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Mit Ozeanriesen um die Wette radeln

Der Expressweg führt direkt entlang des Kanals – mit einer kurzen Ausnahme. Bild: OÖN/heb

Mit Ozeanriesen um die Wette radeln

Eine Tour mit dem Fahrrad entlang des Nord-Osstsee-Kanals hat einen eigenen Reiz: eben und doch abwechslungsreich, Ufer voller Leben und mit so mancher Attraktion.

Von Carsten Hebestreit, 23. September 2017 - 00:04 Uhr

Das "Moin" bitte kurz und knapp. Weder das "o" noch das "i" wird betont. Einfach nur "Moin". Morgens, mittags, abends. Immer. Radfahrer, Kinder, der Eisverkäufer, am Kiosk, Senioren, Spaziergeher – alle. Und überall. Ein freundliches Völkchen lebt an der Waterkant, der Nordsee. "Moin" – die Begrüßung ist herzlich.

Eben erst mit dem Euronight von Linz nach Hamburg gereist (118 Euro Sparschiene im Liegewagen), startete die Radtour beim Hauptbahnhof der Hansestadt. Links Richtung Elbphilharmonie (kostenloser Eintritt), vorbei an den Landungsbrücken, entlang des 1,2 Kilometer langen Sandstrandes an der Elbe. Romantische, putzige Häuschen säumen den Weg ebenso wie uralte Alleebäume. Hin und wieder zieht ein gigantisches Containerschiff vorbei, oder es starten die hochrückigen Beluga-Transportflugzeuge mit Airbus-Bauteilen von Finkenwerder Richtung Toulouse. Entlang und auf der Elbe gelten andere Dimensionen.

Bald verschwinden die prachtvollen Elbchaussee-Villen, und der asphaltierte Weg führt hinterm Deich entlang. Dort grasen unbeeindruckt Schafe, die Radfahrern nur selten Platz machen – und viel Verdautes auf dem Asphalt hinterlassen. Diesen Slalom kann kein Radfahrer gewinnen. Letztendlich entscheidet sich der Biker früher oder später nur noch, den großen Haufen und dem Dünnschiss auszuweichen. Der Rest pickt zwischen den groben Mountainbike-Stollen und fliegt im getrockneten Zustand beschleunigt durch die Fliehkraft durch die Luft. Egal, gehört dazu.

Radfahrer geben sich auf der Deich-Tour die Tore in die Hand – jene Tore, welche die Schafweiden trennen. Ein Vorgang, der ans Wandern über Almen erinnert und für Biker mit jedem Tor lästiger wird.

Mit Ozeanriesen um die Wette radeln
Ein Slalom der besonderen Art: hinterm Deich zwischen Schafen und deren Häufchen hindurchschlängeln.  
Bild: OÖN/heb

Vorbei an Fachwerkbauten

Vorbei am Kernkraftwerk in Brokdorf, das in den 1980ern als das Synonym für den Kampf gegen die Kernkraft galt, weiter nach Brunsbüttel. Dort steht das nächste AKW. Dazwischen schlängelt sich die Elb-Radroute vorbei an idyllischen Backsteinbauten mit Reetdächern, an Fachwerkbauten und riesigen Windkrafträdern. Zwischenstopps an kleinen Cafés in den Weilern seien unbedingt empfohlen. Die Gastgärten sind unübertroffen idyllisch-romantisch, die selbstgebackenen Köstlichkeiten verzaubern den Gaumen.

Der westliche Eingang zum Nord-Ostsee-Kanal, Brunsbüttel, lebt von der 106 Kilometer langen, am meisten frequentierten künstlichen Wasserstraße der Welt. Natürlich zahlen die passierenden Schiffe, natürlich haben sich Speditionen angesiedelt. Und eine nicht zu unterschätzende Einnahmequelle dürften wohl auch die Touristen sein, die das Spektakel mit den bis zu 235 Meter langen und 35 Meter breiten Schiffen anzieht. Bis zu 40,5 Meter ragen die Container- und Tankschiffe in die Höhe. Wegen des meterhohen Tidenhubs (Gezeiten) an der Elbmündung ist der Kanal mittels Schleusen verschlossen. Bis zu 45 Minuten dauert das Heben bzw. Senken der Mega-Schiffe.

Mehr als ein Dutzend Fähren verkehren zwischen den beiden Ufern. Die Überfahrten dauern ein bis zwei Minuten und sind überall kostenlos. Wie auch die drei Tunnel, die unter dem Kanal hindurchführen. Die kürzeste Strecke ans andere Ende des Kanals, nach Kiel, führt direkt an der Wasserstraße entlang. Der 106 Kilometer lange Weg, der einmal besser, einmal schlechter asphaltiert bzw. betoniert ist, wird "Expressroute" genannt. Als Bibel für Fahrradurlauber fungiert der Bikeline-Radführer (Esterbauer-Verlag). In der Ausgabe zum Nord-Ostsee-Kanal (NOK) wird die Streckenlänge allerdings mit mehr als 300 Kilometern angegeben – dank der vielen Ausflüge ins Hinterland.

Und noch ein Tipp: Die Smartphone-App "NOK – Der Nord-Ostsee-Kanal" ist kostenlos und ein Muss für alle Radfahrer, die Schleswig-Holstein auf dieser Route durchqueren möchten. Dort werden nicht nur reichlich Infos rund um das Gewässer, das einst Kaiser Wilhelm anlegen ließ, geliefert, auf einer Landkarte werden auch live sämtliche Schiffe inklusive Namen, Foto, Tiefgang, Länge usw. gelistet, die den Kanal befahren beziehungsweise kurz vor der Einfahrt stehen. Beliebte Fotomotive sind die Hochbrücken, die teils noch ausschauen wie die alte Linzer Eisenbahnbrücke – nur eben mit mindestens 42 Metern Durchfahrthöhe.

