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Kommentar

Norwegen ist überall

Von Heidi Kastner   01. August 2011 00:04 Uhr

Am 22. Juli wurde Norwegen von zwei Verbrechen erschüttert. Das erste betraf das Regierungsviertel und damit das administrative Herz des Landes. Während die Einsatzkräfte dort konzentriert waren, fuhr der Verantwortliche des Anschlags auf die Insel Utøya und erschoss, Auge in Auge, eine möglichst große Anzahl der dort Versammelten. Mit diesem Massenmord an fast 70 Menschen tötete er Kinder, Jugendliche, Hoffnungsträger, die Zukunft des Landes, er traf ins emotionale Herz der Nation. Von der Polizei ließ er sich widerstandslos festnehmen; er hatte eine kugelsichere Weste getragen, um sein Leben zu schützen.

Weltweit war die erste Reaktion schiere Fassungslosigkeit. Doch schon bald begannen sich Tendenzen abzuzeichnen, die seither anhalten: Während Norwegen bemüht ist, als geschlossene Nation zusammenzustehen, den überlebenden Opfern und den Hinterbliebenen die Geborgenheit der Gemeinschaft zu bieten, sich nicht durch frühzeitige, besserwisserische Kritik gegenseitig die Schuld zuzuweisen, keine Schnellschussaktionen im Sinne einer Anlassgesetzgebung oder einer verschärften Kontrolle sämtlicher Lebensbereiche zu fordern, während Norwegen ihm also nicht die Macht zugesteht, ein ganzes Land in seiner Haltung zu verändern, beanspruchten andernorts alle möglichen Berufsgruppen prompt die Deutungshoheit über Ursachen und Präventivmaßnahmen.

Suche nach Erklärungen

Wieder einmal werden die Computerspiele thematisiert, die liberalen Waffengesetze, die leichte Verfügbarkeit aggressiven Gedankenguts im Internet, die politisch-demagogisch geschürte Xenophobie, das Erstarken rechtsextremer Neonazi-Ideologien unter den Bedingungen der zunehmenden Überfremdung, das unzureichende öffentliche Bewusstsein für rechtsextremistische Agitation, ja sogar die andernorts oft belächelte These der fehlgeleiteten Erziehung wurde bemüht, um das Unfassbare, das Böse in Person des Herrn Breivik fassbar zu machen.

Von diesen Erklärungen mag jede stimmen – oder auch keine. Jeder Mensch ist das Ergebnis unterschiedlichster Einflüsse, Veranlagungen und Erfahrungen, in jedem Menschen formieren sich diese Mosaiksteinchen zu einem ganz eigenen Muster, und was sich beim einen auswirkt, mag beim anderen spurlos vorüberziehen.

Wir wissen viel zu wenig über dieses komplexe Bedingungsgefüge, das uns auch unter ähnlichen Einflüssen zu völlig unterschiedlichen Individuen macht, als dass man seriöserweise derart kurzschlüssige Erklärungsmodelle gutheißen könnte. Millionen Menschen spielen diese Spiele, ein winziger Bruchteil davon wird real gewalttätig. Unbestritten ist der Lerneffekt, was Abläufe und Reaktionsgeschwindigkeit betrifft, aber nichts an diesen virtuellen Spielen eliminiert das moralische Empfinden oder die Empathie angesichts eines realen 15-Jährigen, der um sein Leben fleht. Millionen Menschen besitzen Schusswaffen, ohne sie gegen andere Menschen zu verwenden, Millionen posten anonym hochaggressives Gedankengut im Internet und wären nie imstande, ihre Phantasien real umzusetzen. Der politisch gefärbte Dunst ausländerfeindlicher Parolen zieht sich schon lange durch viele Länder Europas, noch niemand hat sich dadurch zu einem Massenmord berufen gefühlt.

Herr Breivik war auffällig unauffällig, lebte isoliert? Wie viele sind so, leben so, wie viele davon werden zu Verbrechern? Wir wissen viel zu wenig über diesen Mann, um sein Bedingungsgefüge beleuchten, geschweige denn ausleuchten zu können. Alles, was wir über ihn mit Sicherheit sagen können, ist aus seinem Verhalten ableitbar.

Keine Menschlichkeit

Und hier sieht man einen Mann, der sich immer mehr aus Beziehungen und sozialen Verpflichtungen zurückzieht, der sich Schusswaffen besorgt und den Umgang damit ebenso trainiert wie Kampfspiele am Computer, der alle anderen Interessen und Belange einer einzigen Idee unterordnet, bis diese schließlich ihn und sein Leben vollständig ausfüllt. Jahrelang durchkämmt er das Internet auf der Suche nach Versatzstücken für sein schließlich 1500 Seiten umfassendes Welterklärungsmodell, das sich bei näherer Betrachtung als krude, krause und zum Teil widersprüchliche Zusammenfügung unterschiedlichen Schrifttums mit wenig eigenständigem Gedankengut darstellt.

Das Eigenständigste daran ist die Kombination unterschiedlichster Texte, und was sich darin offenbart ist keine der bekannten Ideologien: Es ist das völlig subjektive, vom Hass für fast alles Lebendige und daher Wandelbare durchdrungene Weltbild des Herrn Breivik, der sich selbst zum „Ritter der Rächer“ hochstilisiert und damit eine zentrale Position beansprucht in der geforderten neuen, alten Weltordnung.

 

Dieser seiner Idee ordnet er schließlich alle anderen Werte unter und macht sich dafür selbst zum Herrn über Leben und Tod. Das Böse, wie es uns im Verbrechen des Herrn Breivik begegnet, ist kein großes schwarzes Etwas, das Böse ist die Abwesenheit von Menschlichkeit, das Fehlen von Empathie und der fatale Trugschluss, dass irgendeine Idee höherstehen könnte als die Achtung vor dem Leben anderer. Eine solche Entwicklung, eine solche Perversion der Wertordnung ist allzeit und überall möglich: Norwegen ist überall.

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