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Kultur

Dominique Meyer im OÖN-Interview: Verehrer der Wiener Philharmoniker

Von Michael Wruss   13. September 2011 00:04 Uhr

Verehrer der Wiener Philharmoniker
Staatsoperndirektor Dominique Meyer schätzt Diskussionen und eine lebendige Oper.

Als Direktor der Wiener Staatsoper startet Dominique Meyer (56) in seine zweite Saison. Mit den OÖNachrichten sprach der gebürtige Elsässer über seine Pläne für die Programmierung des Hauses, das Repertoiresystem und seine gute Zusammenarbeit mit Generalmusikdirektor Franz Welser-Möst.

OÖN: Soeben hat Ihre zweite Saison begonnen. Haben Sie sich schon in Wien eingelebt, fühlen Sie sich hier wohl?

Dominque Meyer: Hervorragend! Ich wurde hier sehr freundlich empfangen und fühle mich sowohl hier im Haus als auch in Wien sehr wohl.

OÖN: Vermissen Sie hier etwas?

Meyer: Ab und zu schon, denn ich war lange in Paris und da gehen einem Orte, die man lieb gewonnen hat, eine wenig ab. Auch meine Familie und viele Freunde sehe ich nicht mehr so oft. Aber ich bin hier in Wien grundsätzlich sehr glücklich. Das Leben ist angenehm und das Gefühl, für die Staatsoper arbeiten zu dürfen, ist einfach wunderbar.

OÖN: Wenn Sie an den Theateralltag denken, was ist hier anders als in Paris? Gibt es typisch wienerische Eigenheiten?

Meyer: Ja natürlich, da gibt es viele Unterschiede. In Wien haben wir ein Repertoiretheater in Paris den Stagionebetrieb mit allen Vor und Nachteilen. Allerdings so wichtig wie die Musik in Wien ist, ist sie in Paris nicht. Das habe ich erst bei meinem Amtsantritt so richtig mitbekommen. Der Operndirektor ist Paris ein Kulturmanager unter vielen hier in Wien ist das ganz anders. Da steht man viel mehr in der Öffentlichkeit.

OÖN: Die Staatsoper ist ein klassisches Repertoiretheater und in dieser Struktur so ziemlich einzigartig. Wie sehen Sie diese Form der Repertoirepflege in der Zukunft? Sollte man dem Beispiel anderer Häuser folgen und einen Stagione-Betrieb einführen?

Meyer: Der Vorteil des Repertoiretheaters sind die vielen Stücke im Spielplan, der Nachteil, dass Repertoirevorstellungen nicht immer so gut erarbeitet sein können, wie neue Produktionen, denen eine intensive Probenzeit vorangeht. Mein Ziel ist es, dass man das Repertoiresystem behält, aber trotzdem die Vorstellungen qualitativ besser vorbereitet. Einerseits gehört die Ausstattung in Ordnung gehalten – so haben wir über den Sommer die Kulissen von Verdis „Simon Boccanegra“ reinigen und neu streichen lassen, was gleich einen anderen Eindruck vermittelt. Darüber hinaus versuchen wir mit längeren Proben auch ältere Regiearbeiten lebendig zu halten und passen die Vorstellungen insgesamt der neuen Technik an. In den letzten Jahrzehnten hat sich zum Beispiel auf dem Gebiet der Beleuchtung unheimlich viel verändert, worauf man hier im Haus nicht reagiert hat. Man kann nicht einfach den Scheinwerfer wechseln, sondern muss dann das ganze Beleuchtungskonzept neu erstellen. Und auch das ist etwas, was wir in Zukunft verstärkt tun werden.

OÖN: Wird es die Dirigenten und Sänger auch in Zukunft geben, die ohne oder nur mit ein zwei Proben eine Aufführung zustande bringen?

Meyer: Es gibt nur wenige Dirigenten, die das noch können. Das heißt nicht, dass die anderen dazu nicht fähig wären, aber es gibt einfach zu wenige Häuser mit Repertoirebetrieb, in denen man das lernen könnte. Und andererseits hängt das überwiegend von der Qualität des Orchesters ab. Es gibt kein Opernorchester in der Welt, dass Wagner „Ring“ ohne Probe auf höchstem Niveau spielen kann außer den Wiener Philharmonikern. Als Wiener Staatsopernorchester sind sie ein Wunder, das die Österreicher zwar lieben, aber nicht wissen, wie hoch dieses Orchester wirklich zu schätzen ist. Es ist auf der ganzen Welt eine Ausnahmeerscheinung, dass innerhalb einer Saison 52 Opern auf den Spielplan stehen! Das ist vor allem eine Herausforderung für Chor und Orchester, die ja im Vergleich zu den Solisten jeden Abend auf bzw. vor der Bühne agieren.

