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Kultur

Håkan Nesser: "Ich schreibe sehr schnell – schneller, als ich lesen kann"

Von Ludwig Heinrich   10. November 2018 00:04 Uhr

Håkan Nesser: "Ich schreibe sehr schnell – schneller, als ich lesen kann"
Das Leben mit seinem Rhodesian Ridgeback Norton hat Håkan Nesser in dem gerade erschienenen Buch „Nortons philosophische Memoiren“ (btb Verlag, 96 Seiten, 12,40 Euro) festgehalten.

Der 68-jährige Schriftsteller, der vor 20 Jahren den Lehrer-Beruf aufgab, hat einen Horror davor, würde jemand ein Verbrechen aus seinen Büchern nachahmen.

Seine Bücher verkaufen sich in Millionenauflagen und wurden mehrfach ausgezeichnet. Håkan Nesser zählt zu den bekanntesten und interessantesten schwedischen Autoren. Einige seiner frühen Erzählungen wurden nun als Trilogie verfilmt. Den Anfang machte "Intrigo – Tod eines Autors" mit Ben Kingsley und Benno Fürmann in den Hauptrollen. Die OÖN unterhielten sich mit Nesser in Berlin.

 

OÖNachrichten: Sie waren ursprünglich Gymnasiallehrer in Englisch und Schwedisch. Wann und warum haben Sie das aufgegeben?

Håkan Nesser: Nachdem meine ersten Bücher erschienen waren. Da war ich 48 und dachte: Für die Schüler sind junge Lehrer besser als alte. Außerdem: Wenn ich gewollt hätte, hätte ich jederzeit zurückkehren können.

Gab es ein Buch, das bei Ihnen ursprünglich den Wunsch ausgelöst hat, es selbst mit dem Schreiben zu versuchen?

Das war "Wenn ein Reisender in einer Winternacht" von dem in Kuba geborenen Italiener Italo Calvino. Ein großartiges Werk, und nach der Lektüre fragte ich mich: Kann ich auch so gut schreiben? Kann ich natürlich nicht, denn Calvino war ein Genie.

Wie viele Exemplare haben Sie von Ihrem ersten Buch verkauft?

Nur 75. Aber es wurde bekanntlich besser...

Was ist für Sie beim Schreiben grundsätzlich wichtig?

Man braucht eine gute Story und den richtigen Weg, sie zu erzählen. Und man sollte die Story nicht schon vorher mehrmals und in verschiedenen Varianten gelesen haben. Außerdem habe ich mir vorgenommen: Schreib keine Geschichte, die du selbst nie lesen würdest.

Wie verläuft Ihr Schreibprozess üblicherweise?

Am Anfang steht natürlich die Idee. Wenn ich beginne, muss ich noch gar nicht die ganze Geschichte wissen. Das ist auch lustiger. Ich lasse mich gerne von mir selbst überraschen. Ich weiß, viele Schriftsteller kennen bereits am Anfang das Ende. Ich nie. Das Buch soll natürlich ein besonderes Erlebnis für den Leser sein. Nicht für den Schreiber. Als ich noch Lehrer war, bekam ich viele gute Ratschläge. Darunter: Der Anfang ist immer kompliziert. Nachher wird es noch komplizierter. Und je näher

das Ende rückt, umso hilfloser wirst du. Das habe ich alles hinter mir.

Überwiegt heute die Routine?

Nein. Vielleicht hätte ich es gerne, à la: Gut frühstücken und dann täglich drei bis vier Stunden schreiben. Ich versuche, das seit 25 Jahren aufzubauen, aber ich habe es bis heute nicht geschafft. Ein Vorteil ist: Ich schreibe sehr schnell. Schneller, als ich lesen kann. Begonnen habe ich immer mit der Hand, bis ich so weit war, dass ich meine Handschrift nicht mehr lesen konnte.

Haben Sie die Dreharbeiten zu "Intrigo" besucht?

Zwei Mal. Einmal, um mit dem Hauptdarsteller Benno Fürmann zu plaudern, und dann war ich noch am letzten Drehtag dort, zum Feiern.

Hatten Sie nicht auch einen Kurzauftritt im Film?

Ja, in einer Szene, die in einer Bibliothek in Antwerpen spielt. Da zeigte sich, dass ich als Schauspieler total unbegabt bin. An dieser Szene, die im Film einige Sekunden dauert, mussten sie wegen mir vier Stunden drehen.

Die bekanntesten Figuren Ihrer Krimis sind Kommissar Van Veeteren und Inspektor Barbarotti. Welcher Thriller hat Ihnen im Kino am besten gefallen?

"Die Vögel". So viele gefährliche Vögel! Da habe ich mich, damals war ich noch ein Jugendlicher, sehr gefürchtet. Und beim Heimgehen sah ich sie überall auf den Bäumen sitzen. Da war ich noch erschrockener als im Kino.

Sind Sie ein eifriger Kinogeher geblieben?

Was glauben Sie, wo ich stehle? Im Kino und aus anderen Büchern, das nennt man dann "Recycling".

Wie überprüfen Sie die Plausibilität Ihrer Krimi- und Thriller-Geschichten?

Ich versuche, realistisch zu sein. Die Wirklichkeit ist nicht realistisch, sondern oft unglaublich grausam. Denken Sie an den Mord in diesem dänischen U-Boot an einer Journalistin und die Zerstückelung ihrer Leiche. Wenn ich das in einem Buch geschrieben hätte, hätten die Leser empört gesagt: Der ist verrückt! So was gibt es nicht! Ich persönlich mag absolute Brutalität nicht. Ich mag sie nicht sehen und nicht darüber schreiben. Ich hätte auch Horror davor, würde jemand ein Verbrechen aus meinen Büchern nachahmen. Daher findet Gewalt bei mir nur zwischen den Zeilen statt.

Wenn Sie rückblickend all Ihre Arbeiten betrachten: Welche war die anstrengendste?

Meine Arbeit an einem Musical in der Schule. Das Hauptproblem war: Wir hatten 150 Schüler, die mitspielen wollten. Es gab aber nur 120 Rollen. Die Frage war: Wie bringe ich alle unter?

Wer sind Ihre strengsten Kritiker?

Meine Frau Elke und mein Hund. Wenn ich dem Hund vorlese und er verlässt trotzdem den Raum, dann weiß ich: Es war nicht gut. Manchmal füttere ich ihn vorher, damit er länger bleibt.

Können Sie schon etwas über Ihr nächstes Buch erzählen?

Es heißt "The Left Handed Club", und Van Veeteren und Barbarotti werden erstmals gemeinsam ermitteln.

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