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Kultur

Dachstein-Drama: Aus der Tragödie wurde ein Mythos

Von Christoph Zöpfl   12. April 2014 00:04 Uhr

Dachstein-Drama: Aus der Tragödie wurde ein Mythos
Das Foto rechts zeigt die Gruppe bei der Wanderung in den Tod. Bei einem Opfer wurde eine Kamera gefunden und der Film später ausgearbeitet.

Vor 60 Jahren sind zehn Schüler und drei Lehrer auf dem Dachstein erfroren. Die Toten hat man gefunden, die Antwort auf die Schuldfrage will man nicht mehr suchen.

Es ist der 15. April 1954, Gründonnerstag. Hans Georg Seiler, Lehrer der Knabenmittelschule Heilbronn, bricht um sechs Uhr früh mit drei erwachsenen Begleitern und zehn Schülern von der Bundessportschule Obertraun zu einer Bergwanderung in das Dachsteingebiet auf. Seine jugendlichen Begleiter hat er am Vorabend ausgewählt. Es dürfen nur die besten mit, die sich in den Tagen zuvor bei leichteren Einführungstouren auf den Sarstein und den Loser bewährt haben. Die geplante Tour am Gründonnerstag, die auf den Krippenstein führen sollte, wird zum Leidensweg. Außer einer erwachsenen Begleiterin, die wie geplant vorzeitig umgekehrt ist, kommt niemand mehr lebendig zurück. Ein Schneesturm hat die Wanderer überrascht. Drei Erwachsene und zehn Jugendliche erfrieren auf dem Dachstein.

Die höhere Macht

Die damals größte Suchaktion der alpinen Geschichte konnte die Heilbronner Gruppe nicht retten. Erst nach 43 Tagen hat man alle Toten geborgen und in das Tal gebracht. Die Antwort, warum es zu dieser Tragödie kommen musste, ist selbst 60 Jahren später ein Mysterium. Inzwischen möchte sie auch kaum jemand mehr suchen. Der Heilbronner Filmproduzent Hajo Baumgärtner, der den Lehrer als Hauptschuldigen identifiziert (siehe Interview rechts) ist da eine Ausnahmeerscheinung. Allgemein hat man sich auf eine höhere Macht namens Schicksal als Verantwortungsträger geeinigt. Das ist bequem und tut nicht weh.

Die Heilbronner Tragödie hat viele Menschen, die sie aus nächster Nähe miterleben mussten, traumatisiert. Jetzt noch bekommen Zeitzeugen, die sich an der Suche nach der vermissten Gruppe beteiligt haben und später auf zusammengebastelten Toten-Brettern Leichen in das Tal transportieren mussten, Tränen in den Augen, wenn sie an das Unglück erinnert werden.

Hand in Hand mit dem Entsetzen wanderte damals die Sensationslust durch das Dachsteingebiet. Obertraun erlebte einen Medienansturm, auf der Jagd nach wuchtigen Schlagzeilen war der Fantasie der Berichterstatter keine Grenze gesetzt. Abgesehen von den technischen Rahmenbedingungen. Es gab nur zwei freie Telefonleitungen für die atemlosen Berichterstatter.

Die Bilder der ersten Toten, die nach neuntägiger Suche schließlich gefunden wurden, konnten also nicht – wie heute üblich – in Echtzeit veröffentlicht werden. Sie tauchten später in verschiedenen Magazinen auf. Pietätlos waren sie trotzdem. Der Todeskampf stand den Opfern ins Gesicht geschrieben. Die Entrüstung war groß, die Schaulust größer.

Das Schicksal der Heilbronner Irrläufer hat viele Menschen bewegt. Freundschaften sind entstanden. Lieder, Gedichte, Theaterstücke wurden geschrieben. Romane wurden verfasst. In Heilbronn wurde anlässlich des 60-Jahr-Jubiläums vor einer Woche ein Auftragswerk der Stadt für zwei Chöre aufgeführt. Name des Stücks: "Gefrorene Träume".