OÖN: Apropos Dirigenten – es fällt auf, dass wieder mehr hervorragende Dirigenten (Thielemann, de Billy, Pinchas Steinberg, Ingo Metzmacher, etc.) in den Orchestergraben treten – ist das eine ganz bewusste Qualitätssteigerung?

Meyer: Das ist ein Ziel, das ich gemeinsam mit Franz Welser-Möst verfolge, nämlich wichtige Dirigenten wieder nach Wien zurückzuholen bzw. überhaupt zum ersten Mal hierher zu verpflichten. So kommt Jesús López-Cobos nach 27 Jahren wieder ins Haus am Ring zurück. Aber auch vielversprechende Nachwuchsdirigenten wie Tugan Sokhiev, Jérémie Rhorer und Patrick Lange bekommen hier ihre Chance und haben bei Orchester und Publikum großen Eindruck hinterlassen. Ziel ist es, einfach gute Dirigenten für die Philharmoniker zu bekommen.

OÖN: Zum Programm der kommenden Saison: Zweimal Verdi (Traviata, Don Carlo), Janacek (Totenhaus), Weill (Mahagonny) und Mozart (La Clemenza di Toto). Ist der Verdi-Schwerpunkt schon ein Vorausbote des Verdi-Jahrs 2013?

Meyer: Wenn man unsere Spielpläne ansieht, dann ist Verdi sowieso ein ganz wichtiger Komponist. Trotzdem war es Zeit eine neue modernere Traviata zu zeigen, denn bei der alten Inszenierung ist der Staub einfach nicht mehr wegzuputzen. Den „Don Carlo“ wollte Welser-Möst unbedingt machen

OÖN: Zwei der Opern-Premieren gelten Musik des 20. Jahrhunderts? Wie sieht es mit Uraufführungen aus – sind solche geplant?

Meyer: Ja, wie im Vorjahr haben auch in dieser Saison zwei wichtige Werke des 20. Jahrhunderts Premiere und Uraufführungen sind ebenso geplant. Das dauert allerdings und es wäre zu früh, darüber zu sprechen.

OÖN: Händels „Alcina“ mit den Musiciens de Louvre unter Marc Minkowski ist sehr gut angekommen und steht im September wieder auf dem Programm. Wird es im Bereich der Barockoper eine ähnliche Fortsetzung geben?

Meyer: Wenig, aber regelmäßig. Denn das Staatsopernorchester muss bezahlt werden und da bedeuten Gastorchester zusätzliche Kosten. Aber die Barockoper gehört auch in Wien in den Spielplan und sollte auch hier von Spezialisten gemacht werden. So wird es dahingehend eine Fortsetzung geben – das Interesse besteht.

OÖN: Wenn man die erste Saison Revue passieren lässt und auch die Wiederaufnahmen (auch beim Ballett) hernimmt, dann fällt ein sehr ästhetisches Gesamtkonzept auf. Oper, so wie sie sein soll, nicht unbedingt durch Regieeingriffe verändert. Oper, so dass sie auch ein breiteres Publikum ansprechen könnte. Ist das ganz bewusst?

Meyer: Es ist für uns Theatermachern eine Pflicht, dass die Leute das, was auf der Bühne passiert, auch verstehen. Ich habe nichts gegen gutes Regietheater und möchte nicht nur eine Art von Interpretation zeigen, sondern offen für vieles sein. So wird der nicht unumstrittene Peter Konwitschny für Janáceks „Aus einem Totenhaus“ zurück an die Staatsoper kommen und ein großartiges Konzept präsentieren. Manchmal sehe ich vor allem in Deutschland Vorstellungen, die vom Feuilleton hoch gelobt wurden, und frage mich „wenn das die Oper sein soll, dann bin ich nicht sicher, ob ich diese noch mag“. Aber ich finde es gut, dass es Diskussionen gibt, denn das zeigt, dass die Oper lebendig ist. Das würde fehlen, wenn es nur eine einzige gültige Inszenierung geben dürfte.

OÖN: Wie möchten Sie dieses Haus international positionieren?

