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Kultur

Der Walzerkönig und die Uroma: Welser-Möst im OÖN-Interview

Von Ludwig Heinrich   28. Dezember 2010 00:04 Uhr

Der Walzerkönig und die Uroma
Der gebürtige Linzer Franz Welser-Möst (50) dirigiert am Samstag zum ersten Mal das traditionelle Neujahrskonzert.

Zu Beginn der Proben für das Neujahrskonzert 2011 stellte sich Franz Welser-Möst in Wien einem Gespräch. Dabei wies Clemens Hellsberg, Vorstand der Wiener Philharmoniker, auf eine besondere Beziehung des Dirigenten zur Strauß-Dynastie hin.

OÖN: Welche Beziehung ist damit gemeint?

Welser-Möst: Meine Urgroßmutter war eine geborene Dommayer, und wie man weiß, gab es beim Dommayer in Hietzing zahlreiche Uraufführungen von Strauß-Werken, erst vom Senior, und 1844 trat der Walzerkönig dort erstmals auf. Und die Mutter von Aloisia Dommayer war die Tochter des berühmten Sperl-Wirten. Sie hieß Katharina Scherzer und galt als die dickste Köchin Wiens. Sie wog angeblich 150 Kilo. Gott sei Dank hat das nicht auch bei mir angeschlagen. Sie hat ein Kochbuch geschrieben, in dem sich unter anderem das Rezept des berühmten Kaiser-Gugelhupfs befand. Dieses Buch hat sie einmal Katharina Schratt geborgt, und, wie bei der Schratt üblich, nie mehr zurückbekommen. Meine Großmutter väterlicherseits war übrigens eine gewisse Wild. Den Namen kennen Sie sicher vom berühmten Feinkostgeschäft in der Wiener Innenstadt, das es nun aber nicht mehr gibt.

OÖN: Ihre Zusammenarbeit mit den Philharmonikern, sagt Clemens Hellsberg, ist in den letzten Monaten kontinuierlich gewachsen, bis zum Höhepunkt Neujahrskonzert?

Welser-Möst: Es war ein Jahr mit unerwarteten Höhepunkten. Da war einmal mein Einspringen für Seiji Ozawa beim Sommernachtskonzert, für mich die erste große Gelegenheit, mit diesem Orchester jene musikalische Sprache zu sprechen, die ich in 25 Jahren meiner Berufstätigkeit Nicht-Wiener-Orchestern näherzubringen versucht habe.

OÖN: Was sicher nicht einfach war?

Welser-Möst: Es ist so, als ob ich, umgekehrt, in Kenia einen Einheimischen treffe und mit ihm seinen Dialekt sprechen soll. Ich habe dieser Tage in einem Interview erzählt, dass ich einmal mit New York Philharmonic eine Fledermaus-Ouvertüre dirigiert habe. Der kleine Trommler, der sehr gut ist, war irgendwann bereit zum Selbstmord…

OÖN: Ins Amt des Generalmusikdirektors in Wien…

Welser-Möst: …bin ich irgendwie hineingeglitten, und dann habe ich im Musikverein, nach einer Absage, „Nachbarschaftshilfe“ geleistet, bei der Neunten von Bruckner. Ein Tag, den ich lang, lang nicht vergessen werde. Das war, mit den Philharmonikern, eine Stufe des gemeinsamen Musizierens, die musikalisch einfach beglückend war.

OÖN: Wie stehen Sie generell zur Strauß-Musik?

Welser-Möst: Ich bin zuletzt sehr oft gefragt worden, was mich daran so bewegt. Nun, diese Musik gehört einfach zum Schönsten, was es gibt. Als ich Kind war, hatte meine Großmutter so ein Werkel. Sie wissen eh, Vorgänger des Plattenspielers. Da hörte ich sehr oft den Radetzkymarsch oder den Morgenblätterwalzer, in Ausschnitten von zwei Minuten, denn mehr brachte man auf der Werkel-Walze nicht unter.

OÖN: Gab es für Sie schon frühere Erfahrungen mit Strauß-Werken?

Welser-Möst: Ja. Als ich als Jugendlicher einen Sommer lang beim Kurorchester Bad Hall mitwirkte, fand ich die Bearbeitung etwa des Radetzkymarschs für ein 13-Mann-Orchester eher lustig, aber andererseits lernte ich, wie diese Musik „in Fluss“ ist. Beim Kurorchester in Bad Hall hatte übrigens einst der 19-jährige Gustav Mahler eine Stelle, doch er hat sich furchtbar beschwert, dass er immer den Kinderwagen des Intendanten schieben musste, statt musikalische Aufgaben zu kriegen.

OÖN: Gibt es Musik, bei der Sie weinen könnten? Sagen wir so: bei der Ihnen die Tränen kommen können?

Welser-Möst: Sicher, doch das kommt auf die jeweilige Situation an. Wann ist mir das zum letzten Mal passiert? Genau! Heuer am 31. Juli bei Schuberts B-Dur-Sonate mit dem Solisten Radu Lupu.

OÖN: Welches Neujahrskonzert hat Sie besonders berührt?

Welser-Möst: Jenes mit Herbert von Karajan, weil da eine Seite dieser Musik besonders stark rauskam, natürlich auch aufgrund seiner damaligen Situation, seiner schweren Krankheit. Da war viel Wehmut drin, in der für ihn sehr typischen Schönheit, und gewiss im Bewusstsein, dass für ihn über kurz oder lang alles vorbei sein würde.

OÖN: Zum Neujahrskonzert gehört auch ein bisschen Komödiantik. Die berühmten „Einlagen“ der Philharmoniker. Einmal mehr, einmal weniger. Wie halten Sie es damit?

Welser-Möst: Diesbezüglich werden wir noch einiges besprechen. Dass ein bisschen Spaß zum Neujahrskonzert gehört, ist klar. Ich persönlich neige jedoch nicht sehr dazu, ein Zirkuspferd zu sein. Aber irgendwas wird schon gehen.

 

Übertragung in ORF2

In ORF 2 stimmen „Neujahrsgrüße im Walzerschritt“ (9.35 Uhr), das Porträt „Franz Welser-Möst“ (9.55 Uhr) sowie der „Auftakt“ (10.40 Uhr) auf das Neujahrskonzert 2011 (Beginn: 11.15 Uhr) ein. Eine Wiederholung gibt’s am 6. Jänner.

Das Programm

• Johann Strauß: Reiter-Marsch, op. 428
• Johann Strauß: Donauweibchen, op. 427
• Johann Strauß: Amazonen-Polka, op. 9
• Johann Strauß: Debut-Quadrille, op. 2
• Josef Lanner: Die Schönbrunner. Walzer, op. 200
• Johann Strauß: Muthig voran! Polka (PAUSE)
• Johann Strauß: Csardas aus „Ritter Pasman“
• Johann Strauß: Abschieds-Rufe. Walzer
• Johann Strauß Vater: Furioso-Galopp, op. 114
• Franz Liszt: Mephisto-Walzer I
• Josef Strauß: Aus der Ferne. Polka mazur, op. 270
• Johann Strauß: Spanischer Marsch, op. 433
• Joseph Hellmesberger: Zigeunertanz
• Johann Strauß Vater: Cachucha-Galopp, op. 97
• Josef Strauß: Mein Lebenslauf ist Lieb und Lust. Walzer, op. 263

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