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„Das Land muss Traditionen hinterfragen“

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Humangenetiker Markus Hengstschläger: „In Fragen der Alterskrankheiten und der Sozialsysteme geraten wir unter Druck.“ Bild: VOLKER WEIHBOLD

Im ersten OÖN-Interview rund um die Initiative „Für Oberösterreich“ spricht der Humangenetiker Markus Hengstschläger über die Landtagswahl, die Marketingprobleme des Wissenschaftsstandortes und erläutert, warum Grundlagenforschung für die 150-Jährigen von übermorgen so wichtig ist.

OÖN: Was denken Sie, wenn Sie nach Weyregg auf Urlaub kommen und die Wahlplakate sehen?

Hengstschläger: Ich bin mit 18 Jahren aus Linz weg. Und wenn ich jetzt 23 Jahre später durch die Stadt gehe, ist das kein Vergleich. Oberösterreich ist eine Erfolgsgeschichte. Die Plakate vermitteln einen anderen Eindruck. Hier wird versucht, dem jeweils anderen etwas vorzuwerfen. Die Plakate, die die FPÖ in Wien im EU-Wahlkampf aufgehängt hat, waren mir zu extrem. Nun bin ich zwar gegen ein Ausgrenzen von demokratisch gewählten Parteien. Aber man kann Botschaften auch freundlicher rüberbringen. Der Oberösterreicher ist nicht dumm, dem muss man nicht eine Botschaft reindreschen. Darum finde ich das Manifest „Für Oberösterreich“ gut, weil es zu einer Versachlichung beiträgt. Und ich bin sicher, die Oberösterreicher wollen auf Polemik verzichten.

OÖN: Sie sind in einer Familie aufgewachsen, in der Politik ein wichtiges Thema war. Ihr Vater ist Verfassungsrechts-Professor und war einmal als ÖVP-Obmann im Gespräch. Wurden Sie davon geprägt?

Hengstschläger: In jungen Jahren hat man vielleicht eher Aversionen gegen die Politik, gerade in einer politisch geprägten Familie. Man wird prüfender, aber irgendwann sollte man automatisch politischer werden.

OÖN: Sie haben einmal gesagt, Sie seien einer der konservativsten Genetiker, aber einer der liberalsten Konservativen. Wie findet man da eine Partei, die man wählen kann?

Hengstschläger: Naturwissenschafter stellen Dinge ständig in Frage. Daher kann es in Fragen der Ethik allzu konservativ nicht sein. Gleichzeitig bin ich der Meinung, dass nicht alles in der Forschung gemacht werden soll, was gemacht werden kann. Ob es eine Partei gibt, die das repräsentiert, mache ich von der Beurteilung von Programmen und dem, was sie gemacht haben, abhängig. Und man wird Kompromisse eingehen müssen, wenn man auswählt.

OÖN: Oberösterreich kämpft um eine größere Reputation im Wissenschaftssektor. Woran mangelt es?

Hengstschläger: Oberösterreich hat die meisten Patentanmeldungen, investiert viel in Forschung und Entwicklung, hat gute Bereiche. Aber man muss Leuchttürme schaffen, man braucht Identifikationsobjekte. Ich habe beispielsweise in Yale gearbeitet. Man braucht jemandem nicht lange zu erklären, was das heißt, dass dies eine Marke mit Weltruf ist.

OÖN: So etwas wäre in Oberösterreich möglich?

Hengstschläger: Natürlich. Aber die Einstellung ist derzeit, dass man stolz sein soll, aus Oberösterreich zu kommen. Wichtiger sollte sein, dass jemand stolz ist, nach Oberösterreich kommen zu können. Die Forschungseinrichtungen, die Personen müssen so toll sein, dass sich Firmen ansiedeln und die Jobs sich von selbst schaffen. Auch die Studenten kommen dann von allein.

OÖN: Wo sehen Sie die Grundfesten für Leuchttürme?

Hengstschläger: Ich denke an Mechatronik, Kunststofftechnik, Mathematik und Informatik. Die Frage ist, wissen die Leute das, dass hier etwas abgeht.

OÖN: Hier hat Oberösterreich offenbar ein Marketingproblem.

Hengstschläger: Stimmt. Die Wissenschaft ist in Oberösterreich viel besser, als die Leute wissen. Wer weiß allerdings um die Qualität von Hagenberg und der Johannes Kepler Universität? In Wien oder Berlin leider niemand. Aber nur wenn man von mir weiß, bekomme ich die besten ins Land. Das ist nicht nur eine Frage des Geldes. Die OÖNachrichten berichten viel über Wissenschaft, auch der ORF bringt einiges. Es ist dennoch zu wenig. Und die Wissenschaft hat eine Bringschuld, ihre Forschungsgebiete schmackhaft zu erklären. Gegenüber dem Steuerzahler, der finanziert, und gegenüber dem eigenen Fach, das künftig auf mehr Drittmittel angewiesen sein wird.

OÖN: In Ihren Büchern schreiben Sie über Aggressionsgene und Ethikgene. Gibt es ein Politikergen oder ist das eine Kombination aus Gestaltungs-, Exhibitionismus- und Masochismugenen?

