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Joschi Anzinger - Ein Bewahrer des Kulturgutes Mundart

LICHTENBERG. Aufgewachsen in einer bäuerlichen Großfamilie in Lichtenberg, hat Joschi Anzinger schon in jungen Jahren erkannt, dass sich die Sprache verändert.

Ein Bewahrer des Kulturgutes Mundart

Joschi Anzinger denkt, schreibt und träumt in der Mundart. Bild: Ulli Engleder

Der 53-jährige Angestellte, der auf dem Pöstlingberg lebt, ist als Mundartdichter und -schreiber bekannt. Sein „Granidd fausdd“, die Übertragung des Goethe-Klassikers in seine Heimat, wird im Sommer in einer Theaterfassung in Waldhausen gespielt.

OÖN: Woher rührt Ihre Vorliebe für die Mundart?

Anzinger: Mundart ist für mich Muttersprache. Ich beherrsche sie, habe sie gelernt, praktisch mit der Muttermilch aufgesogen. Warum sie bei mir so hängen geblieben ist, weiß ich nicht. Andere meiner Generation haben die Mundart sogar verdrängt, sich dafür geschämt. Mir war aber schon in jungen Jahren wichtig, dass die Mundart erhalten bleibt.

OÖN: Wann haben Sie gespürt, dass man die Mundart bewahren muss?

Anzinger: Durch den medialen Einfluss in den 1960er und 1970er Jahren ist durch die Schule, die Bildung eine Welle über uns Junge hereingebrochen. Ich habe gemerkt, dass die Umgangssprache etwas anderes ist als das, was wir zu Hause am Bauernhof sprechen. Dazu kam, dass sich die Sprache rasend schnell verändert hat. Ich habe schon anders geredet als mein Bruder, der 13 Jahre älter ist als ich. Ich wusste also, dass die Mundart irgendwann den Bach hinuntergeht.

OÖN: Deshalb haben Sie sich schreiberisch der Erhaltung der Mundart verschrieben?

Anzinger: Ich wusste, dass die Mundart verschwindet, wenn man sie nicht erhält, konnte dieses Wissen aber nicht umsetzen. Mit 30 Jahren habe ich dann damit begonnen, meine Gedanken in Mundart niederzuschreiben. Sehr unbedarft und im Wissen, ein Bauchschreiber zu sein.

OÖN: Was reizt Sie an der Mundart?

Anzinger: Sie ist so kraftvoll, so ehrlich. Schon Goethe wusste die Sprache zu schätzen, indem er schon vor 200 Jahren sagte, dass die Mundart die Sprache des Herzens ist. Es geht ums Wohlfühlen. Es ist ein Stück Heimat. Die Sprache des Herzens spürt man.

OÖN: Stoßen Sie mit Ihrer Mundart an Verständigungsgrenzen?

Anzinger: Nein. Das Problem habe ich überhaupt nicht, wenngleich es spezielle Ausdrücke gibt, die man erklären muss. Das hat aber auch mit dem technischen Wandel zu tun. Auf dem Bauernhof sind zum Beispiel dadurch Wörter verschwunden, weil wir diese Wörter nicht mehr brauchen, da die Gerätschaften verschwunden sind.

OÖN: Haben Sie Lieblingswörter?

Anzinger: Goi finde ich lieb und udaungs, was unverhofft, unerwartet heißt. Hiaz, griaß di und pfiat di gehören ebenfalls zu meinen Lieblingen.

 

Joschi Anzinger

1958 geboren, wuchs Joschi Anzinger im bäuerlichen Umfeld in Lichtenberg auf. Heute lebt er mit seiner Frau auf dem Pöstlingberg. Gemeinsam haben sie zwei Kinder.
500 Jahre alt ist die Faust-Geschichte, die Anzinger frei nach Goethes Version nach Oberösterreich verlegt hat.
2 Bücher hat Anzinger mit der Übertragung von Klassikern in die Mundart gefüllt: „s mühlviaddla nibelungenliad“ und der „Granidd fausdd“ sind in der Bibliothek der Provinz erschienen. Dazu hat er mehrere Gedichtbände veröffentlicht.
Mehr Infos unter: www.joschi.at
 
