
OÖN: Am Gipfel wurde dir ein Gipfelschnaps angeboten, den hast du dankend abgelehnt. Warum?
Filzmoser: Ich bin zwar keine strikte Anti-Alkoholikerin, aber erstens schmeckt mir Alkohol nicht unbedingt und zweitens hab ich auch nicht das Verlangen danach. Früher war’s ja schon so, dass zu einem gesunden Sportler einfach kein Alkohol und kein Nikotin gepasst haben. Bei mir ist es aber nicht mit einem Vorsatz oder einem Hintergrund begründet. Wenn ich einen Erfolg hatte oder eine Feier, stoß’ ich schon mal mit einem guten Rotwein oder einem Schluck Sekt ein. Ich mach’s halt, weil’s derjenige dann als Wertschätzung empfindet. Aus diesem Grund würde ich’s nicht ablehnen.
OÖN: Dass Wertschätzung über Alkohol definiert wird, stimmt dich das nachdenklich?
Filzmoser: Ich hinterfrage das lieber nicht. Würde ich das, käme ich wohl genau zu dem Punkt, dass ich es bedenklich finde. Aber ich verurteile es nicht bei anderen, es ist ja ihr freier Wille.
OÖN: Ein freier Wille, der vielleicht oft wegen mangelnder Disziplin schwach wird…
Filzmoser: Das mag sein. Aber wenn das zu deiner Lebensphilosophie geworden ist, empfindest du das selbst nicht hart. Klar ist das für wen schwer, der das als abnormal empfindet. Dreimal am Tag trainieren, ist aber auch für viele unvorstellbar. Was du gewohnt bist, was zu deinem Leben gehört, ist normal.
OÖN: Was gehört zu deinem Leben?
Filzmoser: Eine Kombination aus Früh aufstehen, viel Trainieren, wenig Freizeit haben und keine Zeit, sich öfters zum Essen, zum Kinogehen zu verabreden. Aber das empfinde ich nicht als negativ.
OÖN: Daneben machst du den Flugpilotenschein, studierst Japanologie, rennst gerne auf Berge und wirfst deine Gegner reihenweise auf die Matte. Ein bisserl burschikos wirkt dein Auftritt schon, oder?
Filzmoser: Keine Ahnung, das ist vielleicht die Interpretation von Außenstehenden. Vielleicht scheint das so für Leute, die nicht im Judo integriert sind. Wer mich genauer kennt, weiß, dass ich das Gegenteil bin. Irrsinnig sensibel, wohl weit mehr, als man mir zutraut. Aber das macht wohl der Sport – und was nach außen transportiert wird.
OÖN: Wie schwierig sind die Auftritte nach Außen?
Filzmoser: Sehr. Ich bin kein Mensch, der gerne sein Innerstes nach Außen kehrt und sich in den Mittelpunkt stellen muss. Wenn ich Erfolg habe, wenn’s gut läuft, wäre es mir am liebsten, wenn ich irgendwo untertauchen und es genießen könnte mit den Leuten, die etwas dazu beigetragen haben – und das sind die Familie, Trainer, Freunde, die immer dabei sind. Natürlich ist es schön, wenn sich andere Leute genauso mitfreuen und es anerkennen – du bekommst ja dadurch auch Selbstvertrauen und Selbstbestätigung. Aber es ist nicht lebensnotwendig für mich und nicht der Grund, warum ich Judo betreibe. Das ist reiner Idealismus, es macht mir den meisten Spaß der Welt.
OÖN: Doch der Erfolg gehört dazu und macht auch glücklich – oder etwa nicht?
Filzmoser: Da geb’ ich dir natürlich völlig recht. Mittlerweile kann ich auch darüber reden. Ich weiß, dass es früher schwieriger war – da bin ich oft, auch wegen Verletzungen, meinem Level, das ich erreichen wollte, nachgelaufen und hab’ oft mit der Brechstange versucht, die Höchstleistung zu erreichen. Da bin ich über die Schmerzgrenze gegangen, hab trotz Krankheit weitertrainiert, auf alles verzichtet, war total diszipliniert, damit ich mir ja nichts vorwerfen kann. Deswegen war ja auch die Enttäuschung bei den Spielen in Peking bei mir so riesig, für manche völlig unverständlich. Weil ich wusste: Ich konnte mir nichts vorwerfen, aber ich habe alles dafür ausgegeben.
