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Kultur

"Haben Sie nicht was Lustiges?"

Von Peter Grubmüller   27. Oktober 2015 00:05 Uhr

"Haben Sie nicht was Lustiges?"
Franz Froschauer als Adolf Eichmann

Der Schauspieler Franz Froschauer ist mit dem Stück "Eichmann" auf Tournee. Mit den OÖN sprach er über diese bemerkenswerte Theaterarbeit.

Der in Linz aufgewachsene und 1962 in Israel hingerichtete SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, der für die Vertreibung und Deportation der Juden zuständig war, ist ein Stereotyp des NS-Schreibtischtäters. Im Februar brachte Schauspieler Franz Froschauer in der Regie von Georg Mittendrein das Stück "Eichmann" von Rainer Lewandowski in der Bruckmühle Pregarten zur Uraufführung. Im OÖN-Interview spricht Froschauer über diese bemerkenswerte Theaterarbeit, mit der er nun auf Tournee geht.

 

OÖNachrichten: Was wollen Sie als Schauspieler mit dieser Figur sichtbar machen?

Franz Froschauer: Einerseits ein individuelles Verständnis für das schreckliche Handeln, andererseits den Wahnsinn, in dem dieses Handeln stattgefunden hat. Ich will die Atmosphäre dieser Zeit damit verbinden, diesem Mann nahezukommen. Wir alle sind jeden Tag in unserer Verantwortung gefragt: in privaten Beziehungen, bei unseren Kindern, an unserem Arbeitsplatz – immer. Wenn man Verantwortung übertragen bekommt, hat man sich dieser Verantwortung zu stellen. Und jeder muss seinen Punkt finden, an dem er "Stopp" sagt und nicht mehr mitmacht.

Welcher Charakter war Eichmann Ihrer Meinung nach?

Er wollte um jeden Preis Karriere machen. Ich vergleiche das mit einem Spitzensportler, der ohne Rücksicht auf seinen Körper an Grenzen geht. Nun ist Eichmann nicht an physische Grenzen gegangen, obwohl er auch erzählt, dass er während der Ausbildung weitergerobbt ist, obwohl die Haut auf seinen Ellbogen zerfetzt war – er wollte eben reüssieren. Damals waren ja nicht irgendwelche Dummköpfe oder lauter alte Herren unterwegs, sondern junge Männer, die etwas erreichen wollten. Eichmann war 26 Jahre alt, als er zur NSDAP ging.

Hat er sich als Zahnrädchen eines Vernichtungsapparates verstanden – oder als Mörder?

Als Obersturmbannführer war er in der fünften Hierarchie-Ebene. Im Stück sagt er Folgendes: "Ich habe gehorcht, und wenn man mir befohlen hätte, meinen Vater zu töten, ich hätte es getan. Ich wurde zum Gehorchen erzogen, jederzeit und überall. Ich kann aus meiner Haut nicht heraus." Dieser Satz mag Teil seiner Strategie beim Prozess gewesen sein, aber man muss bedenken, dass – sofern man zu einer Erschießung eingeteilt war – es auch die Möglichkeit gab, es nicht zu tun. Man wurde nicht eingesperrt, aber man wurde auch nicht mehr befördert.

Stellen Sie auf Tour fest, dass es Menschen gibt, die keine Ahnung haben, wer Eichmann war?

Sogar unter Akademikern und Lehrern, die wie meine Kinder um die 30 Jahre alt sind, lerne ich Menschen kennen, denen zwar der Name etwas sagt, aber mehr auch nicht. Vielleicht ist es gar nicht so wichtig, wer Eichmann war, aber die Maschinerie des Dritten Reiches zu kennen, wäre wichtig.

Wie entschärfen Sie bei diesem Stück den nicht zu leugnenden Reiz des Schreckens?

Bei der künstlerischen Aufarbeitung im Theater und im Film geht es um zwei Dinge: um Macht und um Liebe. Macht ist immer mit Schrecken verbunden – Liebe auch, weil sie unerfüllt oder enttäuscht bleibt. Ich war in Auschwitz in Polen und hatte zuvor so viel darüber gehört. Ich wollte dorthin, um diesen Ort begreifen zu können. Ich wollte nicht, dass Erzählungen über Auschwitz Fiktion bleiben. In unserem Stück geht es nicht um einen Bildungsauftrag, aber es spielt schon auch eine Rolle, dass man Strömungen, die es auch im Heute gibt, erkennt und dagegensteuern kann.

Gibt es Orte, an denen Sie spielen wollten, aber abgelehnt wurden?

Natürlich, aber das wird nicht direkt gesagt, sondern die Veranstalter argumentieren anders: "Da kommen keine Leut’, haben Sie nicht was Lustiges?"

 

Zur Person, Termine

Franz Froschauer wurde 1958 in Vöcklabruck geboren, er studierte an der Linzer Bruckner-Privatuni und war unter anderem an Theatern in Düsseldorf, München (Residenz-/Volkstheater) und Bonn engagiert. Er spielte in TV- wie Kinofilmen und lebt in Schwanenstadt.

„Eichmann-Termine“, 4., 5. 11.: Festsaal ORG Vöcklabruck (Karten: 07672/72680), 12., 13. 11.: Central Linz (0732/77 26 11 710, info@gfk-ooe.at)

 

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