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Kultur

Filmische Demontage: „Sex, Geld, Macht, Liebe und Gewalt“

Von Von Ludwig Heinrich aus München   03. November 2010 00:04 Uhr

„Sex, Geld, Macht, Liebe und Gewalt“
Das Original (links) und die „Fälschung“: Im Kinofilm „Carlos – Der Schakal“ verkörpert Edgar Ramirez den venezolanischen Top-Terroristen.

Er hat den internationalen Terrorismus miterfunden. In „Carlos – Der Schakal“ zeigt Olivier Assayas Aufstieg und Fall des berühmt-berüchtigten Venezolaners. Den Terroristen verkörpert sein Landsmann Edgar Ramirez, 33. Dieser hat einst ein Jahr lang in Österreich gelebt und studiert.

OÖN: Carlos hieß eigentlich Ilich Ramirez Sánchez. Sie sind auch ein Ramirez. Zufall?

Ramirez: Kann man nicht sagen. Der Name ist bei uns so häufig wie Müller im deutschen Sprachraum. Allein in meiner Schulklasse gab es 15 Ramirez.

OÖN: Was wussten Sie von Carlos, als Ihnen die Rolle angeboten wurde?

Ramirez: Nicht mehr, als dass er der „verrückte Venezolaner“ war, der Bomben legte und für die Palästinenser kämpfte. Schon, in Venezuela ist er Teil der Geschichte. Aber ist er das nicht überall? Ein „Vorbild“ war er für mich nie.

OÖN: Sicher hat sich Ihr Blick erweitert, als Sie für die Rolle recherchierten?

Ramirez: Ich habe wahnsinnig viel gelesen. Erst zeitgeschichtliche Abhandlungen, um den politischen Kontext zu kapieren. Ich habe Interviews mit Leuten geführt, die ihn noch kannten. Das alles goss ich in mich hinein.

OÖN: Welcher Charakter hat sich dann für Sie geformt?

Ramirez: Ein widerspruchsvoller. Er verkörperte wohl die Träume des Wandels und der Revolution der siebziger Jahre, aber verbunden mit narzisstischer Besessenheit für Macht.

OÖN: Wie war Ihnen, als das Angebot von Olivier Assayas kam?

Ramirez: Ich habe mich gefragt, ob das nicht ein bisschen gefährlich für mich werden könnte. Eine solche Riesenrolle – da hätte man leicht überheblich werden können. Aus heutiger Sicht war es ein großes Privileg, dass ich ausgewählt wurde, in diesem fantastischen Film mitzuwirken. Ich denke, dass wir einen Klassiker geschaffen haben.

OÖN: Konnten Sie während der Dreharbeiten auch ein Stück Carlos in sich selbst finden?

Ramirez: Ich denke nicht, dass es auch nur einen Moment gab, wo ich mich mit ihm identifizieren konnte. Das braucht man aber auch nicht, um eine Rolle zu spielen. Da gilt es einfach, in den Charakter einzutauchen, ihn zu verstehen oder zu rechtfertigen. Keinesfalls geht es darum, meine persönlichen Vorstellungen von der Welt einfließen zu lassen.

OÖN: Wie sehen Sie das Verhältnis von Carlos zu Waffen und Frauen?

Ramirez: Da sind wir weit voneinander entfernt. Ich arbeite für Amnesty International und setze mich besonders für Entwaffnung vor allem Jugendlicher ein. Das ist ein Problem in ganz Lateinamerika. Und was sein Verhältnis zu Frauen betrifft: Er sah sie als sexuelle Objekte und war sehr gewalttätig. Auch davon distanziere ich mich sehr deutlich.

OÖN: Sie spannen im Film einen weiten Bogen?

Ramirez: Wir erleben ihn in Europa, wo er sehr frech und charismatisch war. Wir erleben ebenso das deprimierende Ende mit Wahnsinn, Alkohol und Drogen.

OÖN: Wie, denken Sie, würde er selbst diesen Film beurteilen?

Ramirez: Keine Ahnung.

OÖN: Sind Sie nicht vielleicht ein zu gut aussehender Carlos?

Ramirez: Das half vielleicht, ein menschliches Bild aufzubauen und kein Klischee. Und alle menschlichen Bilder haben Licht und Dunkel und auch groteske Seiten. Ich bemühte mich, Carlos als Metapher zu verkörpern, geschnürt mit Sex, Geld, Macht, Liebe und Gewalt. Von den Elementen her ein sehr klassischer Film.

OÖN: Wir erleben Carlos mit verschiedenem Körperumfang. Ein schauspielerischer Kraftakt?

Ramirez: Um Fett anzusetzen, musste ich drei Monate lang Pasta essen. Sechs Monate, nachdem der Film beendet war, war eine Diätkur nötig. Heute endlich kann ich bei Pasta wieder ab und zu zuschlagen.

OÖN: Sie sprechen außer Spanisch noch Englisch, Französisch, Italienisch und Deutsch perfekt. Wo haben Sie so gut Deutsch gelernt?

Ramirez: In Graz. Dort lebte ich 1992 ein Jahr lang als Austauschstudent. Es war super, hat Entscheidendes in meinem Leben geändert.

OÖN: Inwiefern?

Ramirez: Ich war 15, ich kam plötzlich in eine ganz andere Kultur mit anderer Sprache. Als ich ankam, konnte ich nur Spanisch, die ersten drei Monate glaubte ich, ich würde Deutsch nie packen. Doch ich habe hart daran gearbeitet. Später lebte ich mit meiner Familie in den USA, Kanada, Italien – und auch dort habe ich mir Sprachkenntnisse angeeignet. Die Küche in der Steiermark war super, und mit Wiener Schnitzel können Sie mich noch heute locken.

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