OÖN: Hast du nicht damals gesagt, dass du dein ganzes Leben für diesen einen Tag aufgeopfert hast?
Filzmoser: Das war vielleicht ein bisschen übertrieben. Es war definitiv so, dass nichts anderes wichtig war zu diesem Zeitpunkt. Ich wusste, zwei Olympiaperioden hab’ ich schon dafür geopfert, das hätte quasi die letzte sein sollen, und ich hab’ nicht damit gerechnet, dass ich von mir aus sagen kann, ich mache weiter. Weil ich weiß, wie hart die vier Jahre sind und immer wieder Verletzungen auftreten. Du legst ja nicht den Schalter um und es ist Sonne, Wonne, du tust ein bisserl trainieren und wirst Dritte bei der WM, bist in der Olympia-Quali vorne, dann kommen die Spiele und du kämpfst um eine Medaille. Ich wusste, das wird so hart wie davor. Es kann immer wieder eine Verletzung zurückwerfen.
OÖN: War es im Nachhinein ein Fehler, dass du den totalen Verzicht gelebt hast?
Filzmoser: Nein, glaub ich nicht. Meine Schwester hat mich oft dasselbe gefragt. Sie sagt: Naja, dann hättest ja eh zehn Mal mit mir Fortgehen können und es wäre dasselbe rausgekommen. Das bin aber nicht ich. Ich weiß, ich muss 100 Prozent dafür geben, damit ich weiß, dass ich es erreichen kann. Wenn ich nicht alles gegeben hätte und auf alles verzichtet hätte, hätte es bestimmt nicht für meine WM-Medaillen gereicht. Also warum sollte ich es anders tun. Das ist genau mein Lebensweg und meine Denkensart, die würde ich nie ändern.
OÖN: Könnte nicht in 20 Jahren etwas auftauchen, von dem du sagst, es gerne erlebt zu haben?
Filzmoser: Ganz sicher nicht. Ich habe überhaupt nichts versäumt, überhaupt nichts verpasst oder irgendetwas zu spät getan. Im Gegenteil. Wenn man sich ein zeitliches Limit setzt, setzt man sich nur selbst unter Druck. Zeit ist ja relativ. Ob du das mit 20 oder 30 erlebst, ist völlig wurscht, das was ich in der Zeit als Spitzensportlerin erlebe, erlebt kein anderer Mensch so intensiv und voller Hingabe. Wahrscheinlich werde ich in meinem Leben nie wieder etwas so gut können wie jetzt das Judo. Aber ich kann versuchen, die Dinge, die ich neu lerne, mit einem gewissen Ziel und Hintergrund 100 Prozent zu machen.
OÖN: Warum ist Sabrina Filzmoser Judokämpferin und nicht Fußballerin oder Skifahrerin?
Filzmoser: Das frage ich mich auch. Ich glaube, ich hätte viele verschiedene Sportarten betreiben können und ich bin mir auch sicher, dass ich sie zu 100 Prozent gemacht hätte, und vielleicht mehr Geld, mehr Prestige erreichen hätte können. Aber das Judo ist einfach so zu meiner Philosophie geworden, dass ich es mit keiner anderen Sportart vergleichen kann. Ich geh’ irrsinnig gerne in die Berge, mach’ sehr gern bei Skitourenrennen mit, würde auch wie meine Schwester voll gern über so einen Slopestyle-Kurs hinunter springen und alles dafür geben, dass ich mich verbessere bei jedem Sprung und jeder Aktion. Aber die Philosophie des Judos, damit kann keine Sportart mithalten. Die Verbindung von Körper und Geist habe ich in sonst keiner Sportart erfahren. Du musst den Körper auf ein 100prozentiges Level bringen, alleine das ist schon so umfassend mit Ausdauer, Schnellkraft, Koordination, und dazu alles, was geistig auf der Matte zum Umsetzen ist – nämlich die Konfrontation mit dem Gegner, mit einem unmittelbaren, alles in Technik umzumünzen, intuitiv, das sind so viele Aspekte.
