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Song Contest

Ein Wettsingen, das den ORF-Chef im Postenkampf stärkt

Von Peter Grubmüller und Lukas Luger   26. Mai 2015 00:05 Uhr

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Song Contest-Analyse: Der ORF hat eine gelungene Show produziert – das stärkt Wrabetz' Position bei der Neuwahl kommendes Jahr.

Analyse

Der Song Contest 2015 in Wien ist Geschichte, der schwedische Strichmandltänzer Måns Zelmerlöw hat mit "Heroes" den erwarteten Sieg vor Russland und Italien eingefahren. Dass seine leicht bekömmliche Nummer wohl kaum in die Annalen der Popgeschichte eingehen wird – vollkommen egal! Denn die Musik diente beim Wettsingen mit gesellschaftspolitischen Zwischentönen in der Wiener Stadthalle ohnehin als Hintergrundbeschallung für ein quietschbuntes Spektakel, das herrlich fröhlich Elemente aus Zirkus, Kindergeburtstagsparty und Polterabend kombinierte. Auch wenn dieses Mal lupenreine Klamaukbeiträge à la Stefan Raab oder wie die singenden Omas aus Russland vor drei Jahren ausblieben, das absolute Primat der Festivität gegenüber der Kunst blieb jederzeit unangetastet.

Kurzum: Der Star war die Show! Und dabei leistete der ORF durchwegs ausgezeichnete Arbeit. Die 44 Meter breite und bis zu 14,3 Meter hohe Song-Contest-Bühne war ein bemerkenswerter optischer Hingucker, ebenso der liebevoll ausgestattete Green Room. Vorab geäußerte Befürchtungen, die mit LED-Elementen gespickte Bühne könnte die für so ein Riesenevent leicht unterdimensionierte Stadthalle "erdrücken", erwiesen sich als unbegründet.

Solide Leistung der Makemakes

In schöner Erinnerung bleiben auch die bombastische und doch stimmungsvolle Eröffnungszeremonie und vor allem der schlichtweg sensationelle Pausenauftritt von Percussion-Popstar Martin Grubinger und seinem Ensemble. Dass Österreich, wie Spötter jetzt behaupten, mit dem Schlagwerk-Virtuosen als ESC-Teilnehmer deutlich mehr Punkte eingefahren hätte als mit The Makemakes, mag vielleicht zutreffen. Der Mondseer Band tut dies aber trotz ihrer punktetechnischen Nullnummer Unrecht. Mit "I Am Yours" lieferte das Trio eine Leistung ab, die als solide durchgeht und keine Häme verdient. Genauso wenig wie die Deutsche Ann Sophie, die mit ihrer Agententhriller-Vertonung "Black Smoke" ebenso leer ausging. Es sieht wie ein Schulterschluss der von Europa Verschmähten aus, dass The Makemakes (sie eröffnen am 8. Juni den OÖN-Konzertsommer auf Burg Clam) und Ann Sophie nun gemeinsam künstlerische Pläne entwickeln.

Ein Wettsingen, das den ORF-Chef im Postenkampf stärkt
Song-Contest-Sieger Måns Zelmerlöw jubelt ebenso wie ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz und das Moderatorinnen-Trio Weichselbraun, Kiesbauer und Tumler

Für die ORF-Moderatorinnen Mirjam Weichselbraun, Alice Tumler und Arabella Kiesbauer ging es nicht um Punkte, sondern bloß darum, den von 200 Millionen Menschen weltweit gesehenen Showkoloss zu lenken. Das haben sie mit akzentfreiem Englisch und hautengen Kleidern respektabel hinbekommen. Und als Alice Tumler das Publikum für dessen Buhrufe gegen die Russin Polina Gagarina ermahnte, war der völkerverbindende Ansatz nicht mehr bloß ein sich leer wiederholendes Mantra.

Unverständlich blieb hingegen die Entscheidung des ORF, den Finalauftritt von Conchita Wurst zugunsten kommerzieller Produktempfehlung zu opfern. Werbung anstelle des Vortrags der Vorjahressiegerin war unnötig. Und doch nicht ganz, wie ORF-Finanzdirektor Rudolf Grasl gestern mitteilte. Ob des Song Contests verdiente der Sender mehr als eine Million Euro zusätzlich als im Mai sonst üblich – die Preise der Werbezeiten waren auch empfindlich angehoben worden.

Weiters tragen die Kartenverkäufe mit einem Umsatz von insgesamt vier Millionen Euro dazu bei, dass der ORF das ursprünglich veranschlagte ESC-Budget von 15 Millionen Euro netto unterschreiten wird. Diese Tatsache stärkt wiederum Alexander Wrabetz bei der Neuwahl des ORF-Generaldirektors im kommenden Jahr. Insofern ist die politische Tragweite des Song Contests – zumindest ob seiner Auswirkungen auf das Parteiengerangel um den ORF-Chefposten – nicht zu leugnen.

Endergebnis

Ein Wettsingen, das den ORF-Chef im Postenkampf stärkt

Das Finalergebnis

  1. Schweden „Heroes“ von Mans Zelmerlöw, 365 Punkte
  2. Russland „A Million Voices“ von Polina Gagarina, 303 Punkte
  3. Italien „Grande Amore“ von Il Volo, 292 Punkte
  4. Belgien „Rhythm Inside“ von Loic Nottet, 217 Punkte
  5. Australien „Tonight Again“ von Guy Sebastian, 196 Punkte
  6. Lettland „Love Injected“ von Aminata Savadogo, 186 Punkte
  7. Estland „Goodbye To Yesterday“ von Elina Born & Stig Rästa, 106 Punkte
  8. Norwegen „A Monster Like Me“ von Mörland & Debrah Scarlett, 102 Punkte
  9. Israel „Golden Boy“ von Nadav Guedj, 97 Punkte
  10. Serbien „Beauty Never Lies“ von Bojana Stamenov, 53 Punkte

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26. Österreich „I Am Yours“ von The Makemakes, 0 Punkte
www.eurovision.tv

Österreichs Vertreter, "The Makemakes", belegten gemeinsam mit Deutschland den letzten Platz.

 

Pressestimmen

Pressestimmen

  • „Nun lautet die Frage, ob Mans Zelmerlöw seinen Erfolg auch für eine Karriere außerhalb Europas nützen kann. (...) Man kann nur hoffen, dass er nicht den gleichen Fehler macht wie Björn Skifs, als er 1974 mit „Hooked On A Feeling“ an der Spitze der US-Hitparade war, sich aber dennoch für eine Tour durch die schwedischen Volksparks entschied.“ - Svenska Dagbladet, Schweden
     
  • „Das Ausrichterland musste einen Doppelschlag hinnehmen: Es wurde Letzter und verzeichnete auch die gefürchteten null Punkte. Dabei ist der Song gar nicht so schlecht!”- New York Post, USA
     
  • „Alter Schwede, was für ‘ne Nullnummer! Deutschland erlebt ein Desaster: Null Punkte!“ - Bild, Deutschland
     
  • „Selbst die müden Beiträge aus England und Frankreich durften sich über Trostpunkte freuen. Nur Deutschland und Österreich nicht. Die sind vereint im gemeinsamen Leid, sich nicht einmal gegenseitig mit Punkten bedacht zu haben.“ - Süddeutsche Zeitung, Deutschland

 

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