
OÖN: Ein mieses Wetter haben wir hier: Regen auf dem Sonnstein...
Liu Jia: …das passt gut zu meiner Stimmung. Seit April hab’ ich kein Turnier gespielt wegen meines Tennisarms, anfangs konnte ich nicht einmal einen Kugelschreiber heben, es tat höllisch weh. Ich war jeden Tag in Therapie, habe fast meine Geduld verloren. Jetzt geht es zur EM – und ich weiß nicht, wie lange mein Arm hält. Aber ich kämpfe bis zum Umfallen. Alles in allem war es ein schlimmes Jahr. Es hat mich auch ein Todesfall in der Familie ziemlich aus der Bahn geworfen.
OÖN: Gibt es einen Glauben, der dich in deinem Leben gefestigt hat?
Liu: Ehrlich? Ich weiß es nicht. Chinesen haben offiziell keine Religion. Ich sag’ zwar auch, „Oh, mein Gott, hilf mir, bitte“ und hoffe, dass es jemanden gibt, der hilft, wenn du verzweifelt bist. Aber ich kann mich keinem Glauben zuordnen.
OÖN: Welches Gefühl hattest du unter dem Gipfelkreuz?
Liu: Es war ein wenig unheimlich, Jesus am Kreuz zu sehen. Aber es hat in mir großen Respekt hervorgerufen. Da zu stehen heißt, ein Ziel zu erreichen und Mühen zu überwinden. Und meine Höhenangst…
OÖN: Du hast begonnen, den Hauptschulabschluss nachzuholen. Warum?
Liu Jia: Ich war lange unzufrieden, dass ich nicht viel aus mir gemacht habe. Ich wusste immer, dass ich studieren will, hatte aber nie einen Zugang. Jetzt hab ich ihn, es ist ja nie zu spät. Ich lerne mit Kindern aus aller Herren Länder, manche von ihnen sind vor dem Krieg geflüchtet. Manchmal lade ich sie zu mir ein, da lesen und kochen wir, haben Spaß. Sie erzählen mir auch ihre Geschichten über Asyl und ihre Flucht. Die sind teilweise so hart wie in einem schlechten Hollywood-Film. Oft haben wir geweint.
OÖN: Als du mit 15 Jahren alleine von Peking nach Linz übersiedelt bist, wie ist es dir gegangen? Wie Heidi in Frankfurt, nur umgekehrt – hat dir der Rummel statt der Ruhe gefehlt?
Liu: Es war wirklich ein Kulturschock. Von 18 Millionen Menschen zu 200.000. Ich hatte Angst. Als ich vom Flughafen hergefahren bin, fragte ich mich: Wo sind all die Leute, der Verkehr, das Business hin? Ich dachte, ich bin verloren. Wohler hab’ ich mich gefühlt, als ich die Sprache ein bisschen beherrschte und wusste, bei welcher Straßenbahnstation ich aussteigen muss.
OÖN: Wie wurdest du in Linz aufgenommen?
Liu: Sehr herzlich, eine Unfreundlichkeit hab’ ich nie gespürt. Ich glaube, das beruht auf Gegenseitigkeit. Wenn man sich bemüht und Deutsch lernt, wird man akzeptiert. Manche Österreicher glauben aber trotzdem, ich muss einen Schweinsbraten oder ein Schnitzel essen, aber das ist nicht Integration für mich. Ich will nie meine Wurzeln verleugnen. Das ist das Schöne im Sport: Da gibt es keine Grenzen. In Linz sind wir Champions-League-Sieger geworden – mit einer Tschechin, mit einer Ungarin, mit mir.
OÖN: Was würdest du Heinz-Christian Strache sagen, wenn er vor dir steht?
Liu: Wenn er irgendwohin ins Ausland kommt, dass ich ihm wünsche, dass er gut behandelt wird. Ich kenne ihn nicht und will ihn nicht beleidigen, aber er muss sehr arm sein, wenn die Welt in seinem Kopf so klein ist. Wir leben im Jahr 2010, da ist die Welt so global. Ich habe auch einen Freund, der bei der FPÖ ist. Wir reden aber nicht über Politik.
