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Kultur

"Facebook und Google ist grundsätzlich zu misstrauen"

Von Peter Grubmüller   29. Juni 2018 00:04 Uhr

"Facebook und Google ist grundsätzlich zu misstrauen"
Corinna Milborn war 2017 "Journalistin des Jahres".

Puls4-Infochefin Corinna Milborn im OÖN-Interview über die reale Bedrohung aus Silicon Valley.

Seit fünf Jahren ist Corinna Milborn Info-Chefin des Privatsenders Puls4. Die hohe Qualität ihrer politischen Sendungen trug ihr nicht nur den Titel "Journalistin des Jahres 2017" ein, sondern sie setzt auch die Info-Sendungen des ORF unter Druck. In ihrem gemeinsam mit Puls4-Chef Markus Breitenecker geschriebenen Buch "Change the Game" geht sie der Frage nach, wie wir uns das Netz von Facebook und Google zurückerobern.

 

OÖNachrichten: Sie haben den Kampf in der heimischen Medienlandschaft als "Krieg der Gartenzwerge" bezeichnet - warum?

Corinna Milborn: Weil sich die lokalen Player im Kampf um schrumpfende Marktanteile gegenseitig Messer in den Rücken rammen, anstatt gemeinsame Strategien gegen die Angriffe aus Silicon Valley auszutüfteln. Zwei globale Unternehmen – Facebook und Google – binden die Aufmerksamkeit unserer Leserinnen und Seher stark mit Klicks und räumen alle Werbegelder ab. 84 Prozent aller Online-Umsätze gingen 2017 an diese beiden Unternehmen. Diese Firmen arbeiten mit ausgezeichneten Psychologen zusammen, um zu lernen, wie man Aufmerksamkeit bindet, aber ans Medienrecht halten sie sich nicht. Was woanders aus gutem Grund verboten ist, ist dort üblich: Verleumdungen, Hass Nationalsozialismus. Auf diese Weise verlieren wir als europäische und österreichische Medien unsere Existenzgrundlagen.

Sie sind für den Erhalt des öffentlichen-rechtlichen Rundfunks, aber wie muss der öffentlich-rechtliche Auftrag neu definiert werden?

Der aktuelle öffentliche-rechtliche Auftrag basiert auf den Gegebenheiten der 50er-Jahre. Er wurde für die Monopol-Stellung des ORF erarbeitet. Man wollte dieses meinungsmächtige Medium nicht die Hand einer Regierung legen, sondern in die Hand der Bevölkerung. Zugleich sollte der Anbieter ein Vollprogramm liefern, weil es ja sonst nichts gab – also alles für alle.

Heute gibt es Privatfernsehen, und wir leben in einer digitalen Welt...

...eben. Und wenn man das ändern will, weil man es muss, sollte man diese Konkurrenzsituation beenden, in der Öffentlich-Rechtliche und Private einander bekämpfen – und dabei auch noch Geld verbrennen, indem sie sich Übertragungsrechte wegkaufen. Die Champions League etwa kann sich ein Privater mit Sponsoren finanzieren, Gebührengelder sollen dafür nicht verwendet werden. ORF-Gebühren lassen sich nur mit Information, Bildung, Identität, Kultur und Programmen für Minderheiten rechtfertigen.

Der ORF argumentiert seine US-Serien und Sportübertragungen mit dem Quotendruck.

Genau diese Argumentation ist schief. Die großen ORF-Quoten bringen nicht die US-Serien, sondern die Bundesländer-Sendungen, die ZiB, die ZiB 2, "Am Schauplatz" - und ja, manchmal auch der Sport. Das heißt, öffentlich-rechtliches Programm funktioniert. Es gibt aber viele Privatanbieter, die auch gute Formate produzieren. Und wenn sie Förderungen bekämen, wären diese noch besser. Man sollte die Medienförderung zum Erhalt und zur Steigerung der Qualität einsetzen – ob bei Zeitungen oder im Fernsehen.

Sie waren auch beim ORF. Was können Sie bei Puls4 einlösen, was beim ORF nicht möglich war?

Bei Puls4 haben wir die absolute Freiheit und Unabhängigkeit. Es gibt keine Möglichkeit zur politischen Intervention. Wer bei uns interveniert, der landet bei unserem Eigentümer in München – und dem ist das echt wurscht.

ORF-Generaldirektor Wrabetz hat Benimmregeln für seine Mitarbeiter in sozialen Medien aufgestellt. Was halten Sie davon?

Für uns Journalisten sind soziale Medien Hauptkonkurrenten. Wir verschenken unsere gute Arbeit. Dort wird sie mit Lügen und Hetze vermischt, die durch unsere Beiträge Glaubwürdigkeit erlangen. Insofern verfehlt Wrabetz mit seiner Dienstanweisung das Thema. Darin geht es um die Meinung von Journalisten. Und es ist absurd, diese erträumte Objektivität gibt s nicht, weil jeder Journalist von einem Standpunkt aus berichtet. Hinter dieser Anweisung stehen politische Interventionen. Das ist das Traurige. Und wenn man Journalisten die Meinung in sozialen Kanälen verbieten will, dann meint man damit, dass sie das auch in ihren Sendungen und in den Redaktionen lassen sollen.

Wie sind Fake News von serösen Informationen für herkömmliche Nutzer zu unterscheiden?

Man muss viel genauer als früher überprüfen, wem man vertraut. Das ist aufwendig, alle Journalisten wissen das. Sie überprüfen ständig. Facebook und Google ist grundsätzlich zu misstrauen, weil es dort nur um Aufmerksamkeit und nie um Wahrheit oder Sorgfalt geht.

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