Meyer: Wir haben hier in Wien die größte Anzahl von Vorstellungen pro Saison, die größte Vielfalt an Stücken, die größten Sänger der Welt. Man hat mich einmal gefragt welches Haus das erste in der Welt sei: Mailand, New York oder Wien. Und darauf habe ich geantwortet: „Wenn die anderen Häuser die größten Sänger der Welt zu unseren [im Vergleich niedrigen] Gagen bekommen, dann haben sie die Nase vorn. Aber so und mit dem Trumpf des besten Opernorchesters der Welt ist klar, wer die Spitze anführt.

OÖN: Neu sind auch die Solistenkonzerte, die Kammermusik der Wiener Philharmoniker und die Reihe „Das Ensemble stellt sich vor“. Was waren Gründe für diese durchaus sehr willkommene Programmerweiterung?

Meyer: Es ist wichtig, dass das Publikum die neuen Mitglieder des Ensembles aus der Nähe kennen lernen und nicht bloß in Nebenrollen hören kann. Das wird sehr gut angenommen und diese Matineen sind fast immer ausverkauft. Da die Oper ein Tempel des Gesangs ist, ist es eigentlich mehr als logisch, manche der besten Sänger mit einem Soloabend in den Mittelpunkt zu rücken. Das ist aber auch eine Hilfe für die Disposition, denn an solchen Tagen kann wesentlich länger auf der großen Bühne geprobt werden. Die Kammermusik-Matineen waren Wunsch des Orchesters, sie kosten nichts und bringen Zusätzliches.

OÖN: Es gibt heuer auch wieder zwei Opern für Kinder und die schon traditionelle Zauberflöte für Kinder nach dem Opernball. Was tut sich sonst noch für Schulen und Jugendliche? Wie versucht man die Gruppe der 14-19-jährigen zu gewinnen?

Meyer: Die Schulprojekte sind in Entwicklung und hängen von der Fertigstellung der neuen Probebühne ab. Das erleichtert die Arbeit und es können Kindervorstellungen auch im großen Haus und nicht bloß im Zelt auf dem Dach stattfinden. Auch für Jugendliche und für die Zusammenarbeit mit Schulen gibt es Pläne und wir haben dafür eigens Personal eingestellt, um Konzepte zu entwickeln. Doch das braucht Zeit.

OÖN:  Bei meinem Besuch der Vorstellung am 3. September ist aufgefallen, dass wieder der eiserne Vorhang von Rudolf Eisenmenger zu sehen ist. Wird das so bleiben, oder sind wiederum Überhängungen geplant?

Meyer: Die Idee von „museum in progress“ ist gut und wird auch weitergeführt. Das heißt, es wird in Zukunft beides geben. Neue Kunst, aber auch den Blick auf das Haus in seiner gesamten Integrität, wie es 1955 gedacht war.

OÖN: Was habe Sie an diesem Haus besonders lieb gewonnen?

Meyer: Das Haus habe ich schon gemocht, bevor ich Direktor wurde. Was mich aber jetzt beeindruckt, ist die perfekte Stimmung hinter dem Vorhang. Hier begegnet man nur freundlichen Gesichtern und die Mitarbeiter sind überaus positiv eingestellt. Aber auch die Begeisterung des Publikums bewegt mich: 40 Minuten Applaus nach der Simon Boccanegra Vorstellung am 3.9., 2000 Besucher am Karajan-Platz, der Rathausplatz übervoll. Das ist einfach wunderbar. Ich habe den Eindruck, dass man sich als Intendant nicht umsonst bemüht, und ist durch die Reaktion des Publikums mehr als bedankt.

OÖN: Wie sieht die Zusammenarbeit mit Generalmusikdirektor Welser-Möst aus?

Meyer: Höchst angenehm und einfach professionell. Wenn er da ist, sind wir viel zusammen, gehen gemeinsam in die Kantine essen und verstehen uns auch sonst sehr gut. Es gibt nur wenige Dirigenten, die sich derart einsetzen und selbst an einem Tag zwei Opern dirigieren, wie gestern [8. 9.], wo er am Vormittag die Generalprobe für das Fidelio-Gastspiel an der Mailänder Scala dirigierte,  am Abend für den erkrankten Philippe Auguin in Richard Strauss‘ „Arabella“ einsprang und so erst heute Früh nach Italien reiste um am Abend das Gastspiel zu leiten.

OÖN: Ihr persönlicher Wunsch für die Zukunft?

Meyer: Ich habe nur einen Wunsch, dass, wenn ich einmal das Haus verlasse, die Liebe der Österreicher zur Oper unvermindert stark bleibt.

 

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