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Mehr als Knedlíky und Pivo

Brünn - Brno, die Hauptstadt Mährens mit rund 400.000 Einwohnern, ist eine junge Stadt mit vielen Studenten. Manchmal demonstrieren sie. Bild: haas

Mehr als Knedlíky und Pivo

Mähren will nicht länger das touristische Stiefkind Tschechiens sein. Ein Streifzug durch die Hauptstadt Brünn, UNESCO-Weltkultur in Architektur und Jugendstil-Kurorte.

Von Karin Haas, 11. November 2017 - 00:04 Uhr

Moravia, so heißt Mähren im Englischen. Moravia sagt auch unser "Guide". Er führt uns durch Brno. Brünn, die Hauptstadt von Moravia, hat gut 400.000 Einwohner und damit mehr als Island.

Es gibt hier viel k.u.k.-Kultur zu sehen. Aber das gibt es auch in Wien. Hier in Brünn und Mähren gibt es etwas, das es so konzentriert und gut erhalten nur hier gibt: funktionalistische Architektur, auch Bauhaus-Stil genannt.

Ganze Architekturklassen verneigen sich vor samt Inneneinrichtung erhaltenen Mies-van-der-Rohe-Villen, Hochhäusern, die wenige Jahre alt scheinen, aber aus den 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts stammen, und Industriekomplexen, die wie Verwandte der Linzer Tabakfabrik by Peter Behrens aussehen.

Doch der Reihe nach. Zuerst essen wir Vepro-knedlo-zélo, Schweinebraten mit Knödeln und Kraut. Dazu gibt es ein Pivo der Brauerei Starobrno, die, wie manche Tschechen leicht seufzend sagen, nun Heineken gehört.

Deftiges Essen gehört zu Tschechien wie die Marmelade in die Palatschinke, die Palacinky. Smetana, Schlagobers, muss natürlich auch sein.

Das aßen bereits die jüdischen Textil-Industriellen, die in Brünn Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts hier ansässig waren. Brünn galt damals als "das Manchester" der Festland-Textilproduktion. Das bedeutete viel Geld und viel Gestaltungswillen, auch was das Private betrifft. Villen schossen aus dem Boden, erbaut von den damaligen Vorreitern moderner Architektur, die als chic galten und gelten.

Die Villa, die der Textilindustrielle Franz Stiassni mit Gattin Hermine von 1927 bis 1929 von Architekt Ernst Wiesner erbauen ließ, wurde später von der Gestapo okkupiert.

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Villa Stiassni in Brünn, Ende der 1920er erbaut  
Bild: haas

Auch in der sozialistisch-kommunistischen Systemzeit war sie für die höchsten Häupter gerade recht. Als Staatsvilla beherbergte sie etwa auch den kubanischen Staatspräsidenten Fidel Castro.

Seit Ende 2014 empfängt das perfekt renovierte Schmuckstück in der Hroznová-Straße 14 in Brno jeden zum Rundgang im weitläufigen Park mit Tennisplatz und Pool. In der Villa gibt es ein Ankleidezimmer mit Einbaumöbeln aus Orangenholz, ein knapp 100 Jahre altes Badezimmer, das aussieht wie retro von heute und mit einer Zentralheizung, die damals der letzte Schrei war.

Das Ehepaar Stiassni wohnte mit Tochter Susanne nur neun Jahre in der Villa. Dann mussten sie vor den NS-Schergen fliehen.

Mies-van-der-Rohe-Villa

Sie teilen dieses Schicksal mit Fritz und Greta Tugendhat, denen wir (ebenfalls in Brünn) eine perfekt erhaltene Mies-van-der-Rohe-Villa samt Inneneinrichtung verdanken, die seit 2012 als UNESCO-Weltkulturerbe öffentlich zugänglich ist. Doch Achtung: Nur der Garten und damit die Betrachtung von außen geht ohne Voranmeldung. Wer sich für Führungen ins Innenleben interessiert, muss sechs Monate vorher buchen.

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Mies van der Rohe grüßt: Villa Tugendhat  
Bild: haas

Ein jüdisches Flüchtlingsschicksal hat auch die Industriellenfamilie Bata, die in der Stadt Zlín, eine Autostunde von Brünn entfernt, ihr Imperium betrieb. Groß wurde sie mit Schuhen, die für das österreichisch-ungarische Heer im Ersten Weltkrieg produziert wurden; 6000 Paar Stiefeln pro Tag. Als Mischkonzern beschäftigte Bata in Spitzenzeiten 40.000 Mitarbeiter. Funktionalistisch, geradlinig, mit viel blankem Ziegel und schnörkellos-wohltuend harmonisch, steht der Komplex inklusive Krankenhaus, Schule, Kino, Altersheim und ausgedehnten Arbeiterwohnsiedlungen da.

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Architektur pur: Die frühere Fabrik Bata in Zlin  
Bild: haas

Der Jolly Joker, der die Fahrt in die Industriestadt Zlin allein bereits lohnt, ist das "Bata-Hochhaus 21", erbaut 1937/38.

Eigentlich hat es "nur" 16 Stöcke und war damals das zweithöchste Gebäude der Welt. Was es so einzigartig und herausragend macht, ist der Lift. Er ist so groß wie ein Büro und beherbergte auch das Büro des Industriellen Jan Antonin Bata.

Büro im Hochhaus-Lift

Das Lift-Büro fuhr einfach die Etagen auf und ab und hielt dort, wo Herr Bata zu kontrollieren und zu besprechen pflegte. So kam der Chef zu den Mitarbeitern und nicht umgekehrt.

Heute kann das original erhaltene Lift-Büro bis hin zur Waschmuschel und dem Schreibtisch mit dem Telefon nicht nur besichtigt, sondern auch mobil "erfahren" werden. Man steigt in Etage 16 aus und genießt den Blick über das Barta-Gelände und Zlín.

Heute sind auf dem Barta-Areal Firmen und das Barta-Schuhmuseum eingemietet. Denn die Familie musste ebenfalls vor den Nazis fliehen und teilte sich auf Kanada und Brasilien auf. Sitz von Barta-Schuhe ist jetzt in Lausanne.

k.u.k. Nostalgie wie in Bad Ischl

Eine Sehnsuchts-Silhouette anderen Stils ist im Kurort Luhacovice zu bewundern; mit dem Auto nur 20 Minuten von Zlín entfernt. Wie überhaupt auch das Nächtigen in diesem "Bad Ischl" Mährens eine gute Idee ist.

Vor dem 1. Weltkrieg war dort Architekt Dušan Jurkovic zugange. Er pflegte eine Art Jugendstil mit folkloristischen Elementen und viel buntem Holz. Binnen kurzem entstanden in Luhacovice zwölf Jurkovic-Häuser. Eine Nacht im Jurkovicuv Dum der Lazenjski-Hotelgruppe direkt an der Kur-Promenade ist allein schon einen Besuch wert. Vom Jugendstil-Hallenbad bis zu den Zimmereinrichtungen, der Rezeption, dem Speisesaal und der Bar scheint die Zeit zurückgedreht. Der gesamte Kurort, ein Schmuckkasterl, erinnert an die Zeit, als hier die europäische Adels- und Geld-Schickeria Hof hielt.

Aus den 1930er-Jahren ist das Hotel Alexandria in Luhacovice mit einem "französischen Restaurant", Gemälden und einer original Spiegelwand aus dieser Zeit. Um umgerechnet ein Dutzend Euro kann hier mittags das Kurgäste-Menü eingenommen werden. Wenn man schon einmal in Mähren ist, kann Uherské Hradište, die Stadt König Ottokars II., mit einer netten Altstadt und einem Folklore-Museum, 40 Autominuten Richtung Brünn, "mitgenommen" werden.

In Brünn selbst ist für Nostalgiker das Hotel International ein Muss. Es ist ein "Best Western", war aber früher das Hotel der System-Ära. Inklusive Hubschrauber-Landeplatz, Bar, Empfangshalle und Rezeption ist alles reinster, funktionalistischer Kommunismus-Stil. Und das hat mittlerweile auch das Prädikat sehenswert.

 

Tipps

Essen: Stopkova pivnice: Brünn, Ceská 163/5, Bierlokal, große Portionen.

Wohnen: Hotel Augustiniánsky Du°m: A. Vaclavika 241, Luhacovice: schlossartige Villa mit Kapelle, Spa, Sterneküche, ab 110 Euro DZ; http://www.augustian.cz
Hotel Jurkovicu°v Dum: Lazenske namesti 436, Luhacovice: top renoviertes Jugendstilhaus,
Hallenbad, ab 70 Euro HP. reservation@badluhacovice.cz

Kultur: Villa Stiassni: Hroznová 14, Brünn, Anmeldung für Führung: vila@npu.cz
Villa Tugendhat: Cernopolní 45, Brünn, www.tugendhat.eu
Bata-Komplex: Správní budova c. 21, Zlín, Museum Montag geschlossen, info@14-14.cz

Gratis Info-Material: Tschechische Zentrale für Tourismus, Penzingerstraße 11-13, 1140 Wien Tel.: 01/89 202 99 wien@czechtourism.com www.czechtourism.com

 

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