Historische Aufarbeitung

Der Versuch, die Tragödie historisch präzise nachzuerzählen, hat die Frage nach dem Warum nicht genau beantworten können, jedoch Indizien geliefert. Christhard Schrenk, der Leiter des Heilbronner Stadtarchivs, erstellte vor zehn Jahren eine umfassende Dokumentation. Der Anführer der Gruppe, der damals 40-jährige Seiler, wurde darin weder verurteilt noch freigesprochen. Dass er am Gründonnerstag 1954 mindestens zwei falsche Entscheidungen getroffen hat, ist jedoch klar. Zunächst hat der Lehrer kurzfristig die Route geändert, ohne jemanden davon zu unterrichten. Später, als eine von vielen Wetterdiensten unterschätzte Kaltfront das Dachsteinmassiv eroberte, wurde die Lage falsch eingeschätzt und zu spät (oder gar nicht mehr) umgekehrt. Sturm und Kälte raubten der für diese Verhältnisse bescheiden ausgerüsteten Gruppe jede Überlebenschance. Höchstwahrscheinlich hat keiner die Nacht auf den Karfreitag überlebt.

Erst am 28. Mai 1954 wurden die letzten Toten des Dachsteinunglücks gefunden. Eine Hand von Hans Georg Seiler ragte aus einem von der Frühjahrssonne abgetauten Schneefeld heraus. Im anderen Arm hielt der Lehrer den mit 16 Jahren Jüngsten seiner Gruppe.

Das Heilbronnerkreuz an der Fundstelle erinnert heute an die Tragödie. Von der Krippenstein-Bergstation gibt es einen Wanderweg, auf dem man die Gedenkstätte gefahrlos erreichen kann. Wenn es das Wetter zulässt.

Sechs österreichischen Bergrettern wurde 1954 vom damaligen deutschen Bundespräsidenten Theodor Heuss das Bundesverdienstkreuz verliehen. Dass angesichts der widrigen Bedingungen bei der aufwändigen Suchaktion kein Helfer verunglückte, gilt heute noch als Wunder.

Zwei TV-Produktionen beschäftigen sich zum 60-Jahr-Jubiläum mit dem Drama. In ORF 2 ist am Sonntag (16.30 Uhr) eine Produktion des oberösterreichischen Landesstudios zu sehen. Gestalter Robert Fürst hat Zeitzeugen getroffen und rückt auch die Bergrettung von damals und heute ins Bild. Auf Servus TV wird am Karfreitag die Doku des deutschen Filmers Hajo Baumgärtner gezeigt („Retroalpin“, 21.15 Uhr)

60 Jahre Dachstein-Unglück

Der Weg in den Tod: Ursprünglich wollte Hans Georg Seiler mit seiner Gruppe am 15. April 1954 von der Bundessportschule über Krippenbrunn, der Gjaidalm zum Krippenstein wandern und über die Schönbergalm nach Obertraun zurückkehren. Zumindest hatte das der Lehrer dem Verwalter der Bundessportschule am Vorabend so mitgeteilt.

Tatsächlich wurde dann der Weg in die umgekehrte Richtung eingeschlagen. Um 9.30 Uhr erreichte die Gruppe die Schönbergalm. In der daneben gelegenen Seilbahnstation bekommen die Heilbronner heißen Tee und den guten Ratschlag, ins Tal zurückzukehren, da sich das Wetter bereits verschlechtert hat. Seiler entschloss sich dazu, weiterzugehen.

Um 11 Uhr traf die Gruppe bei der Stütze Nummer fünf der Materialseilbahn in der Nähe des Mittagskogels einen Bautrupp, der aufgrund des schlechten Wetters – inzwischen war der Wind stärker geworden, auch der Schneefall hatte schon eingesetzt – in Richtung Tal unterwegs war. Auch die Bauarbeiter sollen Seiler dringend geraten haben, endlich umzudrehen. Es waren die letzten Menschen, die die Heilbronner Wanderer lebend gesehen haben.

„Der Seiler hätte diese Tour nicht machen dürfen“: Filmemacher Hajo Baumgärtner im OÖN-Interview

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