OÖN: Sie gelten als einer der Gründerväter des Linz-Marathons. Wie ist ihr Zugang zum Laufsport?
Roiss: Vor zehn Jahren hatte ich 110 Kilo und war eher unsportlich, dann hat mich Gerald Mandlbauer (Anm.: OÖN-Chefredakteur) angesprochen, ob ich nicht bei dem Projekt Linz-Marathon mithelfen möchte. Da wollte ich dann aber nicht beim Sponsoring dabei sein, sondern selbst mitmachen.
OÖN: Und wie war ihr erstes Mal?
Roiss: Eigentlich demotivierend, ich bin viel zu naiv an diese Sache herangegangen. Der Doktor Dallamassl hat mir von einem Start über die Marathon-Distanz abgeraten, ich habe mich aber trotzdem drüber getraut und mich dann im hinteren Teil des Feldes ins Ziel gekämpft. Es war verdammt hart. Seitdem habe ich einen Riesenrespekt vor den Leuten, die länger als vier Stunden bei einem Marathon unterwegs sind. Ich weiß, was das bedeutet. Am Ende des Feldes spielen sich die großen Dramen ab.
OÖN: Das war jetzt nicht gerade ein Plädoyer für den Marathon…
Roiss: Wie gesagt, mein Zugang war zunächst nicht gerade sehr geschickt. Aber der Sinn so eines Marathons ist ja vor allem das regelmäßige Training vor dem Rennen selbst. Man kann sich leichter aufraffen, wenn man so ein großes Ziel hat. Sonst gewinnt ja oft die Bequemlichkeit. Die regelmäßige Bewegung ist so wertvoll. Für mich ist das Lauftraining genauso wichtig wie ein Geschäftstermin. Ich kann mir mein Leben ohne dem Laufen gar nicht mehr vorstellen – und ich fühle mich jetzt jünger als vor zehn Jahren.
OÖN: Viele schauen auch beim Rennen immer wieder auf die Uhr und messen genau ihren Pulsschlag. Bedeutet Laufen nicht auch Stress?
Roiss: Nein, für mich bedeutet das Laufen Freiheit. Ich habe keine Uhr mit, kontrolliere auch nicht meinen Puls, hab‘ kein Handy und bin ganz bei mir. Da überdenke ich Entscheidungsabläufe, simuliere Entwicklungen und entwickle Strategien. Das ist fast wie Schachspielen im Kopf.
OÖN: Was macht Linz für sie zu einem speziellen Marathon?
Roiss: Es gibt hier eine besondere Atmosphäre. Die Stadt ist am Marathon-Sonntag irgendwie friedvoller, es ist ein wunderschönes Erlebnis, wenn man die ganzen Menschen sieht, die da unterwegs sind. Aus diesem Marathon ist ein richtiger Volkslauf geworden.
OÖN: Was haben Sie sich heuer vorgenommen?
Roiss: Leider zwickt mich seit einigen Tagen eine Zerrung, aber wenn es geht, möchte ich beim Jubiläum meinen letzten Marathon in Linz laufen, das wäre ein schöner Abschluss. Auf den ersten Kilometern begleite ich Franz Eng–leder. Der ist Teilnehmer einer von unseren sechs Blinden-Staffeln und ein toller Sportler. Seit ich mit ihm unterwegs bin weiß ich, wie gute Straßenverhältnisse es in Linz gibt. Ich muss ja ständig auf den Boden schauen, damit ich den Franz vor Hindernissen warnen kann.
OÖN: Wenn Sie unterwegs erkannt werden – sind die anderen Läufer mit Ihnen per Du oder werden Sie mit Herr Generaldirektor angesprochen?
Roiss: Bei den Läufern gibt es kein „Sie“. Mich hat einmal knapp vor dem Ziel ein OMV-Mitarbeiter überholt, mir auf die Schulter geklopft und „Hearst Oida, gib‘ Gas“ gerufen. Nach hundert Metern hat er sich umgedreht und gesagt: „Tut mir leid Herr Generaldirektor, ich hab‘ Sie nicht erkannt.“
OÖN: Gab‘s Konsequenzen?
Roiss: Ja. Wir sind dann gemeinsam bis ins Ziel gelaufen – das war ein sehr schönes Erlebnis, weil spürbar wurde, welches Gemeinschaftsgefühl bei so einem Marathon entsteht.
OÖN: Sie laden gerne Spitzensportler oder Trainer zu Vorträgen und Seminaren ein. Was kann die Wirtschaft von Leuten wie Toni Innauer lernen?
Roiss: Dieser Dialog ist sehr spannend. Der Sport bietet einige verlässliche und kreative Strategien an, die auch in der Wirtschaft gut funktionieren können.
Zur Person Gerhard Roiss
Geboren: 2. April 1952
Wohnort: Linz
Beruf: seit 1. April Generaldirektor der OMV
Hobbies: Laufen, Tennis, Kunst, Architektur
Privates: verheiratet, drei Kinder.
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