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Wir Oberösterreicher

Das Mostland Nummer 1

04. Dezember 2010 00:04 Uhr

Wir Oberösterreicher Das Mostland Nummer 1
Mostobst-Ernte in England

Der Apfel- und Birnmost hat zwar eine lange Geschichte, aber das Vorkommen von Äpfeln und Birnen in mittelalterlichen Quellen oder gar die Nachweise von Obstkernen in Pfahlbauten beweisen noch lange nicht die Kenntnis und Verbreitung der Mosterzeugung. Man genoss Äpfel und Birnen meist getrocknet als Kletzen und Dörräpfel. Fast überall, wo heute in Oberösterreich gute Mostgegenden sind, herrschte früher der Weinbau vor.

Im Mittelalter zerstößelte man das Obst, füllte es in einen Zuber und goss Wasser auf. Was unten durch eine Öffnung abfloss, nannte man Most. Auf diese Weise konnten weder die Bauern technisch und ökonomisch in der Lage gewesen sein, Obstmost ausgedehnter herzustellen, noch waren die Grundherren daran interessiert, weil ihre Einnahmen aus dem Wein- und Bierbann beeinträchtigt worden wären.

Seit dem 16. Jahrhundert ging der Weinbau in Oberösterreich stark zurück. An seine Stelle trat der Obstmost als ernsthafte Konkurrenz. Mitte des 15. Jahrhunderts ist Most in Freistadt erwähnt, Ende des 16. Jahrhunderts in Waizenkirchen, 1632 in Frankenburg, 1710 in Grieskirchen. Nach Beschwerden, dass bei den Städten, Märkten und Flecken die Untertanen Obst- und Beerenmost ausgeben, ja sogar Hochzeiten mit solchen Getränken abhalten, verbot Maximilian II. 1570 die Ausschank von Obstwein. Denn diese beeinträchtige das ordentliche Gastgewerbe und führe auch zu Unzucht. Der Most mag den Ruf einer „Rabiatperle“ gehabt haben.

Dem Verbot widersetzt

Als der Landeshauptmann 1604 die Mostproduktion wieder einmal verbieten wollte, widersetzten sich die Stände: Most habe eine zu große Bedeutung für den Eigenbedarf erlangt, und während des Krieges werde davon sehr viel ins kaiserliche Feldlager und nach Ungarn geführt.

1677 schickte das Stift St. Florian eine Probe seines Winiwizbirnen-Mostes als Geburtstagsgeschenk an den Kaiserhof nach Wien. Die züchterische Verbesserung der Obstsorten und der Wegfall der Bannrechte förderten den Obstbau und die Mostbereitung. Das „Wirtschaftsbüchlein für Eheleute“ (1607) des Ritters Philipp Jakob von Grienthal zu Kremsegg kennt den Most nur als Trank für die eigentlichen Bauersleute. Als Leuttrunk für die Dienstboten empfahl er einen Aufguss auf den Trester.

Die Qualität des Getränks aus den damals gängigen Holzäpfeln und Landlbirnen war meist nicht die allerbeste. Bezeichnend die Schilderung der Möste des Machlands im 18. Jahrhundert: „Weillen hiesig erzeugent Möst also beschaffen seindt, das sye die Mäuler zusamben ziechn, als ob man den grimmigen Tod pfaiffen wollte.“ Über die „Holtz-Birne“ heißt es 1733 in Zedlers großem Universallexikon: „Wenn man sie isset, dermaßen den Hals und die Kehle zusammen ziehet, dass man meynet, man müsse daran erwürgen oder ersticken“.

Wer im 19. Jahrhundert Oberösterreich beschrieb oder bereiste, lobte aber schon den Most. Bereits im ausgehenden 18. Jahrhundert war die Anpflanzung von Streuobstbäumen entlang sämtlicher Straßen und um die Dörfer gefördert worden. Josef II. erließ am 7. März 1789 ein Dekret, das allen heiratenden Bauersleuten die Verpflichtung zur Anpflanzung neuer Obstbäume auferlegte, mit dem Beisatz, „dass diese Pflanzung im nämlichen Jahr, in welchem die Trauung geschieht, unnachsichtlich bewirkt werden müsse“.

Die Vorstellung vom Idealbild des erfüllten Lebens, nicht nur ein Haus zu bauen und einen Sohn zu zeugen, sondern auch einen Baum zu pflanzen, ist bis heute im Bewusstsein verhaftet geblieben. Man kann sich Bauernhäuser und Dörfer kaum noch anders vorstellen als von einem Kranz von Obstbäumen umgeben. „Riadersham siacht ma kam vor lauter Apfelbam“, reimte Franz Stelzhamer.

