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Stutenmilch, Steppe und der Horizont

In der kasachischen Steppe schweift der Blick über endlose Weiten bis zum Horizont. Bild: Westwards

Stutenmilch, Steppe und der Horizont

KASACHSTAN. Das neuntgrößte Land der Erde – doppelt so groß wie Deutschland, Frankreich und Spanien zusammen – ist touristisch fast bekannt. Zwei reisefreudige Frauen wagten sich in die endlose Steppe und trafen auf gastfreundliche Menschen.

Von Natascha Thoma und Isa Ducke, 05. November 2011 - 00:04 Uhr

Welcome“, schreit eine Kinderstimme in den Kleinbus. Wir sind in Korgalzhyn angekommen. Auf der dreistündigen Fahrt haben wir seit der Hauptstadt Astana nur Steppe gesehen: Der Horizont eine gerade Linie zwischen dunkelblauem Himmel und gelbem Steppengras. Außer uns fahren ein zahnloser alter Mann, zwei stark geschminkte Frauen in kurzen Miniröcken und sieben rundliche Hausfrauen in geblümten Synthetikkleidern mit.

In Korgalzhyn in der kasachischen Steppe haben wir einen Aufenthalt bei einer Gastfamilie arrangiert. Bibi Nur und ihre zwölfjährige Tochter Seika holen uns von der Bushaltestelle ab. Sie sind aufgeregt, denn wir sind die ersten ausländischen Gäste der Familie. Von der Vermittlungsagentur haben sie eine Liste mit englischen Wörtern bekommen. „Gabel! Messer! Gebratene Eier!“, versuchen wir beim Abendessen mit unserem bescheidenen Vokabular eine Konversation auf Englisch und Russisch. 15 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion ist Russisch die Verkehrssprache geblieben, obwohl die Landessprache Kasachisch zu einer anderen Sprachfamilie gehört.

Viele neugierige Besucher

In den Sommermonaten stellen die meisten Familien eine Jurte wie ein kleines Zirkuszelt im Garten auf. Die Wände im Inneren sind mit Teppichen behängt. Wir sitzen auf mehreren Teppichschichten auf dem Boden. Neben der Holztür brummt ein Kühlschrank, daneben an der Wand hängt ein Telefon. Im Laufe des Abends schauen immer mehr Verwandte, Nachbarn und Freunde vorbei, nicht zuletzt um uns, die Ausländerinnen, in Augenschein zu nehmen.

Auf den niedrigen Tisch in der Mitte der Jurte stellt Bibi Nur immer neue Teller mit warmen Baursaki, einer Art frisch ausgebackener Krapfen. Dazu trinken wir Kumys, das kasachische Nationalgetränk. Die vergorene Stutenmilch enthält 1,5 Prozent Alkohol. Die Männer trinken auch Wodka. Gesprochen wird wenig, und wenn, dann vergehen oft Minuten, bis jemand antwortet. Die Gespräche drehen sich um Nachbarn, Pferde und die Ernte.

„Die neue Hauptstadt Astana ist so modern, dass sie bald als Filmkulisse in Science Fiction-Filmen weltweit bekannt werden wird“ schwärmt ein junger Mann. Marat, der Hausherr, ist Folkloremusiker. Er spielt die Dombra, ein traditionelles Saiteninstrument, und singt selbstkomponierte Lieder. „Korgalzhyn! Astana! Oh, Korgalzhyn!“ fallen Nachbarn und Familie mit tränenfeuchten Augen in den Refrain ein.

