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Kultur

Haneke: „Die Entstehung des Extremismus verharmlosen bei uns genug“

Von Von Ludwig Heinrich   23. September 2009 00:04 Uhr

„Die Entstehung des Extremismus verharmlosen bei uns genug“
Weltbekannter Autorenfilmer

Ein ungewöhnlicher Ort für eine Filmgala: Im historischen Sitzungssaal des Wiener Parlaments fand gestern die Österreichpremiere des Films „Das weiße Band“ von Michael Haneke statt. Ab Freitag ist der Cannes-Siegerfilm in unseren Kinos zu sehen.

OÖN: Eine Aussage Ihres Films ist: Die Wurzeln des Totalitarismus, des Terrors liegen auch in der Erziehung. Die Handlung spielt vor dem Ersten Weltkrieg in einem kleinen Dorf im protestantischen Deutschland. Kinder wurden mit Schlägen bestraft…

Haneke: Es muss nicht unbedingt die körperliche Züchtigung sein. Aber dass Kinder gehaut wurden, war damals eben die Norm, war das „richtige Erziehungsmittel“. Kinder als autonome Persönlichkeiten zu betrachten, das ist ja erst eine Erfindung der Nachkriegszeit. Wenn man aber die Jahre um 1913 beschreibt, kommt man um diese Art der Züchtigung nicht herum.

OÖN: Aber das waren nicht die einzigen Wurzeln?

Haneke: Nein. Hoffnungslosigkeit, Unbehagen, gedemütigt werden, keinen Ausweg sehen – all das kann den Weg für den „rettenden Strohhalm“ – sprich: Ideologie – bereiten.

OÖN: Und das ist ja nach wie vor aktuell?

Haneke: Natürlich, aber anders halt. Eine der heutigen Fragen ist zum Beispiel: Wo kommt der Islamismus her? Da finden wir mehrere Begründungen.

OÖN: Wir erleben gerade den Fall, wo ein deutscher Jüngling seine Heimat aus der Ferne mit islamistischem Terror bedroht?

Haneke: Ja, aber ich warne vor simplen Begründungen wie: Weil einen seine Mama nicht geliebt hat, ist er zum Mörder geworden. Damit bleibt man zwangsweise an der Oberfläche. Die soziologischen Hintergründe einer Person darzustellen, reicht nicht, da kommt noch eine Menge anderer Dinge hinzu. Das einfache Erklärungsmodell ist nicht unbedingt des Rätsels Lösung.

OÖN: Stichwort Lösung. Sie zeigen, in Schwarzweißbildern, Ursachen. Können Sie auch Lösungen anbieten?

Haneke: Wer sagt, dass er Lösungen hat, ist entweder Lügner oder Politiker. Für die großen Probleme, die die Menschheit seit jeher hat, gibt es keine Lösung, und somit ist das auch nicht Aufgabe des Films oder der Literatur. Von der Kunst Lösungen zu verlangen, wäre der falsche Aspekt.

OÖN: Premiere im Parlament – der richtige Platz für „Das weiße Band“?

Haneke: Wäre der Film ein Krimi oder eine Liebesgeschichte – nein. Da er aber politische Themen behandelt, da es um die Entstehung des Extremismus geht – ja. Denn in unserem Land gibt es genug Leute, die das verharmlosen.

OÖN: Sie haben vorher gesagt, wer Lösungen anbietet, ist entweder Lügner oder Politiker. Man kann ja auch beides sein. Und gestern waren Sie sozusagen mitten unter den Politikern…

Haneke: Und jetzt wollen S’, dass der Haneke sagt: „Alle Politiker sind Lügner.“ Das sagt er natürlich nicht. Die Politiker müssen halt oft zumindest so tun, als hätten sie Lösungen, denn sie wollen ja wiedergewählt werden. Es liegt in der Natur der Politik, dass sie die Leute täuscht. Oft vielleicht mit bestem Willen.

OÖN: Wer „Das weiße Band“ gesehen hat, verlässt das Kino mit beklemmenden Gefühlen. Liegt Ihnen daran?

Haneke: Ich verunsichere halt ein bissl. Ich hoffe auf eine gewisse Intensität. Das geht einem dann näher als das Übliche. Ein Film soll eine Sprungschanze sein. Springen muss der Zuschauer. Freilich muss die Konstruktion der Schanze stimmen, sonst fällt der Springer ja vorne runter. Dann wird es kein Flug, sondern ein Absturz. Der Absturz hieße: Langeweile. Die Intensität sollte beim Zuschauer haften bleiben, sodass er sich bemüßigt fühlt, sich nachher ausführliche Gedanken über das zu machen, was er gesehen hat. Ich versuche mit der Fantasie des Zuschauers zu spielen. Wir kennen das ja auch von guten Theaterregisseuren: Eine knarrende Treppe ist oft spannender, als wie wenn eine Türe aufgeht und ein Monster kommt herein.

OÖN: Es könnte sein, dass Sie im kommenden Jahr den Oscar für den besten fremdsprachigen Film erhalten, momentan sind Sie zumindest national – für Deutschland – nominiert. Was würde Ihnen ein Oscar bedeuten?

Haneke: Natürlich ist die Goldene Palme von Cannes d e r begehrte Preis für den Film als Kunstform. Für die Publicity ist es der Oscar. Denn den kennt ja jeder Schuster in Hintertupfing. Mit der Palme weiß sich der vielleicht weniger anzufangen.

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