OÖN: Deine Eltern haben vor 13 Jahren ein junges Mädel, das überdurchschnittlich gut Tischtennis spielt, alleine nach Österreich ziehen lassen. Deine Mama hat dich damals auch geschlagen. Wie ist heute euer Verhältnis?
Liu: Ich versuche, alles zu verstehen. Die Disziplin, die sie mir eingedrillt hat, hat mir sicher nicht geschadet, sonst wär’ ich jetzt nicht so weit. Anfangs habe ich nie verstanden, warum sie so hart zu mir war. Aber sie wollte etwas aus mir machen. Sie war arm, denn wer eine Lösung mit Gewalt erzwingen muss, ist hilflos. Heute können wir offen über alles reden. Es ist ja der Ehrgeiz, der Menschen verrückt macht. Eine Lebenseinstellung hab’ ich mir aber mitgenommen: Wenn du immer nur auf die Probleme schaust, wirst du nie glücklich.
OÖN: Möchtest du in Linz noch einmal Kind sein?
Liu: Was du nicht kennst, fehlt dir ja nicht. Heute hab’ ich Kinder gesehen: Sie haben gelacht und geblödelt. Ich habe damals hart trainiert und in der Freizeit die Schule besucht. Ich hatte nie die Chance, Kind zu sein. Ich habe nur Tischtennis gekannt. Aber das war so. Ich möchte es nicht missen.
OÖN: Welches ist dein liebstes Fach in der Schule?
Liu: Geschichte.
OÖN: Welches scheust du?
Liu: Bildnerische Erziehung. Ich musste einmal meinen Schuh zeichnen. Die Lehrerin war schockiert. Sie hat mich gefragt, ob das mein Ernst sei.
Gipfel des Kleinen Sonnsteins besiegt, Handy verloren
Das erste Mal. Dieses Kribbeln. Die Bergwelt ist Neuland für Liu Jia. Wie eine kleine Gämse hüpft sie drauflos, als sie die OÖN zum Gipfelgespräch auf den Sonnstein oberhalb des Traunsees bitten. Die Wandertage mit der Schule in China seien immer ein Höhepunkt gewesen, erinnert sich Liu Jia, aber ihre einzige Erfahrung mit Höhenluft. Die Eltern hatten sie mit Rucksack samt Jause und Taschengeld auf den Weg geschickt. Heute hat sie nur ihr iPhone mit – sowie Schal und Haube, es schüttet wie aus Kübeln.
Bei Traunkirchen auf dem Parkplatz Siegesbach (423m) geht es los, erst ein paar Stufen, dann einen Waldweg entlang. Atemberaubend findet sie das – vor allem die Tiefblicke: „Ich habe Höhenangst!“ Bei einer Weggabelung biegen wir Richtung Kleinen Sonnstein (923 m) ab. Über leichten Fels, der bei Nässe zur Rutschpartie wird, passieren wir die Sonnsteinhütte. Nur noch ein Katzensprung bis zum Gipfel. Normal eröffnet sich hier ein traumhafter Blick ins Salzkammergut, heute versperren Wolken die Sicht.
Beim Rückweg machen wir vom Kleinen noch einen Aufschwung zum Großen Sonnstein (1037 m), doch wir kehren bald um. Turnschuhe und nasses Terrain vertragen sich nicht. Im Laufschritt geht es zurück zum Parkplatz, Liu Jias erstes Bergabenteuer ist im Ziel. „Wo ist mein Handy? Mein Handy?“, ruft sie aufgeregt. Sie hätte gleich sagen können, dass sie noch nicht genug hat. Eine halbe Stunde laufen wir suchend retour, hinter einem Stein finden wir ihr iPhone. Nass, aber funktionstüchtig. Glück gehabt.
Infos zur Wanderung finden Bergfreunde unter anderem auf: www.wandern.at
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