Sie können sich an die ORF-Serie „Der Leihopa“ erinnern? Damals, als Alfred Böhm den gutmütigen Ersatz-Großvater für Kinder mimte, um die man sich daheim nicht wirklich gekümmert hat. Den Leihopa gibt es längst nicht mehr. Würde man ihn neu aufleben lassen, müsste man erst gar nicht nach einem Nachfolger für Böhm suchen. Vicente del Bosque wäre die Idealbesetzung. Er ist einer, den sich jedes Enkerl als Opa wünscht. Bei del Bosque muss man sicher nicht lange betteln, um das große Eis zu bekommen, das die Mama nie erlauben würde.
Vielleicht liegt genau darin das Erfolgsrezept des 59-Jährigen, der sich seit Sonntagabend als erster spanischer Trainer überhaupt Fußball-Weltmeister nennen darf. Fußballer, so sagt man, sind ja nichts anderes als kleine Kinder.
Und del Bosque hat es immer verstanden, seinen berühmten und begabten „Kindern“ ihre Freiheiten zu lassen. Eigentlich wollte er ja immer Jugendtrainer bei seinem Klub, Real Madrid, bleiben. 30 Jahre war er – von 1973 bis 2003 – beim „Weißen Ballett“ angestellt. Nach der Karriere als defensiver Mittelfeldspieler (312 Partien) wurde er als Jugend-Koordinator engagiert. Er sprang mehrmals als Cheftrainer ganz oben bei den Profis ein, wollte aber nie länger bleiben. Denn er wusste genau: Nach der Bestellung zum Cheftrainer gibt es kein Zurück mehr. Da wartet nur noch die Entlassung. Diese erfolgte 2003. Davor hatte er geschafft, wovon viele andere Real-Trainer davor, (und alle danach), nur träumen können. Binnen drei Jahren gewann er zwei Mal die Meisterschaft und zwei Mal die Champions League. Und doch war der „blaue Brief“ danach ein Schock.
So hatte del Bosque – der noch immer in einer Eigentumswohnung statt in einer großen Villa wohnt – mehr Zeit für seine Familie. Darunter ein Sohn, der unter dem Down-Syndrom leidet. In den vergangenen beiden Jahren wurde die Zeit daheim aber wieder weniger. Nach dem Schleifer Luis Aragonés, der Spanien 2008 zum Europameistertitel geführt hatte, suchte man für die WM einen Gegenpol als Nachfolger. Dass die Wahl auf del Bosque fiel, war eigentlich logisch. Einer, der mit den Real Stars – von Figo über Zidane bis Roberto Carlos – gut kann, der schafft das auch im Nationalteam. Auch die Kicker haben ihm nie vergessen, dass er so ist, wie er ist: Bescheiden, ehrlich und bodenständig.
Wie es nun mit del Bosque weitergeht? Es wäre ihm zuzutrauen, dass er noch einmal die Jugend von Real Madrid trainiert. Oder vielleicht doch Leih-opa...?