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Wo Gold auf Bäumen wächst

Die runden Häuschen namens Trulli sind der Besuchermagnet Apuliens. Bild: Tauber

Wo Gold auf Bäumen wächst

Der Mezzogiorno, Stiefkind-Region Italiens, verfügt (noch) über einen speziellen Reichtum, berichtet Reinhold Tauber.

Von Reinhold Tauber, 16. September 2017 - 15:00 Uhr

Wer von dem hoch gelegenen, rätselhaften mittelalterlichen Castel del Monte in einem Nationalpark nach Osten schaut, sieht zwei Meere. Jenes am Horizont ist blau, ist Wasser, Meer. Das uns nähere ist grün. Hier wächst, was die Leute als ihr Gold betrachten, weil es für Arbeit und Brot sorgt: Ölbäume.

Das weite Land ist Apulien, ein Teil des Mezzogiorno. Was da im Süden vorgeht, war Rom lange Zeit schnurz, nur allmählich dämmert im Quirinalpalast die Einsicht, denen da unten müsse man mehr unter die Arme greifen als bisher.

Wir sind also unterwegs in Apulien, der Ferse des italienischen Stiefels, flächenmäßig eineinhalbmal so groß wie Oberösterreich, aber mit dreimal so vielen Einwohnern, was angesichts der weiten Kulturlandschaften seltsam erscheint, doch die Bevölkerung massiert sich in den großen Städten der Region. Sie lebt(e) hauptsächlich von ihrem grünen Reichtum mit dunklen Früchten.

Bedrohte Ölhaine

Apulien deckte bisher mehr als 50 Prozent des italienischen Bedarfs an Olivenöl ab. Doch in den oft unübersehbar großen grünen Meeren lauert auch deren Tod. Er nennt sich "Xylella fastidiosa", etwas besser zu merken als "Feuerbakterium", das eine Austrocknung und daher das Absterben der Pflanze bewirkt. Derzeit eine der fürchterlichsten Seuchen, von denen viele Ölhaine Südeuropas betroffen sind. 2013 trat der von Amerika eingeschleppte und von Zikaden übertragene schleichende Tod, gegen den auch die oft jahrhundertealten Baumveteranen machtlos sind, erstmals auf, hat sich inzwischen auf das Dreißigfache der ursprünglich befallenen Flächen, auf 230.000 Hektar, ausgedehnt. Die Flächen müssen radikal gerodet werden. Die Ernteverluste betragen schon die Hälfte früherer Erträge, das Land verzweifelt. An der Universität von Foggia wird an einem natürlichen Abwehrmittel gearbeitet, doch kann noch von keinem Ergebnis berichtet werden. Apulien ist also jetzt die Achillesferse des Stiefels. Dazu kommt, dass der Tourismus statistisch noch nicht Schritt hält mit den landschaftlich und kulturell viel reicheren mittelitalienischen Regionen Toskana, Umbrien oder Emilia-Romagna. Das Land ist eine stillere, bescheidenere Schwester der reichen nördlicheren Regionen. Die Städte und Ortschaften trumpfen nicht mit Renaissance- und Barock-Ensembles. Natürlich gibt es Kirchenprunk, aber die historischen Stadtkerne der Städte wirken abweisend, eng zusammengekauert die Architekturen, manche Altstadt ist eine Geisterstadt wie jene von Tarent. Die kleineren Orte nutzen die Hänge, es geht steil stufenauf, stufenab, gassauf, gassab, etwa in Vieste oder Ostuni. Woran das Land überreich ist: Stadtbefestigungen und Kastelle – auch historisch bedingt durch den knappen Abstand zum Balkan ("Straße von Otranto"), wodurch Raubzüge im Sinn des Wortes praktisch nahe liegend wurden.

Dennoch hat das bisherige Armenhaus Italiens viel zu bieten, und das Tourismus-Marketing beginnt zu greifen. Es gibt Sandstrände von gewaltigen Dimensionen, kilometerlang (wie vor Vieste), es gibt Küstenlandschaften von atemberaubender Gestaltung, es gibt mit der verzweigten Tropfsteinhöhle von Castellana eines der imposantesten Naturwunder Europas dieser Art. Und es gibt die nur in dieser Region anzutreffende architektonische Eigenheit der "Trulli", Ein- oder Zweizimmer-Rundhäuschen mit ihren hochgezogenen spitzkegeligen Steindächern. Alberobello ist die einzige noch ursprünglich erhaltene bewohnte Kommune dieser Art, sie wird gehandelt und behandelt wie ein Museumsdorf.

Küchen- und Kellerköstlichkeiten

Am Sporn der Land-Ferse liegt das wilde Naturschutz- und Wandergebiet des Gargano mit der Pilgerstadt Monte Sant’Angelo. Die alten Städte Ostuni (die "weiße" Stadt), Lecce, Bari, hübsche Uferstädte mit ihrem gut entwickelten und weiter ausbaufähigen Freizeitangebot – Erholung und Sport zu Wasser und zu Lande –, sind des Besuchs allemal wert, von den regionalen Küchen- und Kellerköstlichkeiten gar nicht zu reden.

Apulien ist berühmt für Brot: Pane di Altamura, Pane Casareccio, Puccia di pane sind nur einige Namen. Wer da nicht zum Brotesser wird, dem haben sie die Geschmacksknospen von der Zunge geschabt. Man möchte zwar zuweilen eine Flex dabeihaben, um die (köstlich mundende) Kruste zu durchschneiden. Die Brot-Qualität ist selbst bei bescheidenen Hotel-Frühstücksangeboten vom Feinsten. Das liegt an der speziellen Getreideart des Landes, die auch den Teigwaren ihren besonderen Adel verleiht. Harte Schale, weicher Kern: wie die Menschen, die oft verschlossen wirken, aber bei gesuchter Begegnung und Bekundung von Verständnis für ihre Lebensart und ihre Probleme aufgehen. Man soll zu ihnen reisen.

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