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Geldstadt will Genussstadt sein

Bild: Switzerland Tourism

Geldstadt will Genussstadt sein

Zürich, die international bedeutende Zentrale des Schweizer Finanzwesens, will nicht mehr vorwiegend durch seine Banken und Versicherungen berühmt sein. Die "Food Zurich", ein Feuerwerk von Genuss-Events, soll das Image der Stadt ändern.

Von Josef Achleitner, 23. September 2017 - 00:04 Uhr

Die größte Stadt der Schweiz, mit 420.000 Einwohnern gerade doppelt so groß wie Linz, hat ihren Weltruf vom Geld. Hier residieren die traditionellen, international tätigen Banken UBS, Credit Suisse, die Nationalbank, die Kantonalbank und 100 Auslandsbanken. 45.000 Menschen arbeiten hier im Bankengeschäft. Doch die Finanzwirtschaft hat spätestens seit der Weltwirtschaftskrise eine Delle bekommen, die Banken rechnen mit einer harten Zukunft.

Nicht, dass Geld in der reichsten Stadt des Landes weniger Rolle spielen würde. Nein, man sieht es an allen Ecken und Enden: Die Lamborghini-, Maserati-, Bentley- oder Porsche-Dichte ist um das x-Fache höher als in Österreich, die Preise in den besseren Lokalen sind dem Anspruch und den Geldbörsen des Business-Publikums angepasst.

Doch Zürich ist, wie der Milliardärssohn, Popmusik-Revolutionär ("Yello") und Multi-Unternehmer Dieter Meier sagt, inzwischen auch eine "Unterhaltungsstadt" geworden. Pop-Ereignisse, Festivals (demnächst fängt das Zürcher Filmfestival an), ein schier unübersehbares Angebot von Bars, Restaurants, insgesamt mehr als 2000 Lokale und natürlich der glasklare Zürichsee, der im Fluss Limmat durch die Stadt abfließt, mit seinen "Badis", den Badeanstalten, machen die Geldstadt auch zur Freizeitstadt.

Den Touristikern war schon länger klar, dass Business-Kunden und Bewunderer der sehenswürdigkeiten alleine auf Dauer nicht zukunftsträchtig sein würden. Sterne- und Haubenträger unter den Zürcher Köchen, innovative Produzenten und die Vielzahl an kulinarischen Einzelaktionen werden seit dem Vorjahr zur gerade abgelaufenen "Food Zurich" zusammengefasst, die die OÖNachrichten besucht haben. Vorbild ist Kopenhagen, das mit seiner Event- und Naturkulinarik Erfolge feiert. Zürich soll zur kulinarischen Weltstadt werden, so die Devise.

Geldstadt will Genussstadt sein
Schlangen bei den Ständen der Food Zurich, deren Events über die ganze Stadt verteilt waren..  
Bild: Food Zurich

Tradition in der "Oepfelchammer"

Doch bevor es ins Getümmel und die Qual der Wahl unter den insgesamt 150 Ess-Veranstaltungen geht – ein Blick zurück und auf das Bodenständige, das auch nicht zu verachten ist. Ein Mittagessen in der "Oepfelchammer" (Äpfelkammer), dem ältesten noch original erhaltenen Restaurant und Weinhaus von Zürich. Alles in Holz, natürlich auch der vorwitzige Affe, der an der Ecke des Teilers zwischen zwei Esstischen thront. An der getäfelten Wand ein Bild (nicht das einzige im Haus) des Dichters Gottfried Keller ("Der grüne Heinrich"), der zu seinen Lebzeiten im 19. Jahrhundert hier gerne gebechert haben soll. Jedenfalls ist Keller schräg gegenüber aufgewachsen.

Hier kann man ein Grundnahrungsmittel der Schweizer kosten, das "Röschti" (Rösti), ein einfaches, sehr sättigendes Gericht aus vorgekochten, geriebenen Erdäpfeln, die in der Pfanne in der Form eines dicken Omelettes beidseitig knusprig gebraten werden, innen aber weich sind. Die Rösti gibt es als Hauptspeise oder auch etwa zum Zürcher Geschnetzelten aus Kalbfleischstreifen in Rahmsauce. Ja, und die Ur-Zürcher essen außer den "Hacktätschli" mit Honig-Senfsauce (ähnlich unseren Fleischlaibchen) auch noch gerne "Fisch-Chnuschperli", in Bierteig gewendete und in Fett knusprig gebratene Fischstücke aus dem Zürchersee (etwa Felchen). Chnuschperli essen Einheimische auch gerne aus der Hand.

Übrigens: Weil der See so sauber ist, fehlt den Fischen Phosphat und sie wachsen langsam, werden auch nicht so groß, wie sie genetisch könnten.

Geldstadt will Genussstadt sein
Gemeinsam kochen und essen im öffentlichen Raum  
Bild: Food Zurich

"Mistkratzerli" im Nobelhotel

Von den insgesamt 150 Veranstaltungen der "Food Zurich" gibt es am vergangenen verlängerten Wochenende auch noch ein gutes Dutzend, die Entscheidung fällt auf das Hotel Ambassador a l'Opera, in dem an diesem Abend fünf in der Schweiz tätige Spitzenköche zwölf (kleine) Gänge bieten. Irma Dütsch etwa, erste schweizerische Köchin des Jahres, überzeugt mit einer Fendantsuppe (Weißweinsuppe mit Käse), einem Raclette ganz ohne derbe Käsetöne und einem Rindstatar mit Flusskrebsen. Bemerkenswert bei all dem Feinen noch: die für Nicht-Schweizer kurios klingende "Mistkratzerli-Rehroulade auf ostindischem Gemüseragout". Der zartrosa gebratene Rehrücken ist dabei umgeben von einem Hendlfilet. Und ländliche Eidgenossen nennen das Federvieh eben nach dessen liebster Tätigkeit.