OÖN: Wie man den Körper trainiert, kann man sich vorstellen. Wie trainiert man den Geist?
Filzmoser: Da gibt es verschiedene Ansatzpunkte. Am Anfang dachte ich auch, den trainiert man wie die Japaner, du stehst einfach drei, vier Stunden auf der Matte und machst Hunderttausende Wettkämpfe. Und durch Wiederholung wird das automatisiert und geht das in die Intuition, in den Geist über, weil du härter trainierst als die anderen. Aber in der Zwischenzeit bin ich drauf gekommen: Das machen tausende Japaner, ein oder zwei bleiben über und werden Olympiasieger. Aber was machen die zwei? Die sind cleverer. Wie sie regenerieren, wie sie auf Verletzungen reagieren. Ich muss meinen Geist ständig fordern und herausfordern und darf mich nie mit etwas zufrieden. Ich weiß, dass ist bei manchen Spitzensportlern anders. Aber wenn ich etwas erreicht habe, bin ich damit oft noch unzufrieden. Weil ich immer etwas auszusetzen haben. Weil ich weiß, dass an diesem Tag noch ein bisschen mehr drin gewesen wäre.
OÖN: Aber kannst du dann je in deinem Leben zufrieden sein?
Filzmoser: Ist das richtig oder wichtig im Leben? Die Zufriedenheit bringt zumeist Stillstand. Ich glaub nicht, dass das das wahre Leben ist. Du kannst sicher einmal zufrieden sein, aber du brauchst immer neue Ziele. Natürlich: Ich war mit dem 3. WM-Platz zufrieden – aber ich weiß, dass ich nie zu spät damit anfangen darf, die neuen Ziele zu verfolgen. Die geistige Zufriedenheit macht dich ruhiger und gelassener und setzt dich nicht so unter Stress und Druck. Aber du machst das für dich – und sonst für niemanden. Das musst du wissen. Für keinen Trainer, für keinen, der eine Olympiamedaille von dir erwartet.
OÖN: Wenn dir Leute gegenübertreten – tun sie das mit Neid, mit Respekt?
Filzmoser: Gottseidank bin ich so ein Typ, der jeden respektvoll behandelt. So wie du in den Wald rufst, bekommst es zurück. Da hab ich viel von meinen Eltern gelernt – und in Japan. Da behandeln die Jüngeren die Älteren über-respektvoll, auch wenn das Senioritätsprinzip für Europäer krank ist, find ich es berechtigt. Jemand, der so viel Erfahrung hat im Leben, durch die vielen Jahre, die er am Leben ist, hat viel mehr Respekt verdient als jemand, der 20 Jahre ist und Olympiasieger. Die Olympiasieger benehmen sich nach japanischem Prinzip sehr unterwürfig. Da hätte ich von ihnen mehr Respekt, auch ohne Olympiasieg, weil ich zehn Jahre mehr trainiert habe. Das ist für jeden Europäer sehr unlogisch, da ist jeder zum Star hochstilisiert, der in Österreich, sagen wir mal, Junioren-Europameister geworden ist. Da ist er schon der nächste Star und es heißt: Hey, den müssen wir pushen! Wo sind die Sponsoren? Da müssen wir was tun! Wieso tut ihr nix? Warum steht der nicht in der Zeitung? Das ist in Japan ganz anders. Der wird nicht so behandelt, deshalb verhält er sich auch nicht so. Da bringt er trotzdem noch das frisch gewaschene Kimono dem Älteren, dem Sensei, und trägt ihm die aufgefüllte Wasserflasche ins Training nach. Was du in Japan lernst, den respektvollen Umgang mit den Menschen im Allgemeinen und den Sportlern im Speziellen, hab ich sehr schätzen gelernt.
OÖN: Was läuft da falsch im österreichischen Sport, was würdest du ändern?
