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Bundespräsidentenwahl

Das Land der Präsidenten

Von Roman Sandgruber   26. November 2016 00:04 Uhr

Das Land der Präsidenten

Österreich ist ein Land der Präsidenten, auch wenn wir derzeit keinen Präsidenten haben.

Es wimmelt geradezu von Präsidenten: Parlaments-, Landtags-, Gerichts-, Schulrats-, Vereins- und Aufsichtsratspräsidenten, alle fein gegendert und doch mit überwiegender Mehrheit männlich. Seit dem bekannten Ausspruch des legendären Polizeipräsidenten Josef "Joschi" Holaubek während der spektakulärsten Gangsterjagd der Zweiten Republik, als dieser dem Geiselnehmer Schubirsch zurief: "I bin’s, dein Präsident", wissen wir, dass auch die Ganoven ihren Präsidenten haben.

Da kommt es kaum mehr darauf an, dass ganz an der Spitze der Republik die Position leer ist. Tag für Tag wird in der präsidentenlosen Zeit klarer, dass wir recht gut ohne dieses teure Amt auskommen könnten. Festspiele und Volksfeste werden von den Nationalratspräsidenten in ihrer Funktion als Ersatzpräsident genauso gut eröffnet wie von einem Bundespräsidenten. Für die Reden gibt es die bezahlten Redenschreiber. Die fast 100 Beamten der Präsidentschaftskanzlei kann man sicher anderweit gut gebrauchen, und die Räume sind ohnedies museal.

Ein Präsident ist ein Vorsitzender, nur lateinisch und nobler. Präsident klingt, zumindest in Österreich, nach Ehrenamt. Wo tatsächlich gearbeitet wird, redet man meist von Vorständen, in den Vorstandsetagen der Unternehmen genauso wie an den Instituten der Universitäten. Das Amt eines Bundespräsidenten wurde eingerichtet, weil man einen Ersatzmonarchen suchte. Wir haben einen Bundespräsidenten, weil man es sich 1918 bei allem revolutionären Eifer ohne einen Kaiserersatz doch nicht so recht vorstellen konnte und wollte.

In den ersten Monaten nach der Republikgründung im November 1918 fungierten die drei Parlamentspräsidenten, dann der erste Präsident der Nationalversammlung als Staatsoberhaupt. In die Verfassung von 1920 schrieb man dann einen Präsidenten, dem man vorsichtshalber noch weniger Kompetenzen als ehedem Kaiser Franz Joseph zugestehen wollte. Seinen Amtssitz erhielt er ganz versteckt im hintersten Winkel des Bundeskanzleramts. Erst der erste Präsident der Zweiten Republik, der vom monarchischen Flair angetane Sozialdemokrat Karl Renner war es, der es im Jahr 1947 durchsetzte, dass sein Amtssitz in die kaiserlichen Prunkräume des Leopoldinischen Trakts der Hofburg verlegt wurde. Der alte Kaiser ist 100 Jahre tot. Verdienste hatte er wenige, außer dass er so lange lebte und regierte. Aber Österreichs Politiker hängen mit Inbrunst am alten Kaiser und seinen Nachfolgern, den Ersatzkaisern.

 

Roman Sandgruber ist emeritierter Professor für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Johannes Kepler Universität Linz. 

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