Plauderstunde: Österreichs Alpinchef Hans Pum und Kanadas Alpinboss Max Gartner sind bei Olympia verantwortlich für die Leistungen ihrer Skifahrer. Die öffentliche Erwartungshaltung? Die ist höher als die eigene. Bild: Gepa
OÖN: Der Countdown läuft unweigerlich. Können Sie noch ruhig schlafen?
Gartner: Ich konnte schon Nächte nicht mehr schlafen, in erster Linie wegen der Zeitverschiebung. Als in Europa noch im Weltcup gefahren wurde, war ich mit ein paar Athleten schon in Kanada, da musste noch viel organisiert werden – in der Nacht. In der Früh fiel dann der erste Blick auf den PC, ob eh alle heil ins Ziel gekommen sind.
Pum: Bei mir kribbelt es schon die ganze Zeit. Ich bin schon nervös, schließlich sind Erwartungen da, und man setzt alles in deren Erfüllung.
OÖN: Wie hoch sind die Erwartungen gesetzt?
Pum: Sechs bis acht Medaillen. Aber die Medien schreiben sowieso immer etwas anderes. Meine Zahl ist realistisch, und wenn ich in Zeitungen vom Goldregen lese und dass die 14 Medaillen von Turin übertroffen werden können, muss ich den Kopf schütteln.
Gartner: Kanada hat das Ziel ausgegeben, die meisten Medaillen aller Nationen zu erringen. 2003 nach dem Olympia-Zuschlag wurde das Projekt „Own the podium“ gestartet. 117 Millionen Kanadische Dollar (etwa 80 Millionen Euro, Anm.) pumpten zu je 50 Prozent die Regierung und Sponsoren hinein. Allein unser Alpin-Etat wurde von drei auf sechs Millionen Dollar aufgestockt. Das Endziel bei uns lautet drei bis vier Medaillen. Da ist der Druck groß. Aber ich möchte auch mit dem Hans nicht tauschen, der hat diesen Druck immer.
OÖN: Wie leben Sie in dieser Welt, in der fast nur Triumph oder Debakel existieren – und in der Sie als Alpinchefs auch den Kopf hinhalten müssen?
Pum: Mich wirst du nie hüpfen sehen, wenn’s gut läuft, aber auch nicht weinen, wenn’s nicht läuft. Man muss schauen, woran beides gelegen ist. Die Berichterstattung hat sich auch verändert, jeder braucht eine bessere Schlagzeile und schlägt mehr ins Extreme.
Gartner: In Kanada stehen wir jetzt unterm Mikroskop, das sind wir nicht gewohnt. Vor allem unsere Verletztenserie war zuletzt Zentralthema. Die haben uns schon aufgefordert, dass wir unsere Athleten heimholen und ja nicht in Kitzbühel hinunterfahren lassen sollen.
OÖN: Wie war der Stellenwert davor?
Gartner: Unsere Abfahrer wurden bei Siegen auch gewürdigt. Sie machen sich als Canadian Cowboys langsam einen Namen wie damals die Crazy Canucks. Bei einem schlechten Ergebnis kommen wir halt einfach nicht vor in der Berichterstattung vor. Und Eishockey werden wir sowieso nie von den Titelseiten verdrängen können. Das ist auch die wichtigste Medaille für Kanada – vor Curling.
OÖN: 2006 hat sich bei den Spielen in Turin vieles um das Doping-Desaster rund um Walter Mayer gedreht und nur wenig um Doppel-Olympiasieger Benjamin Raich. Ärgert Sie das heute noch, Herr Pum?
Pum: Ja, klar. Die Erfolge der Alpinen sind untergegangen, obwohl sie sensationell waren. Was der Mayer aufführt, ist ein Kasperltheater. Aber es wird ihm ja auch die mediale Fläche gegeben. Muss es Thema sein, ob er zu den Spielen nach Vancouver fährt oder nicht? Es interessiert doch keinen Menschen, wohin er als Tourist reist.
OÖN: Doch. Das Internationale Olympische Comité.
Pum: Da will doch nur jemand zündeln. Der Mayer verzapft so einen Blödsinn und alle stehen kopf. Wechseln wir bitte das Thema?
OÖN: Im ÖSV sind nach Olympia Strukturänderungen geplant. Glauben Sie, dass es Ihre letzten Winterspiele sind?
Pum: Ich kann das nicht sagen (denkt lange nach, Anm.). Ich kann das nicht sagen.
Gartner: Mein Vertrag mit dem kanadischen Verband wurde per Handschlag vereinbart. Warten wir mal Olympia ab...
„Eine neue Chance zum Leben“