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Eine neue Form des Wanderns oder bloß Mountainbiken für Faule? Roswitha Fitzinger ist in Gosau mit dem E-Mountainbike auf 1300 Meter Seehöhe geradelt und hat dabei mehr als nur Wald gesehen.

Von Roswitha Fitzinger, 10. September 2017 - 15:00 Uhr

Eines vorweg. Es ist dies der Selbstversuch einer Person, die sich gerne bewegt, ob laufend, gehend oder bergwandernd, ob mit Inline-Skates oder Langlaufskiern unter den Füßen. Radpedale allerdings berühren diese Füße selten, die Gründe seien dahingestellt, nur so viel: Um diese Art der Fortbewegung wurde bisher ein großer Bogen gemacht.

Groß werden auch die Augen, als sie die drei Zoll breiten Stollenreifen jenes fahrbaren Untersatzes erblicken, der mich auf 1300 Meter Seehöhe befördern soll. Ich ihn oder doch er mich...? Ich hoffe auf Letzters, kann die Augen kaum abwenden von den wuchtigen Rädern. "Die sind notwendig für die Forststraßen hier", sagt Karl Posch, erfahrener Mountainbiker. Seit dem Frühjahr ist der Sport-Marketing-Experte auch Betreiber eines E-Mountainbike-Verleihs in Gosau. Er hat Bedarf gesehen und sich nicht verschätzt.

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Mountainbiken mit Blick auf den Gosaukamm.  
Bild: rofi

Zurück zum Bike, das den Namen Focus Bold² trägt und das erst einmal eingeschaltet werden will. Der Knopf auf der Mittelstange leuchtet, die Schalter links und rechts sind schnell erklärt. Rechts ist man Herr über zwölf Gänge. Links kann Frau wählen wie viel der 400 Watt Leistung des Akkus sie zur Verfügung haben möchte. Gering ist die Unterstützung im "Eco"-Modus, dynamisch im "Trail" und wenn die Steigung ihrem Namen alle Ehre macht, gibt es noch den "Boost"-Modus.

10.15 Uhr, mitten in Gosau auf 767 Metern Seehöhe. Flott wird in die Pedale getreten, ordentlich Meter gemacht in der Ebene, aber auch später als Höhenmeter und Bäume mehr werden. Es geht ordentlich bergauf, Kurve um Kurve um Kurve, doch weder brennen die Oberschenkel noch fließt der Schweiß in Strömen. Während sich die Stollen in den Schotter beißen, bleibt Luft, um sich zu unterhalten – über den neuen Trend E-Mountainbike.

Von Alm zu Alm

Drei Viertel aller Mountainbiker, schätzt Posch, seien hier im Inneren Salzkammergut bereits elektrisch unterwegs, die Bedingungen schlichtweg ideal. "Wir haben 1500 Kilometer Forststraßen. Alle gehören den Österreichischen Bundesforsten und dürfen befahren werden", sagt Posch. Strecken für adrenalingesteuerte Trialfahrer gebe es hier nicht, vielmehr könne man gemütlich von Alm zu Alm fahren, Almhopping nennt es Marketing-Mensch Posch.

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Siglinde und Franz Fasl bewirtschaften die Badstubnalm  
Bild: Karl Posch
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Ein Augenschmaus  
Bild: rofi

Die erste ist nach gerade einmal 45 Minuten erreicht. Die Tür der Badstubnhütte auf 1340 Meter Seehöhe steht offen. Siglinde Fasl kocht gerade. Ihr Mann kommt von der Waldarbeit, der Borkenkäfer hat sich auch hier festgebissen. Seit 2007 bewirtschaften die beiden von Juni bis Ende Oktober die Hütte, die einst eine Schleifsteinhauerhütte war. Man sieht es nicht auf den ersten Blick, aber die Gegend hier ist ein Bergbaugebiet der besonderen Art. "13 Familien haben 1763 von Maria Theresia das Recht zum Schleifsteinhauen bekommen", erklärt Franz Fasl: "Jede bekam einen eigenen Bereich zugewiesen, in dem nur sie abbauen durfte." Mit Schlitten wurden die runden aus dem Stein gehauenen Schleifstücke schließlich ins Tal gebracht. 20 bis 25 Waggons voll mit Schleifsteinen, jeder 13 Tonnen schwer, wurden jährlich abgebaut und hauptsächlich nach Böhmen gebracht, um dort Glas und Schmuck zu schleifen.

Das Recht zum Schleifsteinbrechen bestehe bis heute, so Fesl. Seit 1989 wird das Handwerk von vier Familien zu Schauzwecken und um es nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, wieder ausgeübt. Es ist nicht die einzige Besonderheit hier. Nur wenige Radminuten entfernt liegt das Löckernmoor, ein 10.000 Jahre altes Hochmoor.

