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Die schwarzen Grafen

Sensen waren im 18. und 19. Jahrhundert das wichtigste Exportprodukt Oberösterreichs. Sie waren weltweit berühmt, von den Prärien Nordamerikas bis zu den Getreidefeldern Russlands und den Landwirtschaften des Nahen Ostens.

Sensen

Bild: Weihbold

Spricht man vom Reichtum der Eisenwurzen, denkt man in der Regel an die „Schwarzen Grafen“, die Sensenherren, die zum Herz- und Kernstück des vom steirischen Erzberg dominierten Eisenwesens aufsteigen konnten. Die wuchtigen Herrenhäuser, nach außen im Rokokokleid oder Biedermeierbarock, im Kern oft viel älter, heute meist etwas verwittert, der Verputz da und dort abgebröckelt, andere wiederum überrestauriert, künden vom soliden Reichtum ihrer Besitzer, der Sensenhämmer.

Es war ein Gemisch aus aristokratischer, bürgerlicher und großbäuerlicher Tradition: Die Herrenhäuser mit ihren mächtigen Walmdächern und schmiedeeisernen Fensterkörben, die Ziergärten mit Pavillons und Salettln, die alte Linde vor dem Haus, die Kapelle am Wegrand, eine Schießscheibe am Wiesenhang.

Man war weltoffen, wusste mit polnischen wie russischen Handelsagenten und türkischen wie persischen Einkäufern genauso Geschäfte zu machen wie mit amerikanischen Farmern und heimischen Lagerhäusern. Man fertigte jedem die Sense nach seiner Façon, ob siebenbürgisch oder persisch, für die afrikanische Savanne oder den brasilianischen Urwald, die Prärien Nordamerikas oder die Wiesen der Normandie.

Wann die Erzeugung von Sensen und Sicheln, damals noch mit dem Fausthammer, in der Eisenwurzen aufgenommen wurde, lässt sich schwer fixieren. Im 15. Jahrhundert entwickelte sich ein spezialisiertes Sensenschmiedehandwerk heraus. Die Sensenproduzenten lösten sich von bestehenden Schmiedezünften ab und bildeten eigene Innungen. Die Phase wirtschaftlichen Wachstums während des 16. Jahrhunderts bot Absatzmöglichkeiten.

Dass die Sensenindustrie seit dem späten 16. Jahrhundert einen so spektakulären Aufschwung nehmen und zu einer der wichtigsten Exportbranchen aufsteigen konnte, war einer entscheidenden technischen Neuerung zu danken, der um 1580 einsetzenden Verwendung der Wasserkraft zum Ausschmieden des Sensenblattes. Ab 1584 verwendete der Micheldorf-Scharnsteiner Meister Konrad Eisvogel seinen mit Wasserkraft betriebenen Hammer zum Breiten der Sensenblätter. Dass schon andere vor ihm diese Idee hatten, dafür gibt es begründete Hinweise.

Die alten städtischen Sensenschmieden, in denen die Knittel zugekauft und mit dem Fausthammer zu Sensenblättern verarbeitet worden waren, konnten im engen, urbanen Siedlungsraum nicht mitziehen. Es setzten sich neue Unternehmen durch, die an geeigneten Gewässern angesiedelt waren oder errichtet wurden. Die nach dem alten System produzierenden innerstädtischen, insbesondere Waidhofener Schmiede protestierten zwar gegen die neuen, nicht nach den traditionellen Normen und nach ihrer Meinung daher schlechter arbeitenden Betriebe. Durchsetzen konnten sie sich aber nicht.

Die unternehmerisch regen Jörger von Tollet errichteten nach 1584 in ihrer Grundherrschaft Scharnstein fünf Werke, in denen die Sensen bereits auf die neue Weise erzeugt wurden. Konrad Eisvogel war einer der dortigen Meister. Helmhart Jörger kam zugute, dass er über hervorragende Beziehungen zum kaiserlichen Hof verfügte. Auf eine Weisung Kaiser Rudolfs II. hin mussten die neuen Sensenmeister 1589 in die Kirchdorf-Micheldorfer Zunft aufgenommen werden.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg fassten die mechanischen Sensenwerke auch in der Steiermark Fuß. Um 1820 bestanden in Oberösterreich 49, in der Steiermark 36 und in Niederösterreich 25 Sensenwerke.

