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Mit Schirm, Charme und Wetterglück

Das muss die Wolke sieben sein, und darunter liegt mit dem Achensee das Paradies für Paragleiter. Eintauchen muss man nicht, es gibt auch großzügige Landeplätze auf Wiesen. Bild: Andreas Lattner

Mit Schirm, Charme und Wetterglück

Dort, wo sich sonst nur Bergdohlen vom Gipfel erheben, startet Akrobatik-Weltmeister Mike Küng mit Gleitschirmfliegern in die Luft. Hier am Achensee darf sich jeder als Aufsteiger und Überflieger fühlen. Marlies Czerny fiel aus allen Wolken

Von Marlies Czerny, 18. Juni 2016 - 00:04 Uhr

Wie beim Universum bestellt, öffnet sich punktgenau auf dem Gipfel der Haidachstellwand ein kleines Fenster zwischen den Wolken. Es zeigt in die Freiheit. Der Blick ist freigelegt auf den türkisblauen bis smaragdgrünen Achensee, der sich oberhalb der Inntalgemeinde Jenbach zwischen Rofangebirge und Karwendel bettet. "Kommt’s jetzt, schnell", sagt Mike Küng und breitet seinen Gleitschirm aus.

Taps, taps, taps... Wohoooo! Flugs sind wir weg. Groß war die Hoffnung wetterbedingt ja nicht. Umso erfüllender ist das Wow-Erlebnis, als wir nach wenigen Laufschritten abheben. Mike Küng fliegt voraus und wir folgen, wie Jungvögel dem Königsadler. Federn lassen wir keine, unsere Flügel sind ultraleichte Gleitschirme. Die sind mittlerweile so leicht, dass sie im Aufstieg nicht mehr ins Gewicht fallen.

So schweben wir auf Wolke sieben, und dann hinunter. Unser Landeplatz ist nur zehn Minuten entfernt. Trotzdem ein Moment für die Ewigkeit. Was machen unsere Wegbegleiter, die zwar Charme haben, aber keinen Schirm? Sie folgen uns mit großen Augen. In den unendlich atemberaubenden zehn Minuten kommen sie gerade mal über das Gipfelplateau auf mehr als 2000 Meter Seehöhe hinaus.

Danach müssen sie sich einen kurzen Klettersteig hinunter hangeln, im Gatsch stapfen und über Schneefelder weitergehen und legen das letzte Stück in der Gondel zurück. Dem Himmel sei Dank: Wir dürfen f-l-i-e-g-e-n!

Die vergangenen Stunden waren wir Überflieger noch die Aufsteiger des Tages. Wir sind zwei Stunden gewandert und geklettert, waren ummantelt von einer dicken Nebeldecke, bei der man sich im eigenen Bett lieber noch einmal umdrehen würde, als mit der Rofanbahn den aussichtslosen Weg in die Tiroler Berge anzugehen. Doch unser Bergführer Andreas Nothdurfter und Flugbegleiter Mike Küng waren so optimistisch, dass man trotz trüber Wetterprognose einen freudigen Tag erwarten durfte. Sie kennen ihre Hausberge wie Hochiss, Unnütz, Guffert, Zwölferkopf und

Schokoladentafel viel besser als Ausflügler aus Oberösterreich. Und wenn’s mit dem Fliegen nicht geklappt hätte, wären wir immerhin draußen gewesen. Wären wir halt auf dem Boden geblieben... Doch nun fliegen wir über saftige Wiesen, die von schroffen Kalkfelsen durchschnitten werden. Ehe das Idyll zum See abfällt, gleiten wir knapp über die Bergstation hinweg. Hier hat unser Abenteuer seinen Ausgang genommen.

Doch einfach am üblichen Startplatz den Schirm auslegen und hinunterfliegen, das ist den Hike&Fly-Profis zu langweilig. Die steilen Typen vom Achensee haben sich zusammengetan und bieten ein neues, außergewöhnliches Programm an. "Wir verdienen uns den Flug von einem der schönsten Startplätze. Und deshalb wählen wir nicht den kürzesten Weg, sondern den schönsten", sagt Andreas Nothdurfter, der die "Ground-Control" über hat, während Mike Küng die Kommandos im Luftraum übernimmt. Wer keinen eigenen Gleitschirm samt Lizenz und Erfahrung besitzt, der darf mit dem Profipiloten im Tandem abheben. Das alles kostet zwar ein bisschen Schweiß und hat seinen Preis (Infos im Kasten auf der vorigen Seite, Anm.), macht aber Lust auf mehr: vor allem auf nie mehr runter hatschen vom Berg ... Das trifft sich gut, nie war fliegen leichter: Die leichtesten Ausrüstungen, die allen hohen Sicherheitsstandards entsprechen, wiegen keine fünf Kilogramm. Im Tandem-Modus müssen die Passagiere auch rund fünf Kilo auf dem Rücken bei-tragen. Über Wege, die nicht jeder geht. Aber das alles ist wieder vergessen, wenn man schwerelos zum Achensee gleitet. Auf 929 Meter Seehöhe liegt dieses Traumrevier für Gleitschirmflieger. Thermisch begünstigte Hänge ermöglichen es sehr oft, mit den Bergdohlen gen Himmel zu schweben. Und die Füße und Seele baumeln zu lassen, wenn sich durch ein Wolkenfenster ein Stück Freiheit öffnet.

