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Leidenszeit 1. Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg war die „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts. Oberösterreich war zwar das am weitesten von allen Fronten entfernte Kronland der Habsburgermonarchie, die Auswirkungen waren dennoch nicht weniger tiefgreifend.

Am 28. Juli unterschrieb Kaiser Franz Joseph in Bad Ischl die Kriegserklärung an Serbien: „In dieser ernsten Stunde“, schloss er, „bin ich Mir der ganzen Tragweite Meines Entschlusses und Meiner Verantwortung vor dem Allmächtigen voll bewusst. Mit ruhigem Gewissen betrete ich den Weg, den die Pflicht mir weist.“

Tags dar-auf verließ der Kaiser Ischl für immer. Auf seiner Abreise machte er in Linz Station und sprach einige Worte zu den versammelten Offizieren: „Es hat mich sehr gefreut, die Herren hier zu sehen, und ich sage zum Abschied in dieser ernsten Stunde nur die wenigen Worte, dass ich auf den guten Geist, die Ausdauer und die Tapferkeit der Armee baue.“ (Tages-Post vom 30.7.1914).

Oberösterreich, nie von feindlichen Soldaten betreten, wurde vom Krieg sofort mit voller Wucht erfasst: mit Einberufungen, ersten Todesmeldungen, vielen Verletzten und Gefangenen, die in Lazaretten und Barackenlagern massiert wurden, der Bewirtschaftung und einer rasch sich verschärfenden Hungersnot.

Aus einem auf wenige Wochen gedachten Waffengang wurden mehr als vier Jahre Krieg. Die österreichische Offensive gegen Serbien kam nur sehr langsam voran. Gegen Russland gelang erst im Mai 1915 bei Gorlice und Tarnów ein großer Sieg. Am 23. Mai 1915 trat Italien in den Krieg ein. In zwölf Isonzoschlachten von Juni 1915 bis Oktober 1917 sowie im Hochgebirge der Dolomiten und des Ortlers kämpfte man um trostlose Berggipfel.

Oberösterreichische Regimenter waren auf allen Kriegsschauplätzen: das Infanterieregiment Nr. 14, das Infanterieregiment Nr. 59, das Dragonerregiment Nr. 4, das Infanterieregiment Nr. 2 und das Feldkanonenregiment Nr. 40.

Traumata und Neurosen

Groß war der Blutzoll beim Landsturm-Infanterieregiment Nr. 2: rund 4000 Mann. Am 11. Juli 1915 fuhren vom Freiwilligen oö. Schützenregiment 42 Offiziere und 1178 Mann ab, im November 1918 kamen 10 Offiziere und 220 Mann zurück.

Auf das heutige Österreich entfielen etwa 180.000 bis 190.000 Gefallene und Vermisste, davon auf Oberösterreich etwa 22.500. Etwa die Hälfte der Gefallenen war verheiratet. Das ergäbe etwa 11.000 Kriegswitwen und etwa dreimal so viele Kriegswaisen. Dazu kamen mindestens 10.000 schwer Verwundete mit dauernder Invalidität. Darüber hinaus beschäftigen Kriegsneurosen und seelische Traumata der Soldaten die Psychiatrie noch lange.

Behandelt wurden diese „Kriegszitterer“ mit der sogenannten Faradisation. Diese äußerst schmerzhaften Elektroschocks, die von verschiedener Seite in die Nähe der Folter gerückt wurden, sollten vermutete Simulanten von echten psychisch Kranken trennen.

Der Erste Weltkrieg war kein „sauberer Krieg“, ganz abgesehen davon, dass Krieg immer ein schreckliches Töten und Zerstören bedeutet. Aber Fotos von österreichischen Soldaten vor gehenkten serbischen Zivilisten, menschenverachtende Sturmläufe und Giftgasangriffe, Geiseln als menschliche Schutzschilde, hinterhältiger Antisemitismus und offener Völkermord, Vertreibungen, sinnlose Zerstörungen ergeben ein düsteres Bild.

Eine der verschwiegensten Seiten des Ersten Weltkriegs ist die Kriegsjustiz. In keiner anderen Kriegsmacht, Russland vielleicht ausgenommen, war der Ausnahmezustand so einschneidend wie in der Habsburgermonarchie. Für das heutige Österreich sind 162.000 militärgerichtliche Verfahren dokumentiert. In Galizien wurden zwischen 10.000 und 30.000 angebliche Verräter gehenkt.

Nichtigste Anlässe konnten zur Hinrichtung führen: Rudolf Eistinger, ein deutschnational gesinnter Soldat aus Oberösterreich, wurde 1915 in Riva zum Tod durch Erschießen verurteilt, weil er vor Kameraden Österreich als einen „vermoderten Staat“ bezeichnet hatte.

Letztendlich wurde der Krieg im Hinterland entschieden, in der Produktion von Industrie und Landwirtschaft. Die Österreichische Waffenfabrik AG in Steyr erreichte mit mehr als 15.000 Mitarbeitern ihren bis dahin höchsten Beschäftigungsstand, die Einwohnerzahl Steyrs stieg von 22.000 auf 40.000.

Die Motoren- und Maschinenfabrik Johann Ertl in Grieskirchen lieferte Granaten, die Maschinenfabrik und Eisengießerei Ludwig Hinterschweiger in Lichtenegg bei Wels Heeresfeldseilbahnen. Die Sensenwerke Simon Redtenbacher erzeugten Bajonette, Dolchmesser und Säbel.

Oberösterreich, weit weg vom Schuss, unterhielt viele Kriegsgefangenenlager: Mauthausen und Marchtrenk für je 25.000, Braunau für 50.000 bis 60.000, Freistadt für bis zu 20.000.

Auch viele Flüchtlinge aus den Kampfgebieten in Galizien, Südtirol und Rumänien mussten untergebracht werden. Seuchen wie Ruhr, Typhus, Fleckfieber und spanische Grippe wüteten in den Lagern. Als der Linzer Diözesanbischof Rudolf Hittmair jenes von Mauthausen besuchte, bekam er Fleckfieber und starb am 5. März 1915.

Hunger allgegenwärtig

Rund 30.000 fremde Kriegsgräber erinnern in Oberösterreich an diese Massenlager. 2.500 gefallene Oberösterreicher ruhen weit verstreut, von der Ukraine bis zum Isonzo.

Die Versorgung mit dem Lebensnotwendigsten galt zwar in Oberösterreich als besser als in den meisten anderen Teilen des Reiches, aber der Hunger und die Lebensmittelkarten waren bald allgegenwärtig.

So wich die Kriegsbegeisterung bald tiefer Ernüchterung. Acht Kriegsanleihen wurden zwar überdurchschnittlich gut gezeichnet, aber die Kriegsmüdigkeit war groß. Der kaiserliche Statthalter in Oberösterreich sah im August 1917 die Bevölkerung „schon nahe an der Leistungs- und Geduldfähigkeit“.

1918 führte die Verzweiflung zu Streiks und Protestaktionen, insbesondere in Linz und Steyr, in Bad Ischl und Ebensee. Und das Kriegsende am 3. November 1918 löste kaum Erleichterung aus. Denn an den schrecklichen Folgen hatte das Land noch lange zu tragen.

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Artikel 09. April 2008 - 13:18 Uhr
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