Die neue Erzeugungsmethode ermöglichte sowohl eine Produktivitätssteigerung in der Erzeugung als auch eine Verbesserung der Qualität der Sensen. Unter dem Fausthammer waren pro Tag 13 bis 20 Sensen erzeugt worden. Mit den wasserradgetriebenen Zain- und Breithämmern wurde ein Tagwerk von etwa 70 Sensen möglich. Die Produktion eines Sensenhammers, die im 16. Jahrhundert 3000 bis 6000 Stück und im 17. Jahrhundert rund 22.000 Stück im Jahr betrug, erreichte im 18. Jahrhundert bis zu 33.000, im frühen 19. Jahrhundert 36.000.

Nichts änderte die neue Methode allerdings an den typischen Leiden der Arbeiter: „Hammerderrisch“, taub oder schwerhörig vom Lärm der Hämmer, war eine der häufigsten Berufskrankheiten. Das Dröhnen der Hämmer war weitum zu hören.

1841 stellten die 125 österreichischen Sensenwerke rund 3,7 Millionen Sensen und 0,8 Millionen Sicheln und Strohmesser her, die vor allem nach Osteuropa exportiert wurden. 1784 befand sich fast die Hälfte der rund hundert Werkstätten im österreichisch-steirischen Gebiet im Besitz von nur fünf Familien. Angehörige der Familie Moser besaßen 17, der Familie Zeitlinger elf, der Familie Kaltenbrunner und Weinmeister je acht und der Familie Hierzenberger sechs Sensenbetriebe.

Die Sensenwerke waren zu kapitalistischen Unternehmen geworden, deren Eigentümer zwar aufgrund ihrer sozialen Stellung und ihres Lebensstils zu Recht als „schwarze Grafen“ bezeichnet wurden, die aber mit erheblichem Kapitaleinsatz auf globalen Märkten agierten.

Der Micheldorfer Sensengewerke Kaspar Zeitlinger, seit 1826 Besitzer der „Gradn-Werkstatt“, brachte es bis 1845 auf vier Hämmer, in denen er etwa 400 Arbeiter beschäftigte und jährlich zwischen 150.000 und 200.000 Sensen erzeugte. 1853 wurde sein Vermögen auf 166.000 Gulden geschätzt.

Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts stieg die Kirchdofer und Scharnsteiner Firma „Simon Redtenbacher seel. Witwe. & Söhne“ zum größten Sensenerzeuger der Habsburgermonarchie auf. 1890 wurde in Scharnstein eine große Sensenfabrik errichtet. 1914 wurden dort etwa 1,2 Millionen Sensen und zwei Millionen Sicheln und Strohmesser erzeugt. Das Unternehmen beschäftigte etwa 700 Personen. Weitere Großproduzenten befanden sich mit Franz de Paul Schröckenfux in Rossleithen, Michael Zeitlingers Sohn in Blumau bei Kirchdorf, Christof Piesslinger in Molln und Ludwig Zeitlinger in Leonstein.

43,8 Prozent Marktanteil

Von der Steiermark aus starteten Karl Wittgenstein und sein früh verstorbener Sohn Kurt einen Konkurrenzkampf in der Sensenindustrie. Von den im Jahr 1900 in der Habsburgermonarchie hergestellten 10,5 Millionen Stück Sensen entfielen 37,8 Prozent auf die Steiermark, 35,6 Prozent auf Oberösterreich und 16,7 Prozent auf Niederösterreich. Bis 1914 erhöhte sich der Anteil der oberösterreichischen Sensenindustrie auf 43,8 Prozent, während die Steiermark auf 24,7 Prozent zurückfiel.

Im 20. Jahrhundert stand die Sensenindustrie auf verlorenem Posten. Vom agrartechnischen Fortschritt und der Konkurrenz der Mähmaschinen überholt, wurde ein Markt nach dem anderen aufgegeben. Als Ende der zwanziger Jahre die Sowjetunion mit der Errichtung eigener Sensenwerke begann und gleichzeitig durch die von Stalin 1929 eingeleitete Zwangskollektivierung der Landwirtschaft in dem Riesenland eine dramatische Agrarkrise ausbrach, war der weitaus größte noch verbliebene Markt weg. Einen letzten Großauftrag gab es aus den Ablöselieferungen an die Sowjetunion nach dem Abschluss des Staatsvertrags. Nur ganz wenige der traditionsreichen Unternehmen schafften den Umstieg auf neue Produktionsfelder.

