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Kultur

Brüderchen und Schwesterchen stecken in einer märchenhaften Lebenskrise

Von Christian Schacherreiter   21. August 2018 00:04 Uhr

Brüderchen und Schwesterchen stecken in einer märchenhaften Lebenskrise
In seinem neuen Werk seziert der Vorarlberger Schriftsteller Michael Köhlmeier eine vielschichtige, schwierige Geschwister-Beziehung.

Michael Köhlmeier legt den beeindruckenden Roman "Bruder und Schwester Lenobel" vor

Für Michael Köhlmeiers neuen Roman "Bruder und Schwester Lenobel" sollte man sich Zeit nehmen, nicht nur weil er 540 Seiten umfasst, sondern weil man jede dieser Seiten langsam und konzentriert lesen soll. Es gibt nur wenige große Erzählungen, die neben dem Plot so viel Kluges, Bedenkenswertes und Berührendes zu bieten haben. Robert und Jetti heißen die Hauptfiguren. Bruder und Schwester – "Brüderchen und Schwesterchen". Wer beim Werktitel an das bekannte Märchen aus der Grimm’schen Sammlung denkt, liegt nicht falsch. Michael Köhlmeier, der mit seinem Buch "Von den Märchen" (Haymon Verlag) seine große Liebe zu dieser Textsorte bekräftigte, fügt in den an sich realistischen Erzähltext Märchen ein. Ihre Motive kehren auf die eine oder andere Weise in der Romanhandlung wieder. Robert Lenobel ist 55 Jahre alt, lebt in Wien, ist jüdischer Herkunft, ein angesehener, gut nachgefragter Psychoanalytiker. Verheiratet ist Robert mit Hanna, die eine jüdische Buchhandlung betreibt, obwohl sie selbst keine Jüdin ist. Die beiden Kinder aus dieser Ehe sind mittlerweile erwachsen.

So problemlos und einfach könnte das Leben weitergehen, würde Robert eines Tages nicht einen verhängnisvollen Fehler machen. Bess, eine außergewöhnliche Patientin, fasziniert den an sich rationalen, auf Distanz bedachten Analytiker so sehr, dass er sich auf eine Affäre mit ihr einlässt, die sich zur Liebesbeziehung auswächst. Will er das wirklich?

Verwirrung des Herzens

Die Verwirrung des Herzens und die Unordnung der Verhältnisse, in die Robert Lenobel dadurch gerät, dürften ihren Höhepunkt erreicht haben, als er plötzlich spurlos verschwindet. Die beunruhigte Ehefrau Hanna ruft in ihrer Hilflosigkeit Roberts Schwester Jetti an, eine selbstbewusste Kulturmanagerin, die in Dublin eine Agentur und zwei Liebhaber betreibt. Dass die Beziehung von Jetti zu ihrer Schwägerin Hanna eher spannungsreich ist, merkt man schon kurz nach ihrer Ankunft in Wien. Und bald reist Jetti unverrichteter Dinge wieder ab.

Ebenso spannend wie überzeugend erzählt Michael Köhlmeier, wie das Leben der bislang so souveränen Schwester plötzlich auch ins Schleudern gerät, als würde die Lebenskrise des Bruders unweigerlich ihre eigene nach sich ziehen. Dabei spielt auch der Schriftsteller Sebastian Lukasser eine nicht unerhebliche Rolle. Michael Köhlmeier ermöglicht seinem Alter Ego, das wir seit "Abendland" kennen, wieder einmal einen gelungenen Auftritt. Aber nicht nur die Geschwisterbeziehung von Jetti und Robert wird nuancenreich ausgeleuchtet, Köhlmeier holt auch deren Familiengeschichte aus dem Dunkel vergangener Jahrzehnte ans Licht.

Ein Märchen mit Realismus

Michael Köhlmeier nützt den weiten ästhetischen Gestaltungsspielraum, den der moderne Roman bietet, verbindet sinnliches Erzählen mit Reflexion, Kritik mit Einfühlung, Märchen mit Realismus. Und wie er das hinkriegt, ist wieder einmal ziemlich beeindruckend.

Michael Köhlmeier: "Bruder und Schwester Lenobel", Roman, Hanser Verlag, 540 Seiten, 26,80 Euro

OÖN Bewertung:

 

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