Filzmoser: Wenn ich eines nicht bin, dann ein Revoluzzer, der alles umwerfen würde. Ich nehme es, wie es kommt. Ich seh’ das bei uns im Verband, wo viele ehrenamtlich arbeiten, ihre ganze Freizeit aufopfern, damit etwas weitergeht. Deshalb könnte ich nie Leute verurteilen, die dann nicht 100-prozentig das machen, was ein Sportler tun würde, der sein ganzes Leben in den Hochleistungssport investiert. Du kannst keinen ehrenamtlichen Mitarbeiter oder Funktionär übel nehmen, dass er nicht das gleiche denkt oder macht. Deswegen könnte ich nicht sagen, das und das ändere ich an meinem Sport. In jeder Nation gibt es ähnliche Probleme. Natürlich hat Judo etwa in Japan so eine hohe traditionelle Komponente, jeder wächst mit Judo auf, deshalb kann sich dort auch jeder damit identifizieren. Aber dort ist Baseball Sportart Nummer 1, Fußball Nummer 2 – und wer verdient am meisten? Klar die beiden. Judosportler sind auch fix angestellt bei einer Firma, brauchen sich um nichts kümmern, sind sozial versichert, haben fix einen Job dort, wenn sie mit dem Sport aufhören. Aber das hat auch Nachteile: Du bist voll abhängig von der Firma, musst ständig Erfolge bringen, ein ganz hohes Level fahren. Die haben im Jahr nur eine Woche Urlaub, da geht’s uns in Europa, in Österreich, selbst wenn wir von Sporthilfe und Bundesheer gefördert werden, verdammt, ja sogar viel zu gut. Wir sind so überprivilegiert. Nur wenn sich die jungen Sportler nie damit auseinander setzen, wie gut es ihnen wirklich geht und keinen Vergleich haben, weil sie das nie sehen und erleben, dann würde ich es ihnen nie vorwerfen, weil sie es ja auch nicht anders kennen. Wenn ich seh’, wie die jungen Fußballer da mit Geld vollgestopft werden und ein Leben in Saus und Braus führen, nur mit Markenartikel herumrennen und superschwere Autos fahren – ich kann es ihnen nicht vorwerfen. Sie sind in einer Struktur drinnen, die das nur fördert. Da gibt es keinen, der sagt: Hey, bleib’ am Boden, überleg dir das, vielleicht hebst dir dein Geld auf, entscheidest später. Das hängt alles vom jeweiligen Umfeld ab, von den Führungspersönlichkeiten. Das ist auch die Mentalität. Da kann ich wieder nur Japan erwähnen: Wenn da Baseballspieler genauso hart wie Judosportler trainieren, weiß der genauso respektvoll umzugehen mit seinen Mitspielerin wie mit anderen, die andere Sportarten betreiben. Das ist ihre Mentalität, die man bei uns verloren hat. Wenn man es den jungen Sportlern vermitteln könnte, ihnen zeigen könnte: Hey, ihr seid privilegiert und nicht benachteiligt, würden sie auch von sich auch anders umgehen damit. Und nicht ständig darüber aufregen: Ich bekomm kein Geld, fahr auf dieses Weltcupturnier nicht, im Team rotweißrot bin ich auch nicht und die Sporthilfe zahlt nicht. Ja klar! Wenn du deine Leistung nicht bringst kommst du auch nicht in die Weltklasse! Dann hast du auch nicht das Privileg, dass du gefördert wirst. Aber da muss sich jeder Sportler am Riemen nehmen. Die regen sich ja nur deswegen auf, weil auch das Umfeld so reagiert.
OÖN: Ist dir eigentlich jemals Doping angeboten worden?
Filzmoser: Gottseidank nicht. Im Nachhinein weiß ich, dass es schon viele Sportler rund um mich gegeben hat, die etwas genommen haben. Aber aus meiner Naivität früher hab ich das nicht gecheckt, da bin ich mit der rosaroten Scheinbrille durch die Welt gerannt und hätte sowieso nie jemandem zugetraut in meinem Umfeld, dass der irgendwann mal was mit Doping zu tun haben könnte. Auch, dass das bei den besten Sportlern vorkommt, war nie in meinem Hirn. Wohl genau weil ich so naiv nach außen gewirkt hab’ und von der Ehrlichkeit so dermaßen überzeugt war, hat es wohl nie jemand probiert. Ich hätte jedem gesagt: Hast noch was in der Birne?
OÖN: Von wem am meisten enttäuscht, als du gehört hast, dass sein Name mit Doping in Verbindung gebracht wird?
