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Olympia 2018

Johannes Dürr: Sein Spiel ist aus

Von Roland Vielhaber, Sotschi   24. Februar 2014

Schlusszeremonie Sotschi

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Bild 1/69 Bildergalerie: Sotschi: Eindrucksvolle Schlusszeremonie

Langläufer Johannes Dürr stolpert in Sotschi über eine Doping-Kontrolle, Österreichs Spitzen-Funktionäre sind schockiert und greifen hart durch.

Das Bild war an Skurrilität nicht zu überbieten, als OÖC-Präsident Karl Stoß gestern im Österreicher-Haus in Krasnaja Poljana um 9.45 Uhr Ortszeit vor die österreichische Presse trat. Hektisch wurde die sonst immer in den Vordergrund gerückte Sponsoren-Wand mit einer weißen Folie überklebt, damit die Förderer nicht ins Bild der TV-Kameras rücken. Genau hier, wo ein paar Stunden zuvor eine rauschende rotweißrote Medaillenparty (fünf Medaillen wurden bis fünf Uhr gefeiert) über die Bühne ging, sprach Stoß nun von "einem schwarzen Sonntag". Langläufer Johannes Dürr, der als einer der Favoriten beim abschließenden 50-km-Langlaufrennen gehandelt wurde, war des EPO-Dopings überführt worden. Noch in der Nacht wurde der 26-jährige Niederösterreicher, der Vater eines einjährigen Kindes ist und in Antholz seine Zelte aufgeschlagen hat, aus dem OÖC-Team und später vom ÖSV ausgeschlossen.

Es ist ein weiteres Kapitel in der unrühmlichen Geschichte des österreichischen Langlaufsports. 2002 in Salt Lake City war der Blutbeutelskandal ein Thema. Vier Jahre später machte die Razzia im Quartier der Langläufer und Biathleten in Turin sowie die spektakuläre Flucht des damaligen Trainers Walter Maier Schlagzeilen.

Dürr galt als Hoffnungsträger im ÖSV-Team. Um ihn sollte eine Mannschaft aufgebaut werden – mit dem Ziel, dass Rotweißrot bei einer möglichen Heim-WM (Seefeld hat sich für 2019 beworben) eine starke Staffel stellt. "Ich möchte den Österreichern zeigen, dass Langlauf nicht gleich Doping ist", sagte Dürr. Doch in der Nacht auf Sonntag wurde das OÖC vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) von der positiven Probe informiert.

Während Mario Matt und Co. feierten, fuhr ÖOC-Ärzteteam-Leiter Wolfgang Schobersberger kurz nach Mitternacht ins Athletendorf zu Dürr. Laut OÖC-Präsident Stoss habe dieser seine Verfehlung sofort zugegeben. Der Sportler wurde aus dem Team ausgeschlossen und nach Hause geschickt. Auf dem Flughafen gestand Dürr wie einst der gefallene Radheld Bernhard Kohl mit Tränen in den Augen, dass er zu unerlaubten Mitteln gegriffen habe: "Ich möchte mich bei allen entschuldigen, die mir geholfen haben. Und ich hoffe, dass mir meine Familie und meine Frau verzeiht." Laut ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel habe Dürr zugegeben, seit sechs Monaten zu unerlaubten Mitteln zu greifen.

Die Enttäuschung innerhalb der Mannschaft war riesig. ÖSV-Sportdirektor Markus Gandler nahm mit Tränen in den Augen die Worte "Schurke" und "Betrüger" in den Mund: "Wir haben uns den Arsch aufgerissen für den Hund, und dann wirst du so betrogen." Schröcksnadel sagte, dass er überlege, "die Langläufer aus dem Skiverband auszuschließen".

Kurios: Erst vor wenigen Tagen hatten Gandler und Schröcksnadel von einem italienischen Gericht die Verständigung bekommen, dass die Vorfälle von Turin 2006 abgeschlossen seien. Gandler: "Da bekomme ich ein Schreiben mit lauter Freisprüchen. Und jetzt das." Der neuerliche Schaden für den heimischen Langlaufsport – er ist noch nicht absehbar.

 

26 Dopingfälle gab es in der Geschichte der Olympischen Winterspiele, neun Mal flogen Österreicher auf: Achim Walcher, Marc Mayer (Langlauf, 2002), Wolfgang Perner, Wolfgang Rottmann (Biathlon), Roland Diethard, Johannes Eder, Jürgen Pinter, Martin Tauber (Langlauf, 2006).

2631 Doping-Kontrollen wurden bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi durchgeführt.

6 Dopingsünder wurden in Sotschi erwischt: Neben Österreichers Langläufer Johannes Dürr konnte Evi Sachenbacher-Stehle (D/Biathlon), Vitalijs Pavlovs (Lat/Eishockey), William Frullani (Ita/Bob), Marina Lisogor (Ukr/Langlauf) und Nicklas Bäckström (Swe/Eishockey) die Einnahme verbotener Substanzen nachgewiesen werden.

 

Zitiert

"Ein Paukenschlag, der uns wie eine Keule getroffen hat. Wir sind zutiefst erschüttert. Diese Betrügereien hätten wir nie in unseren Reihen erwartet.“
Karl Stoss, ÖOC-Präsident

"Das ist nicht irgendwas, das ist schwerstes Doping. Das gehört verurteilt bis zum Letzten.“
Markus Gandler, ÖSV-Sportdirektor

"Wenn man mit den Langläufern nur Probleme hat, muss man überlegen, wie weit die noch gefördert werden.“
Peter Schröcksnadel, ÖSV-Präsident

"Es bleibt mir nichts anderes über, als mich bei allen zu entschuldigen, bei meiner Familie, bei meiner Frau. Ich bin auf der anderen Seite froh, dass das ein Ende hat.“
Johannes Dürr, Dopingsünder

"Es ist schade, dass Athleten immer wieder den gleichen Fehler machen und Abkürzungen nehmen. Diese Leistungsexplosionen von jungen Athleten in Ausdauerdisziplinen sind halt doch immer mit einem Beigeschmack versehen. “
Stefan Matschiner, Ex-Dopingdealer

 

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