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Kultur

Eine Familie gedenkt Ilse Mass

Von Nora Bruckmüller   23. Februar 2018 20:15 Uhr

Eine Familie gedenkt Ilse Mass
Oben, von links: Ilse Mass als tanzbegeistertes Kind in Linz, als Jugendliche und im Alter in Israel, wo sie Großmutter von 17 Enkeln war. Unten, von links: Hannah (9), Helene (15) und ihre Mutter, Schauspielerin Bettina Buchholz

Darstellerin Bettina Buchholz und ihre beiden Töchter feiern den Witz einer 1938 vertriebenen Jüdin.

Schnell greift Hannah noch nach der Hand ihrer Mama. Mit dem Schutz von Bettina Buchholz, die viele Jahre für das Linzer Landestheater gearbeitet hat, kann die Neunjährige entspannt auf den Spuren ihrer Schauspieler-Mutter wandern.

Hannah liest beim Treffen mit was ist los? aus dem Prolog vor, den sie mit ihrem Vater geschrieben hat, dem Regisseur Johannes Neuhauser. Und sie liest langsam, mit Bedacht und so ehrlich, wie es nur Kinder noch können: "Vor ein paar Monaten habe ich das Buch ‚Weg von hier‘ entdeckt, und Papa hat es mir vorgelesen. Es handelt von der Linzer Jüdin Ilse Mass, geborene Rubinstein. Es hat mir so gut gefallen, dass ich gesagt habe: ,Das müssen wir auf der Bühne lesen und spielen!‘"

Am 10. März feiert die szenische Lesung "1938 – weg von Linz" Uraufführung (mehr in der Box) und ist zugleich eine Premiere für die Frauen der Familie. Denn Hannah wird dabei Sätze vom Mädchen Ilse Mass lesen, ihre Schwester Helene (15) gibt Einblicke in die Welt der über Shanghai nach Israel geflüchteten Jüdin als Jugendliche, und Bettina Buchholz wird sie als reife Frau zum Leben erwecken.

"Soweit wir wissen, ist die Geschichte der Familie Mass nicht in der heimischen Gedenkkultur verankert", sagt Johannes Neuhauser (mehr zu seinem Konzept steht unten). Sie sollte es aber sein, weil sie an Wichtiges erinnert. An die Unerbittlichkeit des NS-Systems, die Ilse als Kind erlebte, den Brand der Synagoge, die Bedrohung durch die SS. Das Bekleidungsgeschäft ihres Vaters, in der heutigen Bismarckstraße 4, wurde arisiert. Als Zehnjährige hörte sie von ihrer liebsten Lehrerin, dass sie als Jüdin nicht mehr in die Mozartschule kommen darf.

Sie kannte keine Bitterkeit

Gleichzeitig steht Mass aber für Humor, Lebenslust, guten Witz, den sie sich bis zu ihrem Tod 2015 bewahrt hat. "Sie kannte keine Bitterkeit. Und sie hat über die extremsten Sachen mit einer Trockenheit gesprochen, die ihresgleichen sucht", sagt Buchholz. Dass "Ilse so witzig war", hat auch Hannah imponiert. Im Rampenlicht zu stehen macht der Kleinen nichts. "Sie hat sich auch nach unseren Vorstellungen von Etty auf die Bühne gestellt und gelesen", sagt Neuhauser, der mit "Etty" die von ihm gestaltete Lesung aus den Tagebüchern der in Auschwitz getöteten Jüdin Esther "Etty" Hillesum (1914–1943) meint. Bereits damals faszinierte den Psychotherapeuten, wie sie angesichts des Todes "leidenschaftlich geliebt, zu tiefer Menschlichkeit gefunden hat".

Auch bei Mass geht es ihm darum, ihre Selbstermächtigung aufzuzeigen. Nach Linz zurückzukehren, hat sie zwar nicht geschafft. Aber sie hat in Israel geheiratet, erfolgreich für einen Anwalt, eine Zeitung gearbeitet, nie ihr inneres Kind verloren. Schön, wenn Hannah das erlebt.

Die szenische Lesung „1938 - Weg von hier“ ist in der Tribüne Linz zu sehen:
10. März, 19.30 Uhr, Premiere
11. März, 17 Uhr
17. März, 19. 30 Uhr
24. März, 19.30 Uhr
tribuene-linz.at, Karten-
Tel.: 0699/11 399 844
Zum Buch: ISBN 978-3-902330-70-3
Preis: ab 21 Euro, Infos: www.weg-von-hier.at

Der Regisseur
Johannes Neuhauser über das sehr gute Oberösterreichisch von Ilse Mass in Israel und wie Handyvideos bei der Inszenierung helfen.

Basis für Ihre szenische Lesung ist das Buch „Weg von hier“. Ist es rein aus Kindersicht verfasst?
Nicht wirklich. Es bewegt sich mehr zwischen jener von Kindern und Erwachsenen. Aber es ist bewusst in einer einfachen Sprache gehalten, sonst könnten es die Kinder nicht lesen.

Womit haben Sie es für die Bühne ergänzt?
Das Team hinter dem Buch (eine Projektgruppe aus Linz, die sich mit jüdischer Zeitgeschichte beschäftigt, Anm.) hat mir 40 bis 50 Seiten lange Transkripte von Interviews überlassen, die sie mit Ilse Mass geführt haben. Sie haben auch mit dem Handy Videos von ihr aufgenommen, auf denen Ilse Mass, die sehr gut gesungen hat, alte Jazz-Lieder singt.

Hat Ilse Mass in Israel überhaupt noch Deutsch gesprochen, oder Hebräisch?
Sie selbst hat gesagt, dass sie ins Hebräische nie ganz rein gefunden hat. Aber sie hat extrem gut Englisch gesprochen sowie Oberösterreichisch. Hört man sie auf den Videos, denkt man, sie wäre jedes halbe Jahr nach Linz gekommen.

Gibt es auf der Bühne Bilder aus ihrem Leben?
Es steht schon die Sprache im Zentrum. Aber die „Tribüne Linz“ hat gute Möglichkeiten für Projektionen. Die nutzen wir, um viele alte Fotografien zu zeigen – von Linz, wie es in Ilse Mass’ Kindheit ausgesehen hat, und von der der Schifffahrt der Familie nach Shanghai wie der Stadt selbst.


 

 

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