Um 1830 wurde auch in obstreichen Gegenden Most höchstens einmal am Tage gereicht. Erst nach der Mitte des 19. Jahrhunderts war der Verbrauch sehr angestiegen. Ein Agrarfachmann aus dem Machland berichtete um 1850 über die Gewohnheit, „das Hauspersonal sowie im Hause arbeitende Handwerker und Taglöhner mit Most als Tisch- und Vespergetränk zu bewirten.“

Zu Ende des 19. Jahrhunderts konnte man ohne Most nicht mehr auskommen. „Wächst dem Bauern kein Most, so muss er ihn kaufen“, steht um 1890 in einer Beschreibung der Pfarre Schwanenstadt, „denn ohne Most lässt sich einfach nicht mehr existieren.“ Im 18. und frühen 19. Jahrhundert verbrauchte man für das Gesinde des Klosters Seitenstetten pro Tag rund 50 Liter Most, im späten 19. Jahrhundert das Zwei- bis Dreifache.

F.C. Weidmann bemerkte 1842 über das Innviertel, dass die Obstbaumzucht immer lebhafter betrieben werde. Bauern, die vor 20 Jahren noch nicht an Obstkulturen dachten, erzeugten jetzt 40 bis 50 Eimer Most.

Im 19. Jahrhundert war der gute Most in manchen Gegenden noch so kostbar, dass er nur zu besonderen Anlässen getrunken wurde. Im 20. Jahrhundert hingegen durfte er fast überall nach Belieben getrunken werden. Der Mostkrug wurde im Bauernhaus der Reihe nach rundum gereicht, vom Großknecht bis zum Hüterbub, dann von der Großdirn bis zum „Kuchlmensch“. Most galt als „das natürliche Getränk der arbeitenden Klasse“, hieß es 1911 im Protokoll einer Mosterei.

Der größte Mostboom war in der Wirtschaftskrise der Zwanziger- und Dreißigerjahre des 20. Jahrhunderts zu verzeichnen: Arbeitslose und Ausgesteuerte, und nicht nur diese, tranken im Gasthaus oder bei einem Bauern „a Seitl Most, damit’s net vü kost’“. 1931 konstatierte die oö. Handelskammer als Folge der Weltwirtschaftskrise eine „ungeheure Zunahme der Buschenschank mit Most und des Mostverkaufs über die Gasse“.

Juwel der Kulturlandschaft

Um 1880 wurde der Mostverbrauch in Oberösterreich mit etwa 700.000 hl pro Jahr/90 Liter pro Kopf beziffert und war damit wohl fünf- bis zehnmal so hoch als 150 Jahre früher. Heute ist er wieder stark gesunken. Viele Obstbaumzeilen fielen den Motorsägen zum Opfer. Ökologisch ist der Verlust erheblich, hinsichtlich Wind, Bodenerosion und Lebensräumen für Tiere.

Dennoch ist unser Bundesland immer noch das Streuobstbauland Nummer 1 in Österreich. Die Bestände haben zwar in den letzten 50 Jahren um rund 40 Prozent abgenommen, aber auch die verbliebenen Flächen sind ein besonderes Juwel unserer Kulturlandschaft. Mehr als 1,2 Millionen Bäume auf rund 15.000 Hektar Fläche gilt es zu pflegen und zu nützen.

Lehrgänge und Glaskultur

Most als bodenständiges Naturgetränk findet wieder mehr Freunde. Mostheurige florieren, Mostverkostungen heben die Qualität. Auch selbst gebrannter Obstschnaps erlebt eine Renaissance. Es gibt Lehrgänge zum Mostsommelier und zur Mostsommelière, eine spezielle Glaskultur und eine eigene Mostsprache. Man wählt unter vielen Sorten und Nuancen, mal trendig, mal bodenständig, von zartfruchtig bis kräftig, von Speckbirnen, Landlbirnen und Brünnerlingen. Es gibt Birnen- und Apfelcider, Birnenschaumweine und Apfelsekt.

So kann er wieder zu Ehren kommen, der Most von hoher Qualität. Denn: „’s is a himmlische Kost, a Trumm Speck und a Most …“ Und man hält sich an das alte mostlerische Prosit: „G’sundheit“ – „Sollst leb’n!“

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