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Der Pianist, der in die Kälte kam

Von Helmut Atteneder, 03. August 2018, 00:04 Uhr
Der Pianist, der in die Kälte kam
Virtuos, der Kälte zum Trotz: Rudolf Buchbinder bei seinem Konzert im Parzival-Dom der Dachstein-Rieseneishöhlen Bild: Hörmandinger

Rudolf Buchbinder spielte in der Dachstein-Rieseneishöhle Schubert und Beethoven.

Langsam und schwerfällig müht sich die schwitzende Prozession über steile Serpentinen. Ganz vorne schreitet eine Gottheit des Klavierspiels. Es ist Rudolf Buchbinder. Die gute Hundertschaft dahinter sind seine Jünger. Sie folgen ihm, weil er ihnen heute ein exklusives Konzert in einem exklusiven, sehr gut gekühlten Raum gibt. Im Parzival-Dom der Dachstein-Rieseneishöhlen wird Buchbinder Schubert und Beethoven geben.

Engagiert hat ihn Peter Brugger. Der Goiserer Pianist, Musikschuldirektor und Konzertveranstalter aus Leidenschaft hat "den Buchbinder nach einem Konzert in Linz angesprochen". Und der Buchbinder hat ja gesagt. Wohl nicht wissend, dass es ein beschwerlicher Fußmarsch über 130 Höhenmeter bei gut 30 Grad im Schatten werden wird, bis er zu seinem Spielgerät kommt.

Der Pianist, der in die Kälte kam
Prozession der Konzertbesucher: Von plus 34 auf minus ein Grad

Prozession der Konzertbesucher: Von plus 34 auf minus ein Grad 

140.000-Euro-Schimmel

Es ist ein weißer "Schimmel"-Flügel aus Acrylglas, der auf den großen Pianisten wartet. 140.000 Euro wert und 500 Kilo schwer. Brugger und Konsorten haben ihn in den Parzival-Dom geschleppt. Da steht er jetzt, umringt von Gesteinsmassen und ewigem Eis. Auf baugleichen Spielgeräten hat einst auch der unvergessene Udo Jürgens begeistert.

Dem Flügel macht die Kälte nichts aus, den 71-jährigen Pianisten fröstelt nach der überfallsartigen Kneippkur auf minus ein Grad Celsius in der Höhle indessen schon ein bisschen. Buchbinder lässt seine Finger zum Einspielen über die Tastatur fliegen. Es ist ein kurzes, eiskaltes Tête-à-tête. Der Pianist verlangt nach einem Handtuch. Die Tastatur ist feucht. Zum Schluss schüttelt er den Kopf und zieht die mitgebrachten Fahrrad-Handschuhe aus: "So geht’s nicht."

"Ziemlich runtergestimmt"

Geht nicht, gibt’s nicht – war ein paar Stunden zuvor noch das Motto des Salzburger Klavierstimmers Walter Bittner. Zweimal hat er den Schimmel gezähmt, ihn "ziemlich runtergestimmt. Jetzt kann nichts mehr passieren. Dieser Raum ist wie geschaffen für diesen Flügel. Der Klang ist einzigartig, der Hall dezent."

Der Pianist, der in die Kälte kam
Klavierstimmer Walter Bittner

Klavierstimmer Walter Bittner

Langsam scharen sich Buchbinders Jüngerinnen und Jünger um den Schimmel, über ihren kurzen Lederhosen und Dirndln tragen sie jetzt dicke Jacken und Hauben. Eis bricht knackend ab.

Dann kommt Rudolf Buchbinder die Stufen herab. Unter seinem Anzugsakko trägt er einen roten Pullover und eine Weste. Er nimmt Platz, schließt die Augen und beginnt, augenblicklich zu spielen. Schuberts Impromptus D899, op. 90, danach Beethovens Sonate op. 13, die "Pathétique". Es sind besondere Momente. Eine klangliche Reinheit breitet sich kälteresistent über dem Dom aus, Buchbinders Finger fliegen, die Hände überkreuzen sich, seine Meisterschaft allein bestimmt Zeit und Raum.

Einer kann sich jetzt entspannen. Peter Brugger, der gemeinsam mit Romana Obermair den Verein AME ("Austrian Music Education") gegründet hat und die Eisklang-Konzerte veranstaltet. Vielleicht denkt er gerade an die Anfänge seiner spektakulären Konzertidee vor 18 Jahren: "A bissl in der Nacht is uns des eingefallen ..." 40 Minuten nachdem Rudolf Buchbinder dem Schimmel den ersten Ton entzaubert hat, öffnet er nun die Augen. Er steht auf, reibt sich die Hände, verneigt sich, stürmt ins Freie. Und Warme.

Er, der an herausragenden Orten wie der Carnegie Hall New York, der Suntory Hall Tokio, dem Musikverein Wien und der Berliner Philharmonie gespielt hat, hat soeben das kälteste Konzert seines langen Künstlerlebens beendet. Später wird er sagen: "Dieser Konzertort lässt sich mit keinem anderen vergleichen. Zum Schluss war es an der Schmerzgrenze. Ich hätte nicht viel länger spielen können."

 

Weitere "Eisklang"-Konzerte: "Paganini on Ice" mit Star-Geiger Benjamin Schmid am 24. August und das Welterbe-Sonderkonzert "Mozart von Goisern" am 31. August. www.eisklang.at

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