Filzmoser: Das waren eher so meine jugendlichen Vorbilder, denen ich nachgeeifert bin. Das war halt ein Jan Ulrich, ein Jens Armstrong, und definitiv ein Christian Hoffmann, das geb’ ich zu. Ich weiß nicht, wie oft ich ihn in der Kraftkammer gesehen hab, am Ergometer oder da im Wald beim Laufen. Wo ich weiß, wie viel der überhaupt investieren muss, bis der auf so einem Level ist.
OÖN: Könntest du einem von ihnen gegenübersitzen?
Filzmoser: (denkt lange nach) Wenn andere Leute dabei sind, ja. Aber wahrscheinlich nicht unter vier Augen.
OÖN: Auf deiner Homepage steht in der Biographie aufgelistet: Der schulische Werdegang, darunter gleich dein Werdegang mit deinen Verletzungen…
Filzmoser: …entweder ich lösche sie dann mal raus. Oder… Die hab ich bis 2004 geführt, und ich werde so oft darauf angesprochen. Ich empfinde es nicht als abartig oder schräg, bis jetzt hat mich ja jede Verletzung wieder weiter gebracht. Nicht unmittelbar sportlich gesehen, aber geistig auf jeden Fall.
OÖN: Was ist (die Interviewerin blickt auf eine große Narbe auf der Oberlippe) da passiert?
Filzmoser: Da bin ich mit dem Mountainbike gegen die Heckscheibe von einem Auto geknallt. Genau in einer Kurve hat ein alter Mann, so ein Operl, sein Sonntagsfahrzeug abgestellt, weil er nicht in die Einfahrt gekommen ist. Da fahr ich jeden Tag, da kannst du normal nicht stehen bleiben. Ohne Bremsen Vollgas in die Heckscheibe. Die ist zersprungen und mich hat’s zurück auf den Beton gehaut. Es war alles aufgeschnitten, die Zähne waren weg.
OÖN: Hast du keine echten Zähne mehr?
Filzmoser: Nein, die Schneidezähne oben nicht mehr…
OÖN: Und wie hat dich dieses Erlebnis im Leben weitergebracht?
Filzmoser: Hmmm…Da gibt es etwas. Ich habe um elf Punkte die Olympiaquali für 2004 verpasst. Ich war das ganze Jahr immer mit der Claudia Heill unterwegs, sie hat die Quali geschafft, wir waren immer gemeinsam unterwegs. Ich wäre als Trainingspartnerin vorgesehen gewesen, dass ich wenigstens mitfliege. Und das wollte ich alles nicht, auch sie nicht, ich war ja in der Depri-Stimmung, sie voll motiviert. Dann dachte ich: Was tust du? Du kannst ja nicht nach Athen zuschauen fliegen, das bringst du nicht zusammen. Sie ist drauf, sie holt eine Medaille. Aber einerseits musst du dabei sein, andererseits bringst du es nicht über das Herz. Dann dachte ich mir, fliegst du halt nach Nepal. Einfach weg. Mein Unfall war genau einen Tag vorm Abflug. Also bin ich dazu gezwungen worden, dass ich mir die Spiele daheim anschaue vor dem Fernseher, am Ergometer, voll zu betoniert, und dann hab ich mich so gefreut. Das war ein emotionaler Moment, den werd ich nie vergessen, als sie Silber gewonnen hat. Ich wusste – egal wie du grad beinander bin, wie ich ausschaue, am nächsten Tag setzt dich in den Flieger und fliegst nach Athen. Genau das hab ich getan. Ohne irgendetwas, ohne Karte, ohne Hotel bin ich hin, nur um Claudia zu gratulieren, ihr um den Hals fallen, dann war für mich das alles erledigt. Athen war abgehakt. Das war für mich wie eine Heilung. Ein Anreiz, dass ich weitermache, nach vorne kämpfe, der Glaube dran, dass es auch bei dir funktionieren kann, auch wenn es dauert. Zeit spielt ja keine Rolle. Nepal hab ich dann ein Jahr später nachgeholt. Es rennt einem ja nix davon im Leben.
OÖN: Wann hast du eigentlich zum letzten Mal einen Schweinsbraten gegessen?
