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Kultur

Das große Loch nach der großen Chance

Von Helmut Atteneder   11. November 2014 00:05 Uhr

Das große Loch nach der großen Chance
Nora Baumann und Hanna Maizner: Quo vadis, "Harfonie"? (orf)

Die ORF-Casting-Show hat den bisherigen Gewinnern nicht wirklich zur großen Karriere verholfen - Eine Analyse.

Freitag, 7. November, 23 Uhr. Zwei Mädchen, Nora Baumann (13) und Hanna Maizner (15) liegen einander schluchzend in den Armen. Als Duo Harfonie haben die beiden Tirolerinnen soeben die ORF-Casting-Show "Die Große Chance" gewonnen. "Jetzt stehen uns viele Sachen offen", sagen sie und recken einen Koffer mit 100.000 Euro Inhalt in die Höhe. Aber: Was bringt ein Sieg bei der Großen Chance "in echt"?

Die Bilanz der bisherigen drei Sieger ist aus heutiger Sicht durchwachsen. "Weder 100.000 Euro noch die große Karriere", sagt Christine Hödl, die 2011 gewonnen hat (eine gewisse Conchita Wurst wurde Sechste).

Wie bitte? "Man bekommt eine Honorarnote für erbrachte Leistungen – und die ist dann voll zu versteuern. Am Ende blieben mir so etwa 60.000 Euro", sagt die Singer-Songwriterin aus Wien. Die ersten Tage und Wochen waren für die bodenständige 38-Jährige wie ferngesteuert verlaufen. ORF und Sony managten die Karriere und es lief zunächst wie am Schnürchen. Ihr Debut-Album "Pure" schlug ein, nach sechs Tagen gab es Gold. Für Hödl das Größte überhaupt. Zunächst, denn: "Im ersten Jahr wird man groß aufgezogen. Aber dann ist es wie beim Staffellauf, du wirst vom nächsten Sieger abgelöst. Das kostet Energie."

Das Staffelholz wurde 2012 an Alexandra Plank aus Ansfelden weitergereicht, die mit einem Border Collie namens Esprit ein Millionenpublikum mit ihrer Agility-Show begeisterte. Hier spielte das Schicksal der großen Karriere einen Streich. Zunächst wurde Esprit krank und im November 2013 von einem Auto überfahren.

Im Vorjahr siegte dann – wir können uns noch alle erinnern? – Thomas David, ebenfalls Musikant. Am Freitag übergab er Harfonie den "Koffer". Auf seiner Homepage finden sich viele Gigs – allerdings meist in dieser Preisklasse: Bühnenwirtshaus Juster, Groß Siegharts, Lehrlingsball Bregenz. Große Karriere ist anders.

Christine Hödls Managerin Waltraud Gassner geht mit dem ORF hart ins Gericht: "Du wirst groß gepusht – in allem, was du sagst und tust. Du bist kein Künstler, denn das Marketing regiert alles. Ein Jahr lang. Ab Tag 366 driftet man in einen luftleeren Raum ab, den man selber befüllen muss."

Hödl selbst hat ihren Job als Kindergartenpädagogin nie aufgegeben. Was die Karriere betrifft, arbeitet sie mit ihrer Band an einem neuen Album, das Anfang 2015 herauskommen soll und – das haben wir schon oft gehört – "ehrlicher und echter denn je" sein wird. Die Große Chance ist vor allem für den ORF und Mobilfunkbetreiber eine solche. Bis zu 1,048 Millionen Zuseher sahen das Finale, gevotet wurde mit dem Handy.

Christine Hödl hat keine große Lust mehr an der großen Chance: "Das Gefühl des Siegens hätte ich gerne wieder gespürt, aber noch einmal teilnehmen kommt für mich nicht in Frage. Der Erfolg war eine große Erfahrung, aber mir war diese Art der Erfahrung genug."

Das süße Mäderlduo "Harfonie" in ihren Dirndlkleidchen hat in Österreich ein gewisses Potenzial. Nach oben (jetzt) wie nach unten (Tag 366). Denn der Weg nach ganz oben ist stoanig, lang und selten mit der Erfüllung von Eigeninteressen gepflastert. Und das Ende eines Hypes kommt schnell, denn im Showbiz wird die heiße Kartoffel dann fallen gelassen, wenn sie nicht mehr heiß genug ist...

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