Am nächsten Morgen steht ein klappriger weißer Jeep vor dem Haus. Bald rumpeln wir über Sandpisten ins Vogelschutzgebiet der Korgalzhyner Seen. „Adlerbussard“ grunzt Timur, unser Fahrer. Der Raubvogel landet gleich neben uns auf einem Stein. Nach einer Stunde Fahrt erreichen wir den Tengiz-See, den mit einer Länge von 40 Kilometer und einer Breite von 20 Kilometer größten See im Vogelschutzgebiet. Das Wasser ist so salzhaltig, dass Fische darin nicht überleben können. Hier ist das nördlichste Brutgebiet der Rosaflamingos. Wir holpern am Seeufer entlang und starren angestrengt durch Timurs riesiges grünes Armeefernglas auf die Wasserfläche. Endlich, ein rosa Fleck! Weit draußen auf dem See landet eine Formation Flamingos. Außer den Flamingos kommen noch 200 weitere Zugvogelarten zum Brüten an diese Seen. In dem salzigen Wasser gedeihen Mikroorganismen, von denen sie sich ernähren, erklärt Timur weiter – vermuten wir. Verstanden haben wir aus dem Schwall Russisch eigentlich nur „Vögel, viele, 200 im Sommer“ und „Mikroorganismus Artemia Salina“ begleitet von einer Essensgeste. Als wir gegen 14 Uhr zurückfahren, ist uns zwar bewusst, dass Timur den Ganztagesausflug verkürzt hat, wir sind aber zu wenig Hobby-Ornithologen, um enttäuscht zu sein.

Auf Kasachisch Saunieren

Zurück im Dorf erwartet uns Bibi Nur. Auf dem Tisch steht schon die Milchsuppe mit Kartoffeln und Nudeln. Dazu gibt es frisches weiches Brot, selbstgemachte Brombeermarmelade und Sauerrahm. Jetzt ist auch die Banja angeheizt. „The bath is ready“ liest Bibi Nur aus ihrer Vokabelliste ab. Das Familienbad ist in einem eigenen Gebäude im Garten untergebracht. Ein von außen geschürtes Holzfeuer lodert unter dem großen Wasserbottich im Saunaraum. Zuerst schrubben wir uns im Waschraum sauber. In eine blaue Plastikwanne zapfen wir etwas vom kochenden Wasser ab und mischen es mit kaltem aus einer Tonne. Die Dusche besteht aus einem roten Plastiknapf mit Stiel, mit dessen Hilfe wir uns gegenseitig mit heißem Wasser übergießen. Am Schluss geht es in die dampfgeschwängerte Sauna. Wohlig ausgelaugt wanken wir schließlich zurück in die Jurte, wo schon wieder Nachbarn sitzen und Kumys trinken. „Slyokum Parum!“ rufen sie alle fröhlich, als sie unsere erhitzten Gesichter sehen. Ein spezieller Saunagruß, erklärt uns Bibi Nur: Man sagt es zu Leuten, die gerade aus der Banja kommen. Heute gibt es Wassermelone zum Kumys und das Gespräch mäandert um einen Traktor. Später am Abend holt Marat die Verstärkeranlage und seine Konzertaufnahmen heraus und singt mit sich selbst im Chor. Viel zu spät sinken wir in unsere Betten.

Am nächsten Tag holt uns der Kleinbus direkt vor dem Haus ab und bringt uns zurück in die futuristische Hauptstadt Astana.

Informationen

Anreise: nach Astana ab Wien mit Transaero über Moskau ab ca. 600 €; Di/Fr/So direkt mit Austrian (ab 1100 €); ab Salzburg mit Lufthansa (Mi/Sa) oder Austrian über Frankfurt bzw. Wien ab ca. 1100 €.

Visum: Österreicher benötigen ein Visum für die Einreise. Das Visum muss rechtzeitig vorher bei der kasachischen Botschaft (Wipplingerstraße 35, 3. Stock, 1010 Wien, www.kazakhstan.at) beantragt werden. Bei Ausflügen in grenznahe Naturschutzgebiete sind zusätzliche Genehmigungen erforderlich. Frühzeitig planen!

Kosten: Kasachische Währung: Tenge. Das Preisniveau ist deutlich niedriger als in Europa, aber Hotels, Restaurants und Touren können fast europäisches Preisniveau erreichen. Arrangierte Homestays kosten ca. 30-40 Euro pro Person (Vollpension).

Programm: Ecotourism Kazakhstan organisiert Homestays in Korgalzhyn und anderen Naturreservaten. Ein Fahrer zu den Salzseen kann arrangiert werden: www.ecotourism.kz

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