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Musiktheater

„In der Oper muss man nichts von Musik verstehen, sondern bloß spüren“

Von Peter Grubmüller   11. April 2013 00:04 Uhr

„In der Oper muss man nichts von Musik verstehen, sondern bloß spüren“
Retts Blog lesen Sie auf www.mitbestenempfehlungen.com.

Barbara Rett ist Gesicht und Stimme des österreichischen Kultur-TV-Journalismus. Am Donnerstag ab 17.30 Uhr führt Rett auf ORF III durch den Festakt der Musiktheater-Eröffnung.

OÖNachrichten: Sie haben „Die Spuren der Verirrten“ schon gesehen, wie war Ihr Eindruck?

Barbara Rett: Es ist wie eine Reise durch alle Handke-Stücke. Handke-Fetzen, Handke-Zitate – immer nur ein Satz. Seine Themen klingen an, sie stehen nebeneinander, sie werden wie auf einem iPad angetupft. Es ist ungeheuer schwierig, das auf die Bühne zu bringen, beinahe unmachbar. Ich ziehe den Hut vor Regisseur David Pountney, der es schafft, das alles zu beleben, wie Gott (Rett bläst Luft in den Raum) Atem einzuhauchen.

Löst sich für Sie die Idee dieses Hauses in Ihrer Eröffnungsproduktion ein?

Unbedingt, allein durch dieses auf der Bühne umgesetzte Miteinander von Sängern, Schauspielern, Chor, Musikern und Ballett.

Es scheint, als sei Ihnen dieses Musiktheater ein Anliegen …

... es ist ja auch der erste Musiktheater-Neubau seit Valencia 2005. So etwas passiert nicht so oft – und ORF III ist der Sender, der die österreichische Kultur wesentlich unterstützen will. Wir möchten nicht nur Bayreuth, München, Paris, London und Rom zeigen, sondern auch, dass es bei uns Wichtiges gibt.

Geplant ist, dass die Strahlkraft des Musiktheaters 300 Kilometer weit in alle Richtungen reichen soll. Ist das realistisch?

Ja, weil auch ich mir schon bei einigen Produktionen gedacht habe, dass ich kommen sollte. Für den Open-Air-Parzival von La Fura Dels Baus muss man sich als kulturbegeisterter Wiener zum Beispiel interessieren. Dass es das in Linz gibt, ist unglaublich. Sonst müsste man für so etwas nach Spanien fliegen. Auch ein guter Rosenkavalier mit Kurt Rydl als Baron Ochs ist etwas, wofür man sich in den Zug nach Linz setzen sollte.

Welche Leerstellen lassen Wien und Salzburg sonst noch offen, die Linz füllen könnte?

Etwa, was Linz mit seiner Musical-Truppe vorhat, nämlich bewusst andere Wege zu gehen. Dass zum Beispiel Chöre, die sonst Oper singen, Musicals erarbeiten. Außerdem ist Oberösterreich ein Land mit riesiger Musikschultradition, wo jeder musiziert, noch dazu auf hohem Niveau. Vielleicht öffnet sich das Haus für ein Festival, in dem der Oberösterreicher als Künstler auftritt, im Rahmen von Partizipation. Es kann bei der Blasmusik anfangen, aber es muss nicht in der Blasmusik enden. Ähnlich wie bei den Wiener Festwochen.

Zum Sendestart von ORF III haben Sie mir erzählt, der Sender sei arm, aber sexy. Hat sich diese Situation verändert?

(Lacht) Nein, wir sind immer noch sehr arm, aber ich hoffe, immer noch sexy. Ich hüte mich davor, zu pathetisch zu werden, aber wir schweben auf einer Welle der Liebe. Ein Beispiel: Ich fahre an einem Sonntag um Mitternacht vom ORF nach Hause. Am Fuße des Küniglbergs eine Polizeikontrolle. Der Polizist fragt, ob ich getrunken hätte. Ich erkläre ihm, dass ich aus der Arbeit komme. Er sagt: „Was? Sonntagnacht arbeiten Sie?“ Da sag’ ich: „Ja, ORF III, wir müssen viel arbeiten, wir sind wenig Leute.“ Dann hängt sich der Polizist bei mir beim Fenster herein und sagt: „ORF III is suupa.“ So ähnlich reagieren Taxifahrer, Passanten auf der Straße, ganz abgesehen von den schönen E-Mails, die wir bekommen.

Vor wenigen Jahren hätten Opern das TV-Publikum noch vertrieben, jetzt werden sie sogar in Kinos gezeigt. Welches Bedürfnis der Menschen bedient die Oper?

In einer Welt, die vom Joystick dirigiert wird und die jedes Foto bearbeitet, bis es normiert ist, liefert die Oper alles, worum es geht. Große, ambivalente Gefühle – es gibt etwa keine Verdi-Oper ohne Hass, Rache, Neid – Gefühle, die auch in Märchen vorkommen und die eigentlich nicht sein dürfen. Oper öffnet den emotionalen Kosmos in alle Richtungen: irrationale Liebe, verbotene Liebe, jeder Don-Giovanni-Abend versammelt menschliche Katastrophen. Eine Frau wird vergewaltigt, ein Mann wird getötet, ein Diener wird von seinem Herrn gequält. Und es geht um Wahrhaftigkeit, weil sich keine Oper 250 Jahre lang hält, wenn sie nicht wahrhaftig ist. In der Oper muss man nichts von Musik verstehen, sondern bloß spüren.

 

Eröffnung des Linzer Musiktheaters auf ORF III

11. April, 17.30 Uhr:
Liveübertragung des Festaktes zur Eröffnung des Linzer Musiktheaters.

20 Uhr, „Kultur heute“-Spezial aus Linz: Die ORF-III-Moderatoren Peter Fässlacher und Barbara Rett melden sich direkt von den Eröffnungsfeierlichkeiten mit den Protagonisten und berichten vom großen Open-Air-Festakt mit der „Parzival“-Uraufführung von „La Fura dels Baus“.

Samstag, 12. April, 18.30 Uhr,
„Die Stars hinter dem Vorhang – Helfende Hände im neuen Linzer Musiktheater“, eine Dokumentation von Otmar Schrott.
19.05 Uhr: „Making of: Musiktheater Linz“, Doku über die langjährige Linzer Großbaustelle.

19.40 Uhr: „Kultur heute“-Spezial, 30-minütige Spezialsendung mit Intendant Rainer Mennicken, David Pountney und Sopranistin Elisabeth Breuer.

20.15 Uhr, LIVE: „Die Spuren der Verirrten“, Oper von Philip Glass, Text von Peter Handke.

In der Pause, etwa 21.05 Uhr: „Making of: Spuren der Verirrten“, Dokumentation von Silvia Schneider und Kameramann Roman Weinzettl über die Entwicklung der Eröffnungsproduktion.

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