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Land der Kontraste

Marokko also. Verlässt man die Fähre, findet man sich in einer anderen Welt wieder.

Bild: Krautgartner

Natürlich auch, was die Mobilitätsformen betrifft. Je weiter man in den Süden kommt, umso mehr häufen sich Mopeds, dreirädrige Transporter und immer noch – Eselkarren. Der Zustand und die Anwendung dieser Fahrzeuge ist oft abenteuerlich aus unserer Sicht. Aber, es gibt auch einen Tesla-Club, sieben dieser Luxusstromer fahren durch das Land. Marokko, ein Land der Kontraste. Und der orientalischen Gelassenheit, mit der wir immer wieder konfrontiert wurden.

Knapp tausend Kilometer haben wir (ein Twike, eine Renault Zoe, ein Tesla Model S und ein Model X, sowie mein Hyundai Ioniq) zurückgelegt – von Tanger über Casablanca und Marrakesch bis nach Ouarzazate, der Solarhauptstadt am Rande der Wüste hinter dem Atlasgebirge (Passhöhe 2.260 m). Die offiziellen Ladestationen kann man an einer Hand abzählen (geplant für das kommende Jahr an jeder Raststation der Autobahn). Um die Distanzen trotzdem zu schaffen organisierte das Team der RIVE MAROC (so nennt sich die Veranstaltung, an der ich teilnehme, www.rivemaroc.com) eine Reihe von Möglichkeiten. Meistens Kraftstrom-Steckdosen.

Orientalische Gelassenheit

Abgemacht heißt nicht auch gleichzeitig umgesetzt. Das mussten wir gleich bei unserer ersten Station erkennen. Der Bürgermeister sagte Treffen und Stadtführung kurzfristig ab und Lademöglichkeiten gab es auch nicht. Gottseidank war die nächste Option nicht so weit weg, und so verbrachten wir etwas länger als vorgesehen in der modernen Ferienanlage Lixus Beach Resort, wo sogar eine richtige Ladestation auf uns wartete. Und ein Pool, das angesichts der hochsommerlichen Temperaturen für willkommene Abkühlung sorgte. Damit muss man rechnen, dass nicht alles perfekt vorbereitet ist. Oftmals wurde erst angefangen zu installieren, wenn wir angekommen waren.

Orientalische Gastfreundschaft

Aber es geht auch anders. In Temara etwa erwarteten uns Bürgermeister samt Gefolge ganz gespannt und zahlreiche Besucher dazu. Bis hin zum Marokkanischen König – wenn auch nur als Standbild. Und immer waren die Menschen sehr bemüht uns mit ausreichend Strom zu versorgen. Auf die Schnelle hat der Elektriker provisorisch die Erdung verbessert (manche Elektroautos sind da nämlich heikel) oder einen defekten Stecker getauscht. Auch wenn die technischen Möglichkeiten und Werkzeuge nicht in bei uns gewohnter Manier zur Verfügung stehen, beim Improvisieren sind die Marokkaner spitze.

Interesse überall

Während der gesamten Reise wurden wir von den Passanten mit Fragen gelöchert, Fotos und Selfies wurden unzählige geschossen. Die Marokkaner sind ohnehin von Autos begeistert, daher sind Exoten - wie unsere Elektroautos und natürlich die bekannteren Teslas - eine willkommene Attraktion. Reinschauen, Reinsetzen, Motorhaube auf, Reichweite, Preis, alles interessiert. Auch wenn die Kommunikation manchmal eher holprig verläuft, wegen meiner mangelnden Französischkenntnisse und deren manchmal rudimentärem Englisch.

Sparsamkeit ist gefragt

Schnelllader, wie ich es von Spanien gewöhnt war, gibt es hier nicht. Die verfügbaren Stromleistungen sind durchwegs eher gering, das Laden dauert also manchmal ziemlich lange. Will ich die Ladezeiten kurz halten muss ich schon beim Fahren auf Sparsamkeit achten. Das Gaspedal wie ein rohes Ei behandeln und das Tempo drosseln. Das hieß für mich maximal 90 km/h. Auf den Landstraßen fällt das wegen der Kurven und des manchmal schlechten Zustands nicht schwer, auf der Autobahn werden die Kilometer dann mitunter schon recht langwierig. Aber es zahlt sich aus, schraubt sich damit die mögliche Reichweite von normalerweise 200 auf über 250 km und weiter entferntere Lademöglichkeiten kommen in Reichweite. Oder man hat eine Reserve für unvorhergesehene Ereignisse. Soll ja vorkommen, dass es den angesteuerten Ladepunkt gar nicht gibt.

Alles fließt

Das Autofahren in den Städten Marokkos ist sowieso ein besonderes Erlebnis. Verkehrsregeln werden recht individuell ausgelegt, man quetscht sich mal kurz in eine – manchmal auch gar nicht vorhandene – Lücke. Mopeds überholen rechts und links. Gehupt wird sowieso gerne. Aus zwei markierten Spuren werden schnell mal drei gemacht. Auf den ersten Blick chaotisch. Andererseits: Jeder schaut auf jeden, bleibt zurück oder weicht aus. Die vielen Kreisverkehre helfen den Verkehrsfluss halbwegs aufrecht zu halten, jeder Zwischenraum wird sofort genützt. Keiner beharrt stur auf seine Vorfahrt, Unfälle dürfte es wenige geben, die Autos sind nämlich nicht zerbeult. Und das Auge des Gesetzes ist wachsam. In den fünf Tagen bin ich so vielen Polizeikontrollen und Radarpistolen begegnet, wie in Österreich in einem ganzen Jahr nicht. Wenn eines von den Elektroautos aufgehalten wurde, dann nur aus purer Neugier der Polizisten. Ein kurzes Plauscherl und ein herzliches „Welcome in Morocco“, und schon hatte man den staunenden Blick im Rückspiegel, wegen der lautlosen Beschleunigung. Ach, schnell habe ich mich an diese Fahrweise gewöhnt. Ich glaube, die Rückkehr zur europäischen Verbissenheit wird schwerfallen.

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Artikel Kurt Krautgartner 16. Oktober 2017 - 05:59 Uhr
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