Fischbuden mit köstlichen Bratheringen, Matjesheringen (jeweils mit g’schmackigen Bratkartoffeln), Currywürsten und anderen Küsten-Köstlichkeiten warten in regelmäßigen Abständen entlang der NOK-Route.

"Langweilig? Nein, langweilig ist der Job nicht", sagt Hugo Schütt, der bei Steenfeld die Fähre bedient. "Man sieht immer neue Gesichter, und da kommen dann auch immer wieder Camper aus der Schweiz, aus aller Herren Länder, die immer mal wieder zum Schnaken (Tratschen, Anm.) rüberkommen", sagt der 57-jährige Kapitän, der auf der "Aufeld" seinen Dienst versieht. Das Fährschiff lief 1953 vom Stapel und ist eines von drei Exemplaren, die noch mit den Original-Hebeln bedient werden muss. "Alle anderen Fähren haben schon Joysticks", erzählt Schütt, der pro Schicht 120, 130 Mal von Ufer zu Ufer pendelt. Und immer voll konzentriert ist. "Sonst ist’s zu gefährlich."

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Fährmann Hugo Schütt  
Bild: OÖN/heb

Fähre krachte gegen Schiff

Der bekannteste Ort ist Rendsburg. Eine gigantische Eisenbahnbrücke spannt sich über den Kanal, an der Unterseite hing eine Schwebefähre – eine weltweit einzigartige Konstruktion. Allerdings stieß die Fährengondel 2016 mit einem Frachtschiff zusammen. Die denkmalgeschützte Fähre wurde irreparabel beschädigt. Es werde, verkündete die Stadt, eine neue Schwebefähre gebaut. Touristen wie Pendler streckten die Daumen in die Höhe – "Gefällt uns". Fertigstellung: 2019.

Auch der Wirt neben der Fähre vermisst den fliegenden Übergang. Der Gastronom errichtete vor 20 Jahren die "Schiffsbegrüßungsanlage Rendsburg". Jeder Tanker, jedes Kreuzfahrt- und Containerschiff wird mit Flagge und der jeweiligen Nationalhymne begrüßt. "Ich erzähle dann ein paar Details über die Schiffe wie Tiefgang, wohin sie fahren, woher sie kommen, was sie geladen haben", schildert Gerd Schindler, einer aus der Begrüßer-Crew. "Mal mehr, mal weniger – so viel ich eben weiß."

Das Wissen steht nicht nur im Internet (vesseltracker.com), sondern auch auf mehr als 3000 Karteikarten, die in der Station alphabetisch eingeordnet sind. Vorne stehen Name, Nationalität und ein paar Schiffsdetails darauf, hinten sämtliche Daten, wann das Schiff den Kanal passiert hat. "Manchmal hupen die Schiffskapitäne, wenn sie ihre Hymne hören", erzählt der 70-Jährige. "Dieser Tage hat ein Schlepper sogar eine kleine Runde gedreht!"

Nach weiteren 40 Kilometern ist das Ziel Kiel erreicht. Und damit die zweite Schleuse, der alte Leuchtturm aus Backstein, die Nordsee. Als Route zum Hauptbahnhof empfiehlt sich der Weg entlang des Meeres – vorbei an den skandinavischen Reedereien und ihren riesigen Schweden- und Norwegen-Fähren. Und, bei ein wenig Glück, auch an Kreuzfahrtschiffen aus der Aida-Reihe oder anderen Traumschiffen. Um Gusto zu holen für die nächste Reise.

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Die Eisenbahnbrücke in Rendsburg hat – wie alle anderen Übergänge – eine Durchfahrtshöhe von mindestens 42 Metern.  
Bild: OÖN/heb

Infos

An- und Abreise: Der Euronight (Linz ab 22.15 Uhr, Hamburg Hbf. an 8.36 Uhr) ist eine praktikable Direktverbindung mit Schlaf- und Liegewagen. Das Ticket für den Liegewagen (6er-Abteil) kostet auf der Sparschiene 118 Euro (inkl. Rückfahrt) plus 24 Euro für den Fahrradtransport. Für die Fahrt von Kiel nach Hamburg müssen 22,50 Euro (Schleswig-Holstein-Ticket) veranschlagt werden. Ein Tipp: Auf dem Rückweg in Elmshorn aussteigen und eine Runde durch die Stadt drehen. Und anschließend nach Hamburg weiterreisen.

Übernachtungen: Entlang der Route laden viele Hotels, Landhotels, Gasthöfe und Ferienwohnungen zum Übernachten ein. Wer mag, kann vorbestellen, denn zur besten Reisezeit (Juni bis August) sind viele Unterkünfte ausgebucht. Weil viele Anbieter nicht auf Internetportale wie booking.com vertreten sind, einfach einmal stehenbleiben und nach einem Zimmer fragen. Die Unterkünfte sind durchwegs günstig und sauber.

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Kommentare

„Kiel liegt an der O-S-T-S-E-E“ prankster Kiel liegt an der O-S-T-S-E-E
„Mann, ein bissl besser recherchieren oder den lektor rauswerfen:Schnaken sind Gelsen. “ prankster Mann, ein bissl besser recherchieren ode...

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