Bald werden sich alle Fleischhauer in Metzger verwandeln
 
Natürlich hat das Oberösterreichische seinen eigenen Charakter. Wissenschaftlich zählt der Dialekt trotzdem zu "Bairisch", wie die Sprachfärbungen der Münchner und Wiener.
Allerdings versammeln sich allein in Oberösterreich 25 unterschiedliche Dialektregionen, deren Wurzeln auf das 6./7. Jahrhundert, die Zeit der Besiedelung durch die Bayern, zurückgehen. „Wie sich die Dialekte jetzt darstellen, haben sie sich im 13. Jahrhundert herausgebildet, seitdem hat sich nicht wahnsinnig viel verändert“, sagt Sprachforscher Stephan Gaisbauer. Der 43-Jährige aus Puchkirchen am Trattberg verantwortet im Linzer Stifterhaus unter anderem den oberösterreichischen Sprachatlas. Sprachliche Färbungen wurden erst mit der steigenden Mobilität verwässert. Gaisbauer: „Vor dem Ersten Weltkrieg hat man noch innerhalb der Welser Heide Unterschiede gehört, einer aus Oftering hat anders gesprochen als jemand aus der Scharten.“

Warum nun der Tiroler dieses knackige „k“ spricht und der Oberösterreicher nicht, sei nicht zu erklären. Fest steht, dass Oberösterreich ein offenes, von der Donau und vom Handel geprägtes Land ist: „Deshalb haben sich sprachliche Neuerungen schneller durchgesetzt als in Gebirgstälern. Insofern ist das Tirolerische konservativer.“

Besteht die Gefahr, dass der Dialekt aufgrund der Globalisierung verschwindet? Gaisbauer: „Sicher nicht. Diese Prognose gibt es seit 200 Jahren, aber sie stimmt nicht. Eine Gegenbewegung zur Globalisierung ist der Regionalismus, die Menschen sind mit grenzenlosen Dimensionen überfordert. Trotzdem ist Sprache ein sich ständig verändernder Organismus.“ So wirke aus Deutschland ein großer sprachlicher Druck, der bald alle Fleischhauer in Metzger verwandeln wird und alle Stiegen in Treppen. Umgekehrt schlägt das „Pickerl“ zurück, das sich in Deutschland einnistet. Gaisbauer: „Sehr erfolgreich ist auch ,eh’ für ,ohnehin’.“ Der Einfluss des Englischen, sagt Gaisbauer, werde außerdem überschätzt. „Um 1920 gab es 9000 auch vom Duden erfasste französische Fremdwörter, heute nur noch einige Hundert.“ Und etliche davon – etwa Trottoir oder Lavoir – sind uns längst so vertraut, dass sie wie Dialekt klingen.

 
Oberösterreichisch
Der oberösterreichische Dialekt ist keine eigene Sprachgruppe, einige Wörter sind dennoch besonders. Eine kleine Auswahl an Hoamatland-Deutsch:
Goi: Gell, hat nichts mit dem hebräischen Wort Goi (Nichtjude) zu tun.
Drawig: Es eilig haben.
Bunki Kuchen vom Blech, nicht verwechseln mit Bünki (gepresster Strohballen).
Neichtl: Eine kurze Zeit, leitet sich von „Eicht“ (einst: eine kurze Zeiteinheit, Zeit der Dämmerung) ab, das „N“ ist ein verkürzter unbestimmter Artikel zur leichteren Aussprache.
Eanta: Eher, früher, bevor
Iada Dienstag, auch Iritag, leitet sich vom gotischen „Areinsdag“, dem Ares-Tag ab, dem Tag des griechischen Kriegsgottes.
Gschma: Liebenswert, gemütlich, allgemeiner Ausdruck des Wohlgefallens und Wohlbefindens.
Flenna: Weinen. Leitet sich vom Mittelhochdeutschen vlehen/vlen (dringlich bitten) ab.
Dumön: Sich beeilen. Mittelhochdeutsch: tumeln = taumeln.
Degerl: Tiegel, flaches Gefäß mit Deckel. Lateinisch: tegula (Dachziegel).
Netta: Nur. Aus dem italienischen „netto“.
 
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Artikel Reinhold Gruber 28. März 2012 - 00:04 Uhr
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