Hengstschläger: Die Genetik wird bei weitem überschätzt, was die Anlagen und Eigenschaften des Menschen betrifft. Es geht um eine Wechselwirkung von Genen und Umwelt. Vieles kann man lernen, auch den Politikerberuf. Man soll sich aber auch was beibringen lassen. Natürlich gibt es etwas, das wir Genetiker Talent nennen. Politiker müssen in Extremsituationen Entscheidungen treffen, spontan sein, gut reden und Mengen begeistern können. Ich denke mir manchmal aber, dass einen Fachkenntnis vom Politikerberuf nicht ausschließen sollte. Wenn jemand etwa Minister wird, sollte er von der Thematik eine Ahnung haben und nicht den Job bekommen, weil man gerade den zur Verfügung hat und einen Job für ihn braucht.

OÖN: In Ihrem jüngsten Buch „Endlich unendlich“ befassen Sie sich damit, dass die Menschen in absehbarer Zeit 150 Jahre alt werden können. Als gelernter Österreicher müsste ich sagen: Gerne, aber ich geh trotzdem mit 60 in Pension. Werden wir viel älter, erwarten uns also große Probleme.

Hengstschläger: Es ist ein Faktum, dass ein Kind, das heute geboren wird, eine 50-Prozent-Chance hat, 100 Jahre alt zu werden. Wir haben eine 65plus-Gesellschaft, und wir werden älter. Und die Frage ist, welche Fragen uns in 30 Jahren beschäftigen.

OÖN: Wenn man nicht einmal die Fragen weiß, tut man sich aber bei den Antworten relativ schwer.

Hengstschläger: Die Chance des Oberösterreichers ist die breite Individualisierung. Ich bringe da gern das Beispiel von der Hydra. Dieses Tier lebt in einer Pfütze und kann sich asexuell fortpflanzen . Die neuen Hydras knospen ab und vermehren sich rasch in der dieser Pfütze. Sie sind aber alle genetisch gleich, und wenn das Wasser um drei Grad wärmer wird, und das erste Tier ist genetisch nicht gerüstet, sterben sie so schnell, wie sie geboren wurden. Und zwar alle. Die Hydra kann sich auch sexuell fortpflanzen. Dann sind die neuen Hydras verschieden. Von diesen Hydras haben bei der Pfützenerwärmung zumindest ein paar die Chance, zu überleben.

OÖN: Was heißt das jetzt auf Oberösterreich umgelegt?

Hengstschläger: Es ist unter anderem ein Plädoyer für die Grundlagenforschung, von der man vielleicht derzeit fragt, was sie uns bringt. Und es ist ein Appell an Oberösterreich, Traditionen zu hinterfragen und auch alte Wege zu verlassen, um neue zu entdecken. Es geht um Breite und Individualisierung und darum, etwas zu wagen.

OÖN: Einige Fragen kennt man aber, nämlich die nach der Finanzierung von Gesundheits- und Pensionssystemen.

Hengstschläger: Im alten Rom lag die durchschnittliche Lebensertwartung bei 18 Jahren. Für einen Römer würden Sie und ich also ziemlich alt ausschauen. Der Hundertjährige in 200 oder 300 Jahren wird wiederum wesentlich gesünder und fitter sein als heute. Die Menschen wollen nicht einfach länger alt sein, sondern gesünder älter werden. Dabei erheben sie auch Ansprüche.

OÖN: Und man wird später in Pension gehen?

Hengstschläger: Pensionsaltersgrenzen werden natürlich fallen. Die Leute werden länger arbeiten müssen und wollen. Was auf uns zukommt und worauf wir kaum Antworten haben, sind Themen wie Krebs, Alzheimer, Parkinson und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das sind Erkrankungen, die mit zunehmendem Alter auftreten. Jeder dritte Neunzigjährige ist dement. Das sind ebenso große Herausforderungen wie eine Neukonzeption des Sozialversicherungswesens. Bisher gibt es aber noch keine großen Fortschritte. Wir geraten unter Druck.

1
Hengstschläger-Interview: mager, mager... · von haspe1 · 23.07.2009 03:25 Uhr

Herr Hengstschläger mag ein sehr guter Genetiker sein, was er hier im Interview von sich gibt, ist relativ trivial und bietet keine neuen oder erstaunlichen Erkenntnisse. Diese Aussagen könnte Hinz und Kunz auch getroffen haben. Was Herr Hengstschläger jedoch sehr gut beherrscht, ist, Eigenwerbung bzw. Werbung für sein Fachgebiet zu betreiben, damit mehr Geld und bessere rechtliche Rahmenbedingungen für seine Forschung entstehen. Das ist sein gutes Recht, jedoch sollte eine Zeitung darum bemüht sein, für die Leser interessantes zu bringen, und nicht hauptsächlich als Werbemedium fungieren.

 
2
Erstrebenswert? · von thor42 · 22.07.2009 09:20 Uhr

Wo liegt der Vorteil der Menschen, dass sie zwar, möglicherweise, 100 Jahre alt werden können und dafür 80 Jahre arbeiten müsseen? Ich hoffe, dass uns Menschen nachfolgen, die mehr Visionen haben, als unsere Welt in arm und reich zu teilen.

 
3
*Arbeiten bis zum Umfallen* ist nicht das Problem · von Ruflinger · 22.07.2009 12:24 Uhr

Es geht nur darum, wie die Arbeit aussieht; hier ist noch einiges zu verbessern. -

 

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