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Familie

Kinder in „Alkohol-Familien“: Clowns, Friedensstifter und Helden

06. September 2011 00:04 Uhr

Kinder in „Alkohol-Familien“: Clowns, Friedensstifter und Helden
Freundeskreis und Familie prägen Kinder und Jugendliche und wirken sich auf späteres Suchtverhalten aus.

Vom „gesunden Achterl Wein“ sind viele Österreicher weit entfernt. 900.000 trinken Alkohol in gesundheitsschädigendem Ausmaß – auch Jugendliche. Rund jedes vierte Kind lebt laut Schätzungen in einer alkoholbelasteten Familie.

300.000 Österreicher sind alkoholabhängig, was schwerwiegende Krankheiten zur Folge hat. „Die Lebenserwartung ist um 20 bis 25 Jahre verkürzt“, sagt Michael Trauner von der Universitätsklinik Wien. Alkoholmissbrauch sei in der EU bereits die dritthäufigste Ursache – hinter Nikotin und erhöhtem Blutdruck – für eine chronische Krankheit oder gar den vorzeitigen Tod.

Für viele Jugendliche ist es ganz normal, mehrmals pro Woche Alkohol zu trinken. Laut Umfrage unter Studenten tun das 21 Prozent der Mädchen und 38 Prozent der Burschen. Drei Prozent sollen bereits abhängig sein. Prägend für eine eventuelle Sucht bei Jugendlichen seien das Umfeld, ihre Freunde und die Familie. Das haben Experten beim derzeit stattfindenden Kongress der Europäischen Gesellschaft für Biomedizinische Forschung über Alkoholismus in Wien bekannt gegeben. Auch das Temperament der Jugendlichen spiele eine Rolle. „Junge Menschen, die leicht reizbar oder zornig sind, Konzentrationsschwächen haben oder wechselhaft in ihrer Stimmung sind, haben ein höheres Risiko, eine Abhängigkeit zu entwickeln“, sagt Nestor Kapusta von der Universitätsklinik Wien.

„Die meisten Kinder aus einer alkoholbelasteten Familie erleben keine Stabilität, Wärme oder Sicherheit“, sagt Christa Schirl, Leiterin des Kinderhilfswerks Oberösterreich. Um zu „überleben“, übernehmen sie ganz unbewusst eine Rolle. Welche der folgenden Rollen ein Kind in der Familie spielt, hängt mit Geschwisterreihenfolge, Alter, Geschlecht und Persönlichkeit zusammen.

Rollen in der Familie

•Der Held: Diese Rolle übernehmen meist die ältesten Kinder, sie kümmern sich um die Familie, übernehmen Pflichten und repräsentieren die Familie nach außen. Sie leiden unter Schuldgefühlen, weil sie ihren hohen Anforderungen nicht gerecht werden.

•Der Sündenbock: Er stiftet Streit und Unruhe in der Familie. Er scheint eine Belastung zu sein, lenkt aber gleichzeitig vom eigentlichen Familienproblem ab.

•Das stille Kind zieht sich in seine eigene Welt zurück und entkommt so den Konflikten. Es wird als besonders „pflegeleicht“ gelobt, fühlt sich aber innerlich minderwertig und lernt nicht, seine Wünsche und Bedürfnisse zu äußern.

•Der Clown: Diese Rolle übernimmt oft das jüngste Kind. Um die schwierige Situation zu entspannen, verhält es sich komisch und lenkt von der depressiven Grundstimmung ab. Diese Kinder verstecken aber ihre Traurigkeit und Angst.

•Der Friedensstifter: Dieses Kind schlüpft in die Rolle des „Psychologen“, hat für alle ein offenes Ohr und ist ein verständnisvoller Zuhörer. Es vergisst aber dabei seine eigenen Gefühle und Bedürfnisse. (ried)

 

 

Primar Felix Fischer im Interview zum Thema

Wie Kinder alkoholkranker Eltern leben, weiß der Leiter der Psychiatrie 5 in der Landesnervenklinik Linz.

OÖN: Wie leben Kinder mit einem alkoholkranken Elternteil?

Fischer: Sie leben in einer ganz speziellen Familiensituation. Aber es wäre falsch, zu sagen, sie hätten gar keine Chance auf seelische Gesundheit. Trotzdem: Diese Kinder erleben Mutter oder Vater oft alkoholisiert, manchmal aber auch nicht – was sie verwirrt. Gewalt spielt in diesen Familien häufig eine Rolle. Ältere Kinder bekommen zudem mit, dass dieser Zustand sozial unerwünscht ist. Sie müssen Streit zwischen den Partnern ertragen und spüren die Hilflosigkeit der Eltern – dafür fühlen sie sich verantwortlich und schuldig.

OÖN: Wie wirkt sich das aus?

Fischer: Sie werden früh emotionale Selbstversorger. Als Erwachsene sind sie oft besonders leistungsfähig, angepasst und kooperativ. Zum Alkohol haben sie immer eine eigenartige Beziehung.

OÖN: Ist das Risiko, selbst alkoholkrank zu werden, bei diesen Kindern höher als bei anderen?

Fischer: Ja, da gibt es viele Studien. Es gibt auch eine genetische Komponente, deshalb rate ich Kindern von alkoholkranken Eltern zur Schutz-Abstinenz. Besonders dann, wenn man beim ersten Kontakt mit Alkohol bemerkt, dass man schnell betrunken ist. Das deutet auf ein erhöhtes Risiko hin, alkoholabhängig zu werden.

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