Experimentierfreudig, wenn auch mit Augenzwinkern, zeigt sich David Krüger, der aus Deutschland kommende Küchenchef des Hauses. Er kommt mit zartem Stockfisch daher, getrocknetem Fisch am Spieß, wie er über Jahrhunderte Seefahrern als haltbares Grundnahrungsmittel diente. Krüger belässt es aber bei kurzen Einsalz- und Trocknungsprozessen, die im Norden lange übliche Methode des sehr langen Trocknens im Freien ist in den Augen vieler Mitteleuropäer ja eher Gammelfleisch-Produktion.

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Mistkratzerli-Rehragout: Das Hendl als Mantel  
Bild: ach

Zürcher aus 130 Nationen

Das Street Food Festival auf dem Platz des ehemaligen Hardturm-Stadions der Grasshoppers Zürich ist älter als die jetzige Dachveranstaltung und passt sehr gut zu dieser multikulturellen Stadt. Menschen aus 130 Nationen leben in Zürich, der Ausländeranteil liegt bei 32 Prozent. Vom Kaiserschmarrn bis zum koreanischen Burger, vom peruanischen Ceviche-Fisch bis zum jemenitischen "Food-Truck" reicht die kaum übersehbare Palette. Auch Inländisches ist auf dem Programm: Zürcher Bratwurst mit Zwiebelsauce etwa oder Schweizer Apfelmost.

Das Publikum ist jung, international und fürs Probieren zu haben. Mindestens zur Hälfte jung und weiblich auch die Besucher im Hotel am Vorabend. Ganz ähnlich sieht es bei der Abschiedsparty der elf Genusstage aus, die einige tausend Besucher anzieht – Millionärsfamilien von der "Goldküste" (ganztägig Sonne) und der "Silberküste" (Sonne nur halbtägig) an den Ufern des Zürcher Sees ebenso wie Motorrocker, Durchschnittsbürger und viele Junge, in Gruppen oder als Paare.

Ob die Zürcher damit schon zu den zehn "Hotspots" des Genusses auf der Welt aufschließen, wie das Zürich-Tourismus-Chef Martin Sturzenegger gerne möchte. Fachjournalisten wie Daniel Böniger vom "Tages-Anzeiger" bezweifeln das: es fehle noch "ein klares Ziel". Jetzt aber: Ein verlängertes Wochenende nur gut essen ist natürlich nicht besonders gesund. Ausgleich gibt es in der pittoresken Altstadt Zürichs aber genügend.

Lenin plante hier die Revolution

In der Altstadt an der Limmat ziehen zwei historische Jahrestage die Touristen an. Im Haus Spiegelgasse 16 hat vor 100 Jahren der russische Radikalsozialist Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, die Oktoberrevolution vorbereitet und seine Genossen in St. Petersburg instruiert. Das Haus wurde wegen Baufälligkeit Anfang der 1970er Jahre abgerissen und neu gebaut. Eine Tafel erinnert noch an den Mann, der hier in einem Zimmer mit seiner Frau Krupskaja wohnte, die sich über den Fleischgestank im Hinterhof beschwerte. Lenin selbst konnte mit den "Spießern", den kompromissbereiten Zürcher Sozialdemokraten, wenig anfangen. Dennoch: einer von ihnen organisierte ihm die von Deutschland unterstützte Bahnfahrt in die Heimat und damit die baldige Machtübernahme.

Zürich ist auch eine Reformationsstadt, wenn auch das Lutherjahr nur indirekt für die Schweiz wichtig ist. Das Grossmünster, mit seinen zwei Türmen das Wahrzeichen der Stadt, war jener Ort, an dem Ulrich Zwingli 1519 seine Predigten von der Alleingültigkeit der Bibel begann und durch starken Einfluss auf die Ratsherren bald auch die Politik bestimmte.

Züritipp

Fürs Wochenende: Mit dem ÖBB-Nachtzug begann von Donnerstag auf Freitag die von Schweiz Tourismus und Zürich Tourismus betreute Reise. Ankunft um 8.20 Uhr, Check-in im Hotel, womit ein kompletter Tag fürs Programm bleibt. Die Rückreise mit der Bahn dauert nach Linz sechseinhalb Stunden, man wird für die Geduld mit dem Blick auf wunderbare Seen- und Alpenlandschaften entschädigt.

Food Tours: Genusstouren werden in Zürich in vielen Varianten angeboten: per Bus, per Schiff oder zu Fuß, mit Käse, Schokolade und auch kombiniert mit Sightseeing.

Schwyzerdütsch kulinarisch: Die Küche ist die Chuchi, die Rübe ist das Rübli, Rösterdäpfel ein Röschti, das Geschnetzelte ist das Gschnatzlete, das Wirtshaus eine Beiz, und Übriggebliebenes heißt Vörigs.

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