Hochburgen der Sensenproduktion

Alm und Krems, Steyr, Teichl und Steyrling, an der Enns und Alm, in den Gräben und Seitentälern, in Scharnstein, Grünau, Kirchdorf, Micheldorf, Leonstein und Molln, in Klaus und Steyrling, Spital am Pyhrn, Windischgarsten, Stoder, St. Pankraz, Roßleithen und Laussa. Auch im Innviertel um Mattighofen und im Mühlviertel um Freistadt gab es Sensenhämmer. Außerhalb Oberösterreichs: in der niederösterreichischen Eisenwurzen, in Waidhofen, Ybbsitz, Opponitz, Gresten, Lunz und Gaming und in der Steiermark um Judenburg, Kindberg und Rottenmann.

Der Maler der Sensenherrn

Die Sensenherren und deren Familien repräsentierten mit schweren Trachten und teuren Goldhauben, mit silbernen Knöpfen und bestickten Gürteln. Sie förderten aber auch junge Künstler und beschäftigten sich mit den Wissenschaften.

Porzellanene Kaffeetassen und intarsierte Möbel, neumodische Badewannen und große Spiegel, edle Hunde und schöne Jagdgewehre ... Die Sensenherren repräsentierten nicht nur gerne, sie pflegten auch die Tradition einer weitverzweigten Verwandtschaft mit Familienporträts, Stammbäumen und Wappen. Dafür wurden Künstler wie der Vorarlberger Maler Franz X. Bobleter engagiert. Er begann Anfang der 1830er-Jahre mit der Erstellung von Familien- und Einzelporträts oberösterreichischer Sensenherren.

Zu den wichtigsten Auftraggebern Bobleters zählten von 1830 bis 1846 die Hammerherren im Kremstal, insbesondere die Gewerkenfamilien in der Blumau, am Gradn-Werk und an der Zinne. In einem Verzeichnis des Malers über seine Tätigkeit wird der Kaufpreis für das Familienporträt „Caspar Zeitlinger mit Frau und den drei Töchtern“ (Bild rechts) mit 125 Gulden angegeben – es entstand 1836.

Caspar Zeitlinger war zweimal verheiratet. Mit seiner ersten Frau Josefa Theresia hatte er fünf Kinder, drei Töchter und zwei Söhne, Caspar und Josef, mit seiner zweiten Frau Franziska einen Sohn namens Franz.

Das Vermächtnis

Ein ganzer Gebirgszug, früher „Langer Berg“, heute „Sensengebirge“ genannt, trägt die Erinnerung an den einst dominierenden Wirtschaftszweig.

Entlang des alten Verkehrswegs über den Pyhrn, von Spital nach Klaus und Kirchdorf reihten sich Sensenwerke, Hufschmieden und Gaststätten aneinander. Das einzige Sensenwerk, das noch in Betrieb ist, ist das Sensenwerk Schröckenfux in Rossleithen.
Die Gradn-Werkstatt, der Sensenhammer am Gries in Micheldorf, seit 1826 im Besitz der Familie Zeitlinger, wurde zum Sensenschmiedemuseum ausgebaut. Am Rande der Region arbeitete bis nach der Mitte des 20. Jahrhunderts das größte Sensenwerk, die Simon Redtenbacher’schen Werke in Scharnstein. Einer der Hämmer, der Geyerhammer, ist liebevoll restauriert. Im danebenliegenden Vielhaberhammer wurde ein Museum eingerichtet, das Arbeit und Leben der Sensenschmiede in Erinnerung ruft. Der Spaziergang durch das langgezogene Werksgelände entlang des Flusses vermittelt eine Zeitreise durch alle Phasen der Industrialisierung.

Der Sensenhammer in der Schmiedleithen in Leonstein, heute ein Freilichtmuseum, bildet eines der stimmungsvollsten touristischen und kulturhistorischen Ensembles in Oberösterreich. Auch der Fürstenhammer in Lasberg, heute Museum, hatte seinen Schwerpunkt in der Sensenerzeugung.

Das Heimatmuseum Windischgarsten ist im Herrenhaus eines alten Drahtzugs und Sensenhammers untergebracht. Das Sensenwerk in der Laussa, heute Sensenwerk Sonnleithner GmbH, seit 1962 ein Unternehmen der Julius Cronenberg Gruppe, ist auf Fahnenmasten-Komplettsysteme spezialisiert. Die letzten Sensen in der Laussa wurden 1999 hergestellt.

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Artikel Roman Sandgruber 20. August 2011 - 00:04 Uhr
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