment, bei dem Psychologen eine Gefängnissituation simulierten, in der Versuchspersonen in „Gefangene“ und „Wärter“ aufgeteilt wurden.

Beobachtet wurde rund um die Uhr, geplant war zu Beginn eine Laufzeit von 14 Tagen. Schon nach kurzer Zeit nahm das Rollenspiel extrem brutale Formen an: Die „Wärter“ wurden grausamer, die „Gefangenen“ depressiv. Nach Tagen eskalierte die Situation: Die Gefangenen versuchten eine Revolte, da die Wärter bösartig bis sadistisch agiert hatten.

Daraus schloss Zimbardo, dass vor allem situative und soziale Faktoren dazu führen, dass Menschen „böse“ handeln. Auf Intervention der damaligen Psychologie-Absolventin Christina Maslach – Zimbardos späterer Ehefrau – wurde das Experiment nach sechs Tagen vorzeitig abgebrochen.

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