 

"Wenn er kotzt, kotzt er"
Seine Zeit vergeht im Flug: Paragleitprofi Mike Küng

„Wenn er kotzt, kotzt er“

Mike Küng über sein verrücktes Leben in der Luft

Irgendwann hat „Mad Mike“ Küng zu zählen aufgehört. Es könnte so zirka der dreizehntausendvierhundertzweiundsiebzigste (in Zahlen ausgedrückt: 13.472) Flug gewesen sein, den der Fixstern am Fliegerhimmel mit den OÖNachrichten im Rofangebirge unternommen hat. Nach einer Punktlandung in seiner Wahlheimat am Achensee erzählt der Gleitschirm-Lehrer, Entwickler, Tester und Extremist über seine Höhen, Tiefen und jene seiner Passagiere – und ganz neue Perspektiven, seit er Papa geworden ist.

OÖNachrichten: Bei Tandemflügen haben Sie sehr oft Leute mit, denen das Fluggefühl völlig neu ist. Was raten Sie ihnen?

Küng: Ich versuche, den Flug so angenehm wie möglich zu gestalten. Frage, wie es ihnen geht. Und passe die Manöver an. Ich möchte nicht den Standard-Tandemflug machen, das „Taxifliegen“ interessiert mich nicht. Ich möchte den Leuten den Sport näher bringen, auf die Schönheiten hinweisen, sie informieren und ordentlich betreuen.

Und wenn das die Passagiere anfangs gar nicht als angenehm empfinden?

Dann sind sie meist gestresst. Ich habe gute Erfahrung mit der richtigen Atemtechnik gemacht. Ich weise sie darauf hin, horizontal zu blicken, intensiv in den Körper zu atmen. Bei Flügen unter 20 Minuten läuft es aber so gut wie immer traumhaft ab. Bei ganz wenigen Ausnahmen kannst du nichts mehr tun: Wenn er kotzt, dann kotzt er.

Was wollen Sie den Leuten mitgeben im Fluge?

Ich mag den Leuten das Erlebnis vor Augen führen. Wenn man ihnen erklärt: „Schau, jetzt steigen wir in der Thermik über den Gipfel hinaus“ – oder „Schau, wir fliegen direkt über dem See“, dann fangen sie erst an, genau zu betrachten. Ich bin kein Fan davon, wenn die Leute selber filmen. Sie bekommen das Ganze dann gar nicht so mit. Darum filme ich für sie.

Ihr Spitzname lautet „Mad Mike“. Wie verrückt ist Mike heute noch mit 48 Jahren?

Als verrückt möchte ich nicht gelten. Mir war auch bei Extremprojekten immer wichtig, alles so gut wie möglich zu kalkulieren. Der Name stammt aus einer Zeit, in der wir selber noch nicht viel über den Sport wussten, als alles neu war. Wir waren eine Clique von jungen Wilden und haben das Akrobatikfliegen ausprobiert. In den Augen von anderen waren wir „mad“. So kam es zum Spitznamen.

Was war der gefährlichste Moment in Ihrem Leben?

Ich habe viele extreme Sachen unternommen. Was oft gefährlicher war, als etwa vom Hubschrauber zu springen, waren die Anfänge bei den Gleitschirm-Tests. Das war früher Harakiri. Heute ist das Material wirklich top. Schlussendlich war wohl mein Höhenweltrekord das Gefährlichste. Auf mehr als 10.000 Meter aus einem Ballon auszusteigen, mit einer eher bescheidenen Ausrüstung, war körperlich am Limit. Da hatte ich kurze Zeit kein Bewusstsein mehr. Das hätte auch schiefgehen können.

Seit eineinhalb Jahren ist Ihre Tochter Nala auf der Welt. Was hat sich dadurch verändert?

Ein Kind verändert sehr! So ehrlich muss ich sein: Als Extremsportler ist man ein Egoisten-Schwein. Du hast nur dich selber im Kopf, sonst funktioniert das nicht. Als Nala geboren wurde, habe ich die Welt mit anderen Augen gesehen. Man nimmt sich selber nicht mehr so ernst und wichtig. Was gibt es Unwichtigeres als Gleitschirmfliegen für die Welt? Dadurch genieße ich den Extremsport mehr. Ich springe zwar noch immer von Ballons herunter und lasse mich im Job nicht beeinflussen. Aber ich bin anderen Menschen gegenüber anders geworden. Das hätte schon früher passieren dürfen...

 

Flugdaten - Die Entdeckung der Leichtigkeit

Nie war Fliegen leichter: Viele haben ein falsches Bild im Kopf: Beim Hike&Fly schleppen sich neuerdings nicht mehr mit 15 Kilogramm bepackte Menschen die Hügel hoch, um sich den Traum vom Fliegen zu erfüllen, es geht einfacher: Der leichteste zugelassene Schirm auf dem Markt trägt den Namen UFO (ultraleichtes Flugobjekt) der Tiroler Firma AirDesign und bringt nur 1,6 Kilo auf die Waage. Inklusive Leicht-Gurtzeug, Rettungsschirm, Rucksack, Airbag und Helm bleiben Sparmeister unter fünf Kilo. Geht das auf Kosten der Sicherheit? „Nein. Die Schirme sind alle sicher, weil sie hohen Sicherheitsauflagen wie EN-Normen unterliegen“, erklärt AirDesign-Chef Martin Gostner.    
    
Hike&Fly-Angebot am Achensee mit Mike Küng und Andreas Nothdurfter am 17./18. September, 22./23. Oktober und 5./6. November.

Voraussetzungen: gute Kondition, Trittsicherheit, Schwindelfreiheit.

Preis: 399 Euro pro Person.

Infos: www.achensee.com und www.madmikekueng.com

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