Filzmoser: Ich hab’ noch nie in meinem Leben einen eigenen Schweinsbraten gegessen. Vielleicht einmal bei meinen Eltern gekostet. Fleisch ist für mich eher Überwindung. Das esse ich nur, weil ich weiß, ich brauche Eiweiß für das Krafttraining und damit ich besser regenerieren kann.
OÖN: Klingt beinhart.
Filzmoser: Die Verhältnisse verschwimmen für einen Außenstehenden. Für mich ist das normal.
Durch die Südwand auf den Dachstein
Imposant. Mächtig. Gewaltig. Das Bergsteiger-Vokabular reicht nicht, also stehen wir sprachlos vor der Dachstein-Südwand. Filzmoser wollte aus dem Gipfelgespräch eine steile G’schicht machen, so wagen wir uns auf den Höhepunkt Oberösterreichs, den 2996 Meter hohen Dachstein. 1200 von 1600 Höhenmetern überwinden wir über eine Klettersteig-Trilogie. Dass diese eine der längsten der Welt ist, hat Filzmoser erst am Gipfel verraten...
Zurück zum Start, 7.30 Uhr, Parkplatz Südwandbahn in der Ramsau: Im halbstündigen Eilschritt geht’s vorbei an der Südwandhütte zum ersten Akt, der im Frühjahr errichteten „Anna“. 300 Höhenmeter liegen zum Aufwärmen vor uns. Adjustiert mit Klettersteigset und Helm geht’s im Stop-and-Go voran (ein paar Vorsteiger wollen von der Tour wohl besonders lange etwas haben), bis zum „Johann“, Teil zwei. Sein Einstiegsüberhang wird mit E klassifiziert, der zweithöchsten Klettersteig-Schwierigkeit. Die OÖN finden E extrem, Filzmoser wohl einfach – es wirkt elegant, wie sie sich mit reiner Armkraft über die Schlüsselstelle zieht. 800 Höhenmeter führen uns großteils über Stahlstifte senkrecht die Wand empor, bis wir die Seethalerhütte (2740 m) erreichen. Nach kurzer Rast queren wir den Gletscher zum Schulteranstieg. Flott geht’s dem Gipfel entgegen, flotter ist aber einer: Skyrunner Christian Stangl überholt uns – ja, den Dachstein visualisiert er nicht nur, er realisiert ihn auch. Filzmoser bewunderte den Steirer, bevor er sich den K2 erschummeln wollte: „Was er da getan hat, finde ich fast schlimmer als Doping.“ Ohne Hilfsmittel – die Vorzeigesportlerin lehnt den Schnaps eines Gipfelkollegen ab – schweben wir nach dieser Traumtour auf Wolke sieben. Und gemütlich in der Gondel zurück ins Tal...
Wer einsteckt, darf auch austeilen
Sabrina Filzmosers Schneidezähne fielen 2004 einem Radunfall zum Opfer. Mit einem blauen Auge fliegt die Weltklasse-Judokämpferin heute zum Grand Prix nach Abu Dhabi. Die Thalheimerin hat in ihren 30 Jahren viel eingesteckt, aber noch mehr ausgeteilt. So führt die 1,73 Meter große Vorzeigesportlerin aktuell das Olympia-Ranking bis 57 kg an, so hat Oberösterreichs Sportlerin des Jahres 2010 zwei WM-Bronzemedaillen (2005, 2010) eingesackt. Seit kurzem studiert Filzmoser (MBA für Japanische Kultur, Management und Budo). Und dann? „Ich hab’ schon so viel erfahren dürfen, daher brauch ich keinen Lebensplan à la: Mit 33 brauch’ ich Familie, mit 35 Haus und zwei Kinder.“
Der Autorin des Berichtes ist es gelungen
die Besonderheiten des menschlichen Phänomens herauszustreichen. Sabrina ist eine Ausnahme-Erscheinung. Ein Vorbild in Willenskraft, Ausdauer, Kameradschaft und Bescheidenheit. Ihr kann man nur wünschen, dass sie ihr sportliches Ziel Olympia-Erfolg in London 2012 erreichen kann. Für die sportlichen und freunschaftlichen Begleiter von Sabrina ist sie längst mehr als eine Olympiasiegerin.
Pistenspaß – „Besser kann es nicht sein“
OMV stößt auf große Gasquelle, bangt aber um Nabucco-Projekt
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