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Abstecher in das Löckernmoor  
Bild: rofi

Die Latschen wachsen gut zwei Meter in den Himmel, Löckern heißen sie hier und haben der Gegend seinen Namen gegeben. Der Fußmarsch auf dem Holzsteg dauert nur wenige Minuten und endet am Löckernsee. Größenmäßig eher einem Teich gleichend, breitet er sich mit seinem dunklen Wasser auf der Hochebene aus. "Jetzt muss man sich das im November vorstellen. Es ist kalt. Der See liegt blitzblank da, die Vögel sind weg, du hörst nichts. Absolute Stille. Einzigartig", sagt Franz Posch während ein leichters Lüfterl weht und auch das ein oder andere Gezwitscher zu hören ist. Der Blick bleibt am Plassen hängen, dem Berg, in dem das Salz lagert, und wandert weiter zu den wuchtigen Zacken des Gosaukamms.

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Löckernsee: Einsamkeit und Stille kennzeichnen diesen Platz  
Bild: rofi

Schwer fällt das Aufstehen von den Holzbänken – nicht, weil die Gliedmaßen müde wären, sondern die Ruhe gut tut. Und weil die Zeit nicht drängt, wird der Rückmarsch noch etwas hinausgeschoben. "E-Mountainbiken entschleunigt einfach", sagt Posch in die Stille hinein: "Zeit spielt keine Rolle, weil du viel weitere Wege zurücklegen kannst." Das wüssten auch die Hüttenwirte hier zu schätzen, sagt er, weil sich die Radler bei ihnen nicht nur stärken, sondern auch noch Zeit haben für Kaffee und Kuchen. Irgendwann wandern auch wir weiter – auf zwei Rädern.

Das letzte Stück zur Plankensteineralm hat es in sich, 18 Prozent Steigung schätzt der E-Mountainbike-Experte. "Das ist etwas für den Boost", sagt Posch und lässt der Ankündigung Taten folgen. Keine schlechte Idee, denn der Trail-Modus wird langsam doch etwas beschwerlich. Lediglich ein, zwei Sekunden verstreichen bis sich das 20-Kilo-Gefährt zu einer kleinen Rakete entwickelt. Der unerwartete Schub entlockt ein gleichermaßen herzhaftes wie lautes Lachen, das irgendwann verstummt. Der plötzliche Tempoanstieg fordert Konzentration, um die Kontrolle nicht zu verlieren. Spaß macht es trotzdem. Oben auf der Hochebene Almidylle wie aus dem Bilderbuch: Eine blecherne Milchkanne hängt kopfüber an der Hüttenwand, zwei Kälbchen liegen einträchtig in der Almwiese, die Ohrenmarken größer als die Hautlappen, an denen sie hängen. Da macht es nichts, dass Leni, die Almwirtin, gerade nicht da ist. Die Fahrt geht weiter, das erste Mal steil bergab. Posch mahnt zur Vorsicht: "Man sollte sich langsam an das Tempo herantasten. Die Geschwindigkeit nicht unterschätzen." Wie das Kuratorium für Verkehrssicherheit kürzlich verlauten ließ, verletzten sich im Vorjahr 630 Oberösterreicher bei Unfällen mit E-Bikes. Ein Umstand, der Ärzte veranlasste, Alarm zu schlagen. Karl Posch führt die steigende Zahl an Unfallopfern auf die zunehmende Zahl an Mountainbikern zurück. Schließlich habe das E-Mountainbike den Kreis der Biker vervielfacht.

Pofesen und ein Schnapserl

Es geht immer noch bergab. Wie eine Wand kommt der Gosaukamm näher, die Bremsen werden abwechselnd vorn und hinten beansprucht. Es rüttelt und schüttelt, die Hände kribbeln irgendwann. Da kommen die Bankerl am Rand der Schotterstraße gerade recht. Zum Ausblickgenießen stehen sie da. Eine Einladung, die gerne angenommen wird, auch weil sich die Bergabfahrt anstrengender gebärdet als erwartet. Sturzfrei wird kurze Zeit später zur Ebenalm abgebogen. Almwirtin Hanni Novak verköstigt die Gäste unter anderem mit selbst gemachter und herrlich schmeckender Kaspressknödelsuppe und Zwetschenpofesen. Ihr Mann kommt mit einem Zirbenschnapserl daher, das nicht minder mundet, wenn auch klein ausfällt. Schließlich soll auch die letzte Etappe hinab zum Gosausee und nach Gosau nichts passieren.

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Auf der Ebenalm: Gaumenschmaus (frisch gemachte Zwetschkenpofesen)  
Bild: rofi

Sechs Stunden und 38,4 Kilometer nach dem Start ist die E-Mountainbike-Wanderung zu Ende, der Körper vollgepumpt mit frischer Luft und gut verausgabt – wäre da nicht das Hinterteil, das schmerzt...

Information: Der E-Bike-Verleih von Karl Posch (Nemo Point) ist täglich von 8-10 und 17-19 Uhr geöffnet. Es werden nur E-Mountainbikes verliehen. Pro Tag 35 Euro. Kontakt: 0664 2029932, karl.posch@gosau.cc.

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