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Gastkommentar von Toni Innauer: #MeAlmostToo?

Der ehemalige Weltklasse-Skispringer Toni Innauer (59) über die #MeToo-Debatte.

Toni Innauer Bild: (GEPA pictures)

Ich war dreizehn und konnte schon sehr schnell laufen. In einer Bahnhofstoilette in Villach stand plötzlich ein riesiger fremder Kerl neben mir, legte mir "gemütlich" die Hand auf die Schulter und schlug mir vor, sich mit mir ein Zimmer zu nehmen. Panik erfasste mich im halbdunklen Raum: "Nein!" schrie ich, riss das Hosentürl zu, duckte mich und sprintete durch die offene Tür auf die Straße.

(Lesen Sie dazu auch: Innauer und die beleidigte Majestät)

Die Angst, dem Typen noch einmal zu begegnen, saß mir tonnenschwer und zwei lange Stunden im Nacken, bis endlich unser gut gelaunter Trainer mit dem Teambus um die Ecke bog. Mag man sich die Situation mit umgekehrten Vorzeichen vorstellen? Mit dem Trainer betritt nicht die ersehnte Rettung, sondern die übermächtige Bedrohung die Szene, die Tür ist nicht sperrangelweit offen, sondern versperrt und man ist noch jünger und die Geschichte wiederholt sich immer wieder...

Nicola Werdenigg hat durch die mutige Veröffentlichung ihrer Erlebnisse und Beobachtungen eine riesige Lawine aus Betroffenheit, Empörung, aber auch Unverständnis, versteckter und offener Aggression ausgelöst. Weil sie ihre Erlebnisse mit professioneller Hilfe und über Jahre offenbar gut verarbeiten konnte, hat sie mit all dem gerechnet und es trotzdem riskiert.

Peter Schröcksnadel und Hans Pum verfehlten im Umgang mit dem hochsensiblen Thema und der Betroffenen anfänglich ganz klar Ton und Thema. Über Jahre an eine betörende Machtfülle nach innen und außen gewöhnt, entsteht Irritation bei der Auseinandersetzung mit Diskussionspartnern, denen es an vorauseilender Unterordnung mangelt. Was immer die unterschiedlichen externen Institutionen in nächster Zeit zu konkreten Fällen herausfinden und veröffentlichen werden, es wird, wie in ähnlich gelagerten Fällen, auch im Sport erkennbar sein, dass keinesfalls alle in einen Topf zu werfen sind. Bis auf ganz wenige schwarze Schafe sind die Betreuer und Trainer schon früher ihren Aufgaben integer und verantwortungsbewusst nachgekommen.

Sexualisierte Gewalt hatte und hat im Sport kein System. Mit einer Ausnahme: Warum konnte ein völlig sinnentleertes und aus dem Ruder gelaufenes Initiationsritual wie das "Pastern" in manchen Disziplinen erst zu spät als entwürdigender Übergriff erkannt werden? Wie soll es den Zusammenhalt einer Gruppe stärken, wenn sich eine wilde Horde mit Schuhcreme und Klisterwachs bewaffnet sogar über junge Mädchen hermacht und das Ganze vom Rudelführer stillschweigend geduldet wird? Hinter verschlossenen Türen konnte das ahnungslose und verängstigte Kind nicht wissen, wann und wie die Tortur enden würde.

 

Toni Innauer (59) ist Weltklasse-Skispringer (u. a. Olympiasieger 1980), ÖSV-Trainer, ÖSV-Sportdirektor. Seit 2010 ist er selbständiger Unternehmer, Autor, Kolumnist, Referent und Seminarleiter

 

Auf diesen in der Samstagausgabe erschienen Gastkommentar bezog sich  ein Schreiben von ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel. Dazu lesen Sie auch: Innauer und die beleidigte Majestät

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Artikel 04. Dezember 2017 - 09:57 Uhr
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