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Respekt

"Das hätte mir keiner der Typen ins Gesicht gesagt"

Von OÖN   22. Juni 2017 00:04 Uhr

Anna Schiester

Anna Schiester, oder: Eine Flüchtlingshelferin im Shitstorm.

Überfordert. Hilflos. Und voller Zweifel. So fühlte sich Anna Schiester, als sie zusah, wie sich die Kommentarspalten füllten und wie ein Mail nach dem anderen ihren Posteingang zumüllte. Üblicherweise freut sich die 28-jährige Salzburgerin über Aufmerksamkeit im Netz. Nicht dieses Mal.

Anna Schiester ist Flüchtlingshelferin und Initiatorin der Plattform "Flüchtlinge Willkommen in Salzburg". Als solche fühlte sie sich verhöhnt, als Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz in einem Interview mit der Kleinen Zeitung sagte: "Keiner von denen, die ,Willkommen’ oder ,Wir schaffen das’ gerufen haben, hat sein Gästezimmer frei gemacht oder in seinem Garten ein Zelt stehen, in dem fünf Auswanderer wohnen können."

Offener Brief an Mateschitz

"Stimmt nicht", dröhnte es in Schiesters Kopf, bis sie ihre Gedanken in einem Offenen Brief niederschrieb, den 50 weitere Helfer unterschrieben, die eben genau das getan hatten: Ihr Gästezimmer frei gemacht. "Ich hätte nie damit gerechnet, was dann passieren würde", erzählt Schiester heute, eineinhalb Monate später. "Der Brief wurde von einigen Zeitungen aufgegriffen, ein Radiosender wollte ein Interview. Und plötzlich kamen nicht nur auf der Webseite, die ich ins Leben gerufen habe, Nachrichten an mich, sondern auch auf meinem Facebook-Profil. Es hagelte E-Mails, und manche Leute haben sich sogar die Mühe gemacht, meine Telefonnummer herauszufinden und mich anzurufen."

"Ihnen verdanken wir, dass Flüchtlinge raubend und vergewaltigend durch Österreich ziehen", beschimpfte sie einer. Ein anderer schrieb: "Sie sind schuld, Sie haben sie eingeladen." Oder: "Man sollte Sie für jedes Verbrechen, das die begehen, als Komplizin mitverurteilen." Oder: "Ich verabscheue Sie." Statt lieben Grüßen: "Mit Verachtung."

Das waren noch die höflicheren Zuschriften. "Am ersten Abend wollte ich noch alles wissen, bin vor dem Computer gesessen und habe mitverfolgt, wie der Müllberg wächst. Irgendwann war es zu viel. Auf meinem persönlichen Profil habe ich tatsächlich alles gelesen, weil man dafür ja auch verantwortlich ist", sagt Schiester.

Keiner wollte ein Treffen

Was ihr geholfen habe, seien stärkende Stimmen gewesen, die sich wohltuend von dem Shitstorm abhoben. Etwa 100 ihr unbekannten Menschen hat sie persönlich geantwortet, zwei hat sie angezeigt. "Manchen habe ich ein Treffen vorgeschlagen. Denn: Vielleicht sind wir nicht einer Meinung, aber ich glaube auch, dass es Missverständnisse gibt, die wir ausräumen könnten. Ich mag zum Beispiel nicht alle Flüchtlinge. So wie ich nicht alle Österreicher mag. Wenn jemand eine Straftat begeht, ist das falsch. Punkt." Auf ein Gespräch abseits des Computers hat sich aber niemand eingelassen.

Manchmal, wenn sie im Supermarkt an der Kasse steht, fragt sich Schiester, wer die Menschen sind, die sie im Netz beschimpft haben. "Der Shitstorm wird an meiner Einstellung nichts ändern. Aber ob ich mich das nächste Mal wieder so der Öffentlichkeit aussetze, überlege ich mir gut."

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