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Japan versinkt im rosaroten Blütenmeer

Bild: EPA

Japan versinkt im rosaroten Blütenmeer

Unter den Kirschblüten wird gefeiert und getrunken, Radio und Fernsehen berichten landesweit über das Fortschreiten der Blütenpracht. Ganz Japan sieht für einige Wochen nur rosarot.

Von Natascha Thoma und Isa Ducke, 23. Februar 2013 - 00:04 Uhr

Rosa in allen Schattierungen, soweit das Auge blickt. Die Farbpalette der zarten Blüten reicht von reinem Weiß, über luftiges Babyrosé, bis hin zu kräftigem Pink. Dutzendfach wiederholt sich das Bild in LCD-Displays von Spiegelreflexkameras und spontan hochgerissenen Foto-Handys. Der knorrige Baum im Zentrum des Maruyama-Parks in Kyoto ist so alt, dass seine Blütenpracht durch eine Absperrung geschützt werden muss.

Vor einem kleinen rosa Kirschbaumhain steht eine junge Frau in einem aufwändigen Kimono in Schwarz, Rosa und Knallrot und betrachtet verträumt die Blüten. Dann wendet sie sich um und lächelt dem Fotografen etwas gekünstelt zu. Hinter dem erscheint jetzt auch der Bräutigam, ebenfalls im dunklen Kimono mit dem Hauswappen auf dem Rücken. „Wir haben eigentlich schon vor ein paar Wochen geheiratet“, gibt das Paar zu, „aber auf den offiziellen Hochzeitsbildern wollten wir unbedingt die Kirschblüte haben!“

Überhaupt sind auffällig viele Japanerinnen im Kimono unterwegs, denn das traditionelle Kleidungsstück sieht nicht nur auf den Erinnerungsfotos gut aus, sondern gewährt in Kyoto zur Kirschblütensaison auch freien Eintritt zu vielen Tempeln und Landschaftsgärten. Angesichts der Zahl der Sehenswürdigkeiten in Kyoto lohnt sich das. Die meisten Touristen sind Japaner, die eigens angereist sind, um die Kirschblüte, die Essenz japanischer Ästhetik, hier in der alten Kaiserstadt zu erleben. Mit saisonalen Reiseführern unter dem Arm, in denen die besten Standorte fürs Fotografieren vermerkt sind, machen sie sich auf den Weg zum spektakulär gelegenen Kiyomizu-Tempel und zum Philosophenweg, einem kirschblütengesäumten Pfad am Ufer eines kleinen Kanals.

Ob rosa oder weiß, getupft oder in üppigen Trauben, das hängt von der Baumsorte ab – insgesamt gibt es um die dreihundert Variationen der japanischen Kirsche, Sakura. Am verbreitetsten ist die schnell wachsende Somei-Yoshino-Kirsche mit zarten, fünfblättrigen, fast weißen Blüten. Etwas seltener sind die „Chrysanthemen-Kirschen“, deren Blüten mit ihren bis zu hundert Blütenblättern buschige weiche Bälle formen, und die Trauerkirschen, deren Äste von der Last der Blüten auf den Boden heruntergezogen scheinen. Die unterschiedlichen Kirschbaumarten werden nicht nur wegen des breiteren Farbenspektrums angepflanzt, sondern auch, weil ihre Blüten zeitlich versetzt aufgehen und sich die sprichwörtlich kurze Kirschblüte so auf mehrere Wochen strecken lässt.

Die zarten Blüten, die im ersten lauen Frühlingswetter so wunderbar aufblühen, aber nach kurzer Zeit schon wieder verwelken oder, was häufiger ist, einem Schnee- oder Regenschauer zum Opfer fallen, sind in Japan zu dem Symbol für Vergänglichkeit geworden. Seit Jahrhunderten stehen sie für den abrupten Tod in der Blüte des Lebens. Im mittelalterlichen Japan galt die Bereitschaft dazu als heroisches Ideal der Samurai-Krieger. Deren vom Zen-Buddhismus geprägte Philosophie und Kunst betonen die Unbeständigkeit aller Perfektion: Aus dieser Ästhetik erwächst der Kult um die rosa Blüten.

Bereits ab Anfang März blühen im wärmeren Kyushu in Südjapan die ersten Kirschbäume. Von nun an verdrängt eine Art Wetterkarte in unterschiedlichen Rosatönen zunehmend die politischen Krisen und das Ende des Fiskaljahres aus den Hauptnachrichten. Das Vorrücken der sogenannten Kirschblütenfront beschäftigt die japanische Nation. Landesweit befassen sich Meteorologen damit, möglichst genau den Beginn der rosa Pracht für die großen Städte wie Kyoto, Osaka und Tokyo zu errechnen.

Abgestellt zum Platzbesetzen

Auf den Rasenflächen im Maruyama-Park sind bereits am Vormittag 10 bis 15 Quadratmeter große Claims mit grellblauen Plastikplanen abgesteckt. Ein junger Mann im Anzug sitzt etwas verloren zwischen Kühltaschen und Tüten und liest in einem Taschenbuch, ohne der Blütenpracht rundum sonderliche Beachtung zu schenken. „Ach, unsere Firmenparty fängt erst am Spätnachmittag an, aber für so viele Leute muss man rechtzeitig einen Platz belegen“, erklärt er. Der Park gilt als eine der Top-Locations für das Hanami, das Blütenbetrachten, und so werden jüngere Angestellte abgestellt, das abendliche Vergnügen zu sichern. Dabei ist die Kirschblüte im Park rechnerisch erst bei „Fünf Achteln“ angelangt. In der Touristeninformation im Bahnhof hängt eine tagesaktuelle Liste, die darüber informiert, wie weit die Kirschblüte in den öffentlichen Parkanlagen fortgeschritten ist, denn selbst innerhalb einer Stadt gibt es, je nach Hanglage oder vorherrschender Baumsorte, merkliche Unterschiede.

Der Brauch des Hanami existiert bereits seit dem achten Jahrhundert. Damals war das süße Nichtstun in der Natur noch ein Vorrecht des Hofadels, der unter Kirschblüten dem Sake zusprach und sich dazu in klassischer Dichtung erging. Heute wird in den japanischen Parks zwar nicht mehr gedichtet, doch den Brauch des Reisweinkonsums hat man beibehalten. Kein Wunder, zeigen die Blüten doch nur den ersten Beginn des Frühlings an. Bei abendlichen Temperaturen von oft nur um die zehn Grad muss der Wärme von innen nachgeholfen werden.

Eine Woche später ist die „volle Blüte“ auch im Ueno-Park in Tokyo angekommen. Eine Handvoll Senioren in Kimonos führt getragene Tänze auf, mit bedeutungsschweren Bewegungen wird der Faltfächer geschwenkt. „Sakura, saaaakuraaa“, schmachtet ein altes Kirschblütenlied dazu aus dem mitgebrachten Kassettenrekorder. Hausfrauenclubs überbieten sich gegenseitig mit selbstgemachten Reisbällchen, Hors d’œuvres und kleinen Küchlein.

Die Firmenabteilung gegenüber besteht aus einem Dutzend Männern in dunklen Anzügen. Alle haben korrekt die Schuhe vor der blauen Plane aufgereiht und sitzen nun in Strümpfen vor identischen Pappschachteln, bedruckt mit rosa Kirschblüten und gefüllt mit Häppchen von Reis, Gemüse und Fisch – das saisonale Hanami-Menü, von einem der umliegenden Restaurants direkt an die Plastikplane geliefert. Auch die japanische Lebensmittelindustrie will über die rosa Blüten auf einen grünen Zweig kommen: Zahlreiche Süßigkeiten gibt es im Frühling in einer rosa Sonderedition mit säuerlichem „Sakura“-Geschmack: Kirschblüten-Kitkat, Kirschblüten-Bonbons, Kirschblüten-Schokolade, Doppelkekse mit Kirschblütencremefüllung… „Sakura“ schmeckt frisch und säuerlich, aber nicht nach Kirsche: Denn aus all der Blütenpracht erwachsen im Herbst keine Kirschen. Sakura sind reine Zierpflanzen, fruchtfrei hochgezüchtet, für den Kult kollektiver Frühlingsgefühle.

Strikte Verhaltensregeln

Vom Ueno Lions’ Club gespendete temporäre Tafeln weisen auf das richtige Verhalten bei der Blütenbetrachtung hin, die mehr oder weniger eingehalten werden: Es ist verboten, schon vormittags Plätze zu belegen, mit Karaoke-Maschinen die Stimmung anzukurbeln oder Gaskocher zu benutzen.

Die Lichter der zur Kirschblüte angebrachten rosa Lampions gehen um acht Uhr abends aus. Bald lösen sich die Partys auf. Die inzwischen reichlich betrunkenen Blumenfreunde steuern auf die U-Bahnen zu. Und auch zu Hause im Vorort, eineinhalb Stunden später, schwingen noch rosa